Ehrgeiziger Kleinverlag: Detlev Kopp inmitten einiger Buchtitel aus dem Programm des Bielefelder Aisthesis-Verlags. - © Maria Frickenstein
Ehrgeiziger Kleinverlag: Detlev Kopp inmitten einiger Buchtitel aus dem Programm des Bielefelder Aisthesis-Verlags. | © Maria Frickenstein

Bielefeld Aisthesis Verlag seit 30 Jahren erfolgreich

Literaturwissenschaftlicher Fachverlag bringt jährlich etwa 50 Bücher heraus

Maria Frickenstein

Bielefeld. Fast aus dem Nichts und mit viel Herzblut entstand der Bielefelder Aisthesis Verlag und mauserte sich in drei Jahrzehnten zu einem etablierten Fachverlag für Literatur- und Kulturwissenschaft. Jeweils etwa 50 Bücher erscheinen pro Jahr. Mehr als tausend Titel kamen in den Buchhandel, und das Überraschende ist: Die meisten Bücher sind noch lieferbar. „Wir hatten damals jeder 100 D-Mark“, erinnert sich Detlev Kopp. Der Verleger hatte an der Bielefelder Uni über Grabbe promoviert und lehrt seit Ende 2010 als Honorarprofessor an der Universität Osnabrück. Gemeinsam mit Michael Vogt, ebenfalls promovierter Germanist, meldeten die beiden Verlagsgründer am 1. September 1985 beim Ordnungsamt für zehn Mark ihr Gewerbe an. Eine Schreibmaschine gab es. Sie ließen sich Briefpapier drucken und Verlagsplakate. Zweimal wechselte das als literaturwissenschaftlicher Fachverlag gestartete Unternehmen den Standort, von der Großen-Kurfürstenstraße in die Mühlenstraße, von dort an den heutigen Stammsitz am Oberntorwall 21. Mit „Grabbe im Dritten Reich“ über den Detmolder Dramatiker erhielt das erste Buch eine ISBN-Nummer. Zur gleichen Zeit erschien ein Ausstellungskatalog über „Hertha Koenig“. „Das war das erste Buch, das wir 1.000 Mal verkauft haben“, erinnert sich Detlev Kopp an den Katalog über die westfälische Schriftstellerin. „Wir setzten von Beginn an auf bestimmte Epochen und Buchreihen“, so der Verleger. Dazu gehörte der Vormärz von 1815-1848, die Weimarer Zeit. Es entstanden Bücher zur Avantgarde, sei es über die Kunstbewegung Dada oder Autoren wie Ernst Jandl, Gerhard Rühm und Helmut Heißenbüttel, Friederike Mayröcker und vor allem Arno Schmidt. „Jörg Drews hat uns immer sehr unterstützt“, erinnert sich Kopp an den 2009 verstorbenen Literaturwissenschaftler, der gemeinsam mit Klaus Ramm 1978 das Bielefelder „Colloquium Neue Poesie“ ins Leben rief. Aisthesis veröffentlichte eine CD zum 25. jährigen Bestehen des Colloquiums. Stolz ist Detlev Kopp über einen seiner Autoren: „Georg Lukács gibt es nur noch bei uns. Wir haben alle deutschen Rechte.“ Der Verlag bleibt nicht stehen und es entstand die äußerst erfolgreiche Reihe „Psyche“. Hier stieß George A. Bonannos „Die andere Seite der Trauer“ bei Laien und Profis auf großes Interesse. Auch Gisela Dischners „Wörterbuch des Müßiggängers“ fand zahlreiche Leser. Immer wieder rückt Aisthesis auch westfälische Autoren in den Fokus, zum Beispiel gemeinsam mit der Nyland-Stiftung. Die Nyland-Reihe, viele herausgegeben von Walter Gödden, wissenschaftlicher Leiter des Museums für Westfälische Literatur Haus Nottbeck in Oelde-Stromberg, ermöglicht einen neuen Zugang zu heimischen Dichtern. Vieles blieb erhalten, vieles hat sich in 30 Jahren verändert. Der Mitbegründer Michael Vogt schied 2013 aus. Seit 15 Jahren sorgt Germano Wallmann als externer Hersteller in Gronau für den Druck. Als Lektorin und Produktmanagerin gesellte sich 2004 Isabell Pielsticker zum Verlag, 2011 Hanns-Martin Rüter, in Teilzeit lektoriert Horst Albers. Entschieden wird alles gemeinsam, denn längst kann der Verlag nicht mehr alle Angebote annehmen. Positiv fiel die Wahl des Verlagsteams kürzlich auf ein Begleitbuch zur Ausstellung „bibliophil, engagiert, ehrgeizig. Große Literatur in kleinen Verlagen“, herausgegeben von Walter Gödden. Es ist eine Fundgrube über Nischenverlage, in denen „experimentiert, improvisiert und gern auch provoziert“ wird. Ambitioniert ist die seit 2009 gestartete neunbändige Reihe „Essay und Publizistik“ von Heinrich Mann und auch die „argonautenpresse“ als literarische Edition. Ans Aufhören denkt Detlev Kopp mit 62 Jahren noch lange nicht. Dazu hat er zu viel vor und wie immer Spaß an der Sache mit dem Verlegen: „Meine Hoffnung ist, dass ich bei Aisthesis die 70 noch voll mache.“

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