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Wortgewaltig: Tobias Mann (Mitte, kariertes Hemd) und Gunter Dueck (rechts neben Tobias Mann) sind nur zwei der stetig wachsenden Gruppe von Denkfunkern. - © GRAFIK: NW
Wortgewaltig: Tobias Mann (Mitte, kariertes Hemd) und Gunter Dueck (rechts neben Tobias Mann) sind nur zwei der stetig wachsenden Gruppe von Denkfunkern. | © GRAFIK: NW

Kultur Kabarettisten gründen kritisches Portal "Denkfunk"

Ob Ukrainekrieg, Griechenlandkrise oder Pegida - das Meinungsportal "Denkfunk" bezieht Position

Johann Vollmer
21.02.2015 | Stand 21.02.2015, 10:41 Uhr

Was tun, wenn die Große Koalition mit der größten Machtfülle aller Zeiten die Schmalhans-Küchenmeister-Opposition niederstimmt und von oben herab durchregiert? Resignieren? Kommt nicht in Frage, sagen einige der besten Kabarettisten, Comedians, Autoren und Wissenschaftler des Landes und befeuern die außerparlamentarische Opposition. Ihre neuartige Plattform heißt Denkfunk. So mancher Satz von Bertolt Brecht ist aktueller denn je: In seiner Radiotheorie schrieb er Ende der 1920er Jahre: "Ein Mann, der was zu sagen hat und keine Zuhörer findet, ist schlimm daran. Noch schlimmer sind Zuhörer daran, die keinen finden, der ihnen etwas zu sagen hat." Meinung und Haltung sind in den derzeit politisch unruhigen Zeiten gefragt. Mit dem Denkfunk entsteht nun ein neuartiges Meinungsportal im Netz. Unterstützt wird die Non-Profit-Aktion von den Machern der "Anstalt" (ZDF), Max Uthoff und Claus von Wagner. Unter den inzwischen 45 Denkfunkern sind mit Andreas Rebers, Christoph Sieber und Tobias Mann gestandene Größen des Anstalts- und Satire Gipfel (ARD)-Personals. Aber auch Finanzexperten wie Dirk Müller halten mit ihren Ansichten nicht hinter dem Berg. Erst seit zwei Monaten stellen die Autoren ihre Werke ein, bis zu 100.000 Mal werden die Videos bereits auf Facebook und in anderen Netzwerken angeklickt. Ukrainekrieg, Griechenlandkrise, Pegida - "für Kabarettisten sind es gute Zeiten, aber als Mensch schlägt man die Hände über dem Kopf zusammen", sagt Tobias Mann. Der 38-Jährige gehört zu den ersten Denkfunkern. Klare Kante mit Satire, dafür hat er nach einem pegidakritischen Beitrag prompt anonyme Prügelandrohungen erhalten. "Wir wollen und sollen bewusst Risiken eingehen und mit unserem Namen für die Meinung stehen. Ich schlüpfe in keine Rolle", erklärt der Kabarettist.Redaktion gibt Wochenthema vor Nicht alle zu allem, sondern alle zu einem, lautet das Prinzip des Denkfunks. Ein Wochenthema gibt die sechsköpfige Redaktion den Denkfunkern vor. Wer dazu senden möchte, darf das unzensiert - aus dem Tourbus, von Zuhause oder wo immer er oder sie sich gerade befindet. "Viele Kollegen haben früher politische Inhalte gemieden wie der Teufel das Weihwasser. Jetzt können sie gar nicht mehr anders", sagt Mann. Zu den Denkfunkern gehört ab sofort auch ein ehemaliger Bielefelder. Der Mathematiker, Philosoph und Buchautor Gunter Dueck war Mitte der 80er Jahre Professor für angewandte Mathematik an der Universität Bielefeld, später dann Chef-Technologe von IBM.Mit feiner Ironie Fehler entdecken Zu seinem Spezialgebiet gehören Optimierungsalgorithmen. Was abstrakt klingt, löst ganz praktische Probleme, etwa wie man Apothekenrundtouren, den Verkauf von Tiefkühlpizzen oder den Biertransport so plant, dass der Vertrieb nicht ins Stocken gerät. Dueck erkennt also die Fehler im System, egal ob in Ökonomie, Politik oder Gesellschaft - und das inzwischen mit feiner Ironie. Vor wenigen Tagen hat er sein neuestes Buch "Schwarmdumm" veröffentlicht. "Man muss den Mut haben, Missstände zu sehen und nicht wegzureden", sagt Dueck. "Schwarmintelligenz entsteht, wenn eine eingeschworene Gemeinschaft einem gemeinsamen Ziel nachgeht. Aber in der Realität ist in unserer Gesellschaft der Wettbewerb gewollt, bei Parteien, in Meetings . . . Schwarmdummheit ist das, was dabei am Ende herauskommt. Und dann heißt es: Mit diesem Kompromiss müssen wir leben", sagt Dueck. Hoch dotierte Vorträge hält der 60-Jährige vor Wirtschaftsbossen, um ihnen die Augen zu öffnen. Was ihn am honorarfreien Denkfunk interessiert? "Da kann man endlich mal seine Wahrheit sagen!" www.denkfunk.de

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