Bielefeld Hinter Gittern

Piper Kermans Buch "Orange Is the New Black" war die Vorlage für eine Serie

Anke Groenewold

Bielefeld. Piper Kerman war Anfang 20, hatte gerade das College abgeschlossen und keine Ahnung, was sie mit ihrem Leben anstellen sollte. Sie reizte das Abenteuer, das Risiko. Ihr gefiel der Lifestyle der coolen Lesbe von nebenan. Die hieß Nora, arbeitete für einen afrikanischen Drogenboss und weihte die junge Frau aus wohlhabender Bostoner Familie in ihre Geschäfte ein. Piper Kerman schmuggelte Drogengelder. Bald wurde es ihr zu brenzlig. Sie stieg aus. Einige Jahre später holte sie ihre kriminelle Vergangenheit wieder ein. Der Drogenboss war aufgeflogen und mit ihm sein Netzwerk. Piper Kerman wurde wegen Geldwäsche zu 15 Monaten Haft verurteilt. Doch es sollten noch knapp sechs Jahre vergehen, bis sie 2004 "vom Warten erschöpft" ins Gefängnis ging. Ihr Leben hinter Gittern beschreibt die heute 45-jährige Amerikanerin in einem Buch, das jetzt auf Deutsch erschienen ist: "Orange Is the New Black" (Orange ist das neue Schwarz). Es diente als Vorlage für die gleichnamige Serie, die der Streamingdienst Netflix produzierte. Kerman ist eine genaue Beobachterin. Plastisch schildert sie den Alltag in dem Gefängnis mit 1.400 Insassinnen, von denen die meisten nach Kermans Angaben wegen Drogenhandels einsitzen. Wobei es hinter Gittern ein ungeschriebenes Gesetz ist, nie danach zu fragen, wofür jemand verurteilt wurde."Wir brauchten einander" Kerman schreibt ohne Selbstmitleid. Sie hat Einfühlungsvermögen und ein feines Gespür für die Dynamik des menschlichen Zusammenlebens. Ihr lebendiges und spannendes Buch lebt nicht zuletzt von den herzlichen, respektvollen Porträts ihrer Mitgefangenen. Mit vielen der Frauen hatte sie nicht viel gemein, erklärt Kerman, aber klar war auch: "Wir brauchten einander." Als Neuling in der "surrealen Welt" des Gefängnisses lernt Piper Kerman schnell, sich vorsichtig zu verhalten und nicht zu viel zu reden. Nicht aus Angst vor körperlicher Gewalt, für die es keine Anzeichen gegeben habe, so Kerman, sondern aus Angst, gegen die vielen offiziellen und inoffiziellen Regeln zu verstoßen. Aber sie spürt auch, wie Mitgefangene auf sie aufpassen, wie kleine Akte der Freundlichkeit den Alltag erleichtern und Nähe schaffen. An guten Tagen hätten entschiedene Kameradschaft und derber Humor geherrscht, an schlechten Tagen Drama und boshafter Tratsch. "Eine wahnsinnige Ansammlung an Menschen ruft wahnsinniges Verhalten hervor", so Kerman.Kaffezubereiten als haltgebendes Ritual Halt geben ihr Rituale wie die Kaffeezubereitung am Morgen. Joggen und Gewichtheben werden überlebenswichtig. Es sind die einzigen Aktivitäten, die für die Eingeschlossene mit einem Gefühl von Freiheit und Kontrolle über das eigene Leben verbunden sind. Die Macht haben allein die Wärter, und das negative Spektrum dieser Macht reicht von verbalen Erniedrigungen bis zu Missbrauch. "Ihr Wort gilt alles, das der Gefangenen fast nichts." Die Autorin betont mehrfach, dass sie es vergleichsweise gut getroffen hat. Ihre Haftzeit ist überschaubar und wird auf 13 Monate verkürzt. Vor allem hat sie Menschen, die sie stützen: ihr Freund Larry, ihre Familie, Freunde. Ins Gefängnis schicken sie haufenweise Bücher und Briefe und statten ihr Besuche ab. "Nur die Nonne bekam mehr Post als ich", schreibt Kerman. Auch in der Zeit nach der Entlassung hat sie damit optimale Startbedingungen, Job inklusive. Damit ist sie eine Ausnahme. Die US-Regierung stecke nicht nur gefährliche Menschen ins Gefängnis, sondern auch unbequeme wie psychisch Kranke, Drogenabhängige, Arme und Ungelernte, kritisiert Kerman. Das System ziele einzig auf Bestrafung ab. Kaum etwas werde unternommen, die Gefangenen auf das Leben in Freiheit vorzubereiten.Gefangene zurück in die Gesellschaft Die "Kurse", die kurz vor der Entlassung stehenden Frauen angeboten werden und die auch Kerman besucht, sind eine Farce. Für Kerman ist Einfühlungsvermögen entscheidend, wenn es darum geht, ehemalige Gefangene wieder in die Gesellschaft zurückzuführen. Nicht zuletzt übt Kerman Kritik an der US-Drogenpolitik, dem "War on Drugs", den sie als Hauptgrund dafür ansieht, dass derzeit nirgendwo mehr Menschen im Gefängnis sitzen als in den USA. Heute arbeitet Piper Kerman als Kommunikationsexpertin und wirbt für eine Reform des US-Gefängnissystems. "Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht in irgendeiner Weise an das Gefängnis denke", sagt sie.

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