In Schweden hat der Guru Timm Kruse aus dem neuen Ashram geworfen, weil eine Guru-Vertraute sich in ihn verliebte. - © Foto: Verlag
In Schweden hat der Guru Timm Kruse aus dem neuen Ashram geworfen, weil eine Guru-Vertraute sich in ihn verliebte. | © Foto: Verlag

Timm Kruse: Mit Guru auf Butterfahrt

Der Detmolder Autor erzählt von einem abenteuerlichen Trip

VON ANKE GROENEWOLD

Bielefeld. Als der 38-jährige Detmolder Timm Kruse einem indischen Guru begegnet, verändert dieses Erlebnis alles. Er gibt Familie, Freundin, Job auf und folgt dem Guru erst nach Indien und dann rund um die Welt. Er hält zu ihm, auch als das Bild vom "Göttlichen" zu bröckeln beginnt. Bis ihn der Guru rauswirft. Wegen einer Frau.

Von dieser abenteuerlichen wie einschneidenden Erfahrung erzählt der heute 44-jährige Journalist in seinem ebenso skurrilen und auf unsentimentale Art anrührenden Buch "Roadtrip mit Guru - Wie ich auf der Suche nach Erleuchtung zum Chauffeur eines Gurus wurde". Es ist die irrwitzige Geschichte einer Sinnsuche, radikal ehrlich und mit Ironie und Leichtigkeit erzählt.

Fünf Jahre lang hat Kruse an dem Buch gearbeitet. Es habe eine Weile gedauert, bis er den richtigen Ton gefunden habe, erzählt Kruse im Interview. Und es lag ihm daran, seine Erlebnisse so neutral wie möglich zu schildern. "Das war schwer."

Auf einem Festival in Baden-Baden, das er besuchte, um indische Folkmusik zu hören, begegnet er Guruji zum ersten Mal. Als ihn der Guru umarmt, reagiert Timm Kruse unerwartet heftig. "Mein Herz brach auf." Erst hat er einen Heulkrampf, dann einen Lachanfall. Nach fünf Tagen "spirituellen Vollrauschs" bucht der damalige NDR-Fernsehjournalist für 650 Euro das Erleuchtungsseminar des Gurus in Indien. Seiner Freundin Gabi teilt er mit: "Ich werde eine Auszeit nehmen."

Segeln bis Tahiti

Es ist nicht seine erste Aussteiger-Erfahrung. 2002, im Jahr der Kirch-Pleite, kauft sich Kruse, der in der "ran"-Redaktion von Sat.1 gearbeitet hat, von seiner Abfindung in Südfrankreich ein Boot. Er geht zwei Jahre auf große Fahrt, segelt unter anderem bis nach Tahiti.

Was treibt ihn, so radikal mit seinem alten Leben zu brechen? "Die Sehnsucht nach einer harmonischeren, friedlicheren, weniger gierigen Gesellschaft", sagt der Autor. Einige Monate verbringt er im Ashram des Gurus. Der Tagesablauf ist immer gleich - vom Ingwertee frühmorgens um 5 bis zum Schlafengehen gegen 21 Uhr. Jeder bekommt Aufgaben zugewiesen.

Statt Freiheit zu finden, landet Kruse in einem System mit neuen Zwängen und Regeln, die den alten ähneln. Er fühlte sich ständig beobachtet. "Das System Guru fraß uns auf", schreibt Kruse. "So wie jede Firma. Wir alle glaubten, unentbehrlich zu sein. Wir suchten uns Nischen, in denen wir glänzen und dem Chef gefallen konnten. Wir identifizierten uns vollkommen mit ihm und seiner Mission. Er schweißte uns zusammen. Er fütterte unser Ego. Er war die zentrale Schaltstelle von allen und allem."

Kruse reist mit dem Guru, seiner Familie und der Entourage in neun Monaten durch zwölf Länder, unter anderem durch die USA und Kanada.

Zweifel plagen

Vordergründig dient die Tour dazu, seine Lehre zu verbreiten. Doch der eigentliche Zweck ist ein anderer. "Je länger wir unterwegs waren, desto deutlicher wurde, dass wir aus rein kommerziellen Gründen unterwegs waren: Der Guru wollte Appartements in seinem Ashram verkaufen und Geld für ein dubioses Healing-Center locker machen, das übrigens bis heute nicht steht."

Tim Kruse plagen immer wieder Zweifel. Er sieht die Ungereimtheiten. Er sieht, dass der Guru nicht so heilig ist wie er geglaubt hat. Dennoch "war in mir auch immer der feste Glaube, dass am Ende alles seine Richtigkeit haben würde", schreibt Kruse. Am Ende wirft ihn der Guru in Schweden aus dem neuen Ashram, weil sich eine seiner engsten Vertrauten in Kruse verliebt hatte. Er setzt sich in den Zug und kehrt heim nach Detmold.

Seine Eltern, die seinen "Roadtrip mit Guru" besorgt verfolgt haben, schließen ihren Sohn wieder in die Arme. "Wir sind immer für dich da. Egal, was du machst", sagt sein Vater. "Heute ist unser Verhältnis super", erzählt Kruse. Seine Eltern seien stolz auf das Buch, der Vater habe einige Passagen für das Hörbuch eingelesen. Mit Freundin Gabi und deren Tochter lebt er immer noch in Kiel zusammen.

Und der Guru? Hatte der wirklich etwas Besonderes? "Doch, der hat was", sagt Kruse im Rückblick. "Er ist ein charismatischer Mensch mit hoher sozialer Intelligenz, der sogar High-Society-Frauen dazu bringt, Klos zu putzen."

Das Leben mit dem Guru hat Timm Kruse geprägt. "Ich habe ein Stück Naivität verloren und bin gereift", sagt er. Und er weiß jetzt: "Man muss nicht zum Guru gehen, um sein Glück zu finden. Ich habe es als einziger selbst in der Hand." Für sich und sein Leben die Verantwortung zu übernehmen und sich nicht mehr abhängig zu machen von anderen, ist sein Weg. Was er im Ashram nicht fand, hat er sich aus eigener Kraft geschaffen: Timm Kruse hat eine Filmproduktionsgesellschaft. "Ich habe jetzt die Freiheit zu leben, wie ich wirklich will."

Information
Timm Kruse

Geboren 1970 in Detmold, studierte er in Saarbrücken und Wolverhampton Literatur- und Sprachwissenschaften.

Bereits während seines Studiums arbeitete er für deutsche Tageszeitungen.

Seit 1997 ist er Fernsehredakteur und arbeitete unter anderem für den NDR und das ZDF. Er war Wissenschaftsjournalist bei "Planetopia" und Sportreporter bei "ran".

2012 erschien sein Buchdebüt "40 Tage Fasten" (224 S., Heyne Verlag, 8,99 Euro).

Er hat eine eigene Filmproduktionsfirma und lebt in Kiel.

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