Wissenschaftstheoretiker Peter Finke: "Profis schmoren in ihrem Saft"

Interview mit dem Bielefelder über das Wissen der Laien

Laien müssen also nicht an die Hand genommen werden?
FINKE
: Nein, sie wissen selber, was sie zu tun haben, und machen sehr gute elementare Forschung. Es ist wichtig, diese Arbeit aufzuwerten; sie geschieht ehrenamtlich, aber das heißt nicht, dass sie kostenlos ist. Wenn etwa Naturschutzbehörden die Ergebnisse haben wollen, müssen sie ihren Besitzern abgekauft werden.

Sie meinen, die Arbeit der Laien sollte bezahlt werden?
Finke:
Nein, die Ehrenamtlichkeit soll unbedingt erhalten bleiben. Es fallen aber viele private Unkosten an, um gesellschaftsdienliche Forschung zu betreiben, die dringend gebraucht wird. Viele Ämter und Behörden wollen Zugriff auf die Forschungsergebnisse haben, die von den Laien kommen, damit sie ihre gesetzlichen Aufgaben erfüllen können.

Und warum machen sie die Arbeit nicht selber?
FINKE:
Sie sind darauf angewiesen, weil sie selber personell überfordert sind. Ohne finanzielle Unterstützung aus öffentlichen und privaten Mitteln wird das bürgerschaftliche Engagement auf manchen Gebieten aber kaum überleben können.

Sie schreiben, die professionelle Wissenschaft sei eher dem Machtdenken von Wirtschaft und Politik als der Wahrheitssuche verpflichtet.
Finke:
Nicht generell, aber leider immer häufiger. Es gibt manche Einmischung der Politik in die Wissenschaft, die sich nicht gehört. Und eine Einmischung bedeutet immer auch eine Einflussnahme. Zum Beispiel wird durch Mittelvergabe darüber entschieden, was gefördert wird. Besonders extrem ist das bei privat geförderter Wissenschaft; ich habe das in Witten-Herdecke selbst erlebt. Die Wirtschaft fördert fast immer nur das, was ökonomisch nutzbar sein könnte. Ein Wissenschaftsminister aus der Politik entscheidet über Lehrstuhlbesetzungen. In beiden Fällen geht der Eingriff in die Wissenschaft zu weit.

Kann Citizen Science mit der professionellen Wissenschaft mithalten?
Finke:
Überall wo es um Lebensnähe, Konkretheit und regionale Forschung geht, ist sie stark. Aber wenn es um Abstraktheit, Genauigkeit und Datenkontrolle geht, hat sicher die professionelle Wissenschaft die Nase vorn. Es geht nicht um einen Wettbewerb. Man muss beides sehen und beides fördern.

Welche Konsequenzen sollten daraus gezogen werden?
Finke:
Das Wichtigste ist, die Bedeutung der Bürgerwissenschaft wieder wahrzunehmen, zu würdigen und sie überhaupt durch Mittel zu fördern. Bislang bekommt sie nichts. Unsere Wissenschaftspolitik sollte weniger auf Spitze und Prestige, sondern entschieden auf Breite und Bildungsgerechtigkeit ausgerichtet werden. Nur dann werden wir eine Wissensgesellschaft. Das große Interesse, auf das mein Buch stößt, zeigt, dass es einen wunden Punkt getroffen hat.

  • Peter Finke: "Citizen Science, Das unterschätzte Wissen der Laien", Oekom Verlag München, 2014, 19, 95 Euro.


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