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Diabetes ist die am weitesten verbreitete Krankheit in Deutschland. Wie weit, ist vielen Bürgern nicht bewusst. - © Steve Buissinne
Diabetes ist die am weitesten verbreitete Krankheit in Deutschland. Wie weit, ist vielen Bürgern nicht bewusst. | © Steve Buissinne

Bad Oeynhausen Viele Menschen haben Diabetes und wissen es nicht

Zwei Millionen Menschen in Deutschland sind zuckerkrank – und ahnen nichts davon. Diethelm Tschöpe, Chefarzt am Herz- und Diabeteszentrum in Bad Oeynhausen, erklärt die Tücken der Volkskrankheit.

Jörg Stuke
01.12.2019 | Stand 30.11.2019, 14:45 Uhr

Bad Oeynhausen. Der Zucker kommt auf leisen Sohlen. „Diabetes tut nicht weh", weiß Diethelm Tschöpe, Klinikdirektor der Diabetologie am Herz- und Diabeteszentrum NRW, Bad Oeynhausen. Was dazu beiträgt, dass die Krankheit oft unterschätzt wird – was ihre Gefährlichkeit, aber auch, was ihre Verbreitung angeht. Denn Diabetes Mellitus Typ 2 ist inzwischen die Volkskrankheit Nummer 1 in Deutschland. Und die Zahlen, die die Internationale Dachorganisation zur Erforschung und Behandlung des Diabetes (IDF) dazu gerade vorgelegt hat, sind alarmierend. Aktuell geht die Diabetesgesellschaft von 9,5 Millionen Menschen aus, die in Deutschland an Diabetes erkrankt sind. Dramatisch ist die Steigerungsrate: „Seit 2017 hat sich diese Zahl um rund 25 Prozent erhöht", berichtet Tschöpe. Und: Die Diabetesgesellschaft schätzt, dass zu diesen Patienten mit Diagnose noch einmal zwei Millionen Menschen in Deutschland hinzukommen, die an Diabetes erkrankt sind, das aber noch gar nicht wissen. „Gefördert" wird die Erkrankung durch die Lebensweise Denn zu den Tücken der Zuckerkrankheit gehört, dass sie sich – zunächst – eben nicht bemerkbar macht. „Wenn ein Diabetes erkannt wird, dann hat er oft schon massive Schäden im Körper angerichtet", sagt Tschöpe. Dies können Gefäßerkrankungen sein, Durchblutungsstörungen oder Sehstörungen bis zur Erblindung. „Wir machen hier im Herz- und Diabeteszentrum die Erfahrung, dass etwa ein Viertel der Patienten, die mit einem kardiologischen Problem zu uns kommen, einen unerkannten Diabetes haben", berichtet der Klinikdirektor. Der Typ-2-Diabetes, so erklärt Tschöpe, ist eine komplexe Erkrankung. Zum einen gibt es eine genetische Disposition, die anfällig dafür macht, die Krankheit zu bekommen. „Gefördert" wird die Erkrankung durch die Lebensweise: ungesundes Essen mit zu viel Fett und zu viel Zucker und zu wenig Bewegung. „Sachertorte und Schweinebraten, dazu süße Cola trinken – wenn ich das reduziere und für etwas sportliche Bewegung sorge, kann ich das Risiko mindern und den Erkrankungszeitpunkt hinauszögern", sagt Tschöpe. Immerhin gibt es einige Alarmsignale, mit denen sich ein Diabetes ankündigt. „Habe ich ’ne Plautze?" Eine Vier-Punkte-Checkliste kann helfen, Diabetes zu erkennen:1. Gibt es Diabetesfälle in der Familie? Das könnte auf eine genetische Veranlagung für diese Stoffwechselerkrankung hinweisen. 2. „Habe ich ’ne Plautze?", formuliert es Tschöpe, der selbst seinen Bauchansatz nicht verleugnet, salopp. Denn deutliches Übergewicht fördert den Diabetes. Aber: Das heißt nicht, dass nicht auch Dünne an Typ-2-Diabetes erkranken können. 3. Sind meine Blutzuckerwerte erhöht? Ein Wert unter 100 Milligramm pro Deziliter (mg/dl) gilt als gut. „Liegt der Wert in nüchternem Zustand über 126, spricht das für Diabetes", sagt Tschöpe. In der Grauzone dazwischen empfiehlt der Professor für Endokrinologie einen Zucker-Belastungstest. Bei diesem erhält der Patient auf nüchternen Magen eine Glukoselösung, die 75 Gramm Zucker enthält. Nach zwei Stunden wird der Blutzuckergehalt erneut gemessen. „Liegt der Wert dann über 200, können Sie sicher davon ausgehen, dass Sie Diabetes haben", sagt Tschöpe. 4. Leide ich unter Atemnot? Eine solche Leistungseinschränkung kann ein Hinweis auf durch Diabetes verursachte Herz-Kreislauf-Probleme sein. Auch dann empfiehlt Tschöpe weitere Untersuchungen. Grundsätzlich gilt: Je früher ein Diabetes erkannt wird, desto besser. „Den Diabetes zu verhindern, ist ein extrem hohes Ziel", räumt Tschöpe ein. „Aber wir können Diabetes inzwischen sehr gut hinausschieben." Dazu steht ganz oben auf der Prioritätenliste die Information. „Zum einen für die Ärzte. Die müssen über die Grenzen ihrer Fachgebiete schauen", sagt Tschöpe. „Die Medizin muss durchlässiger werden", fordert er. Aber auch für die Patienten sei Information wichtig, damit sie ihren Ärzten erst einmal die richtigen Fragen stellen könnten. Zum Beispiel: Was ist die Ursache für meine Herzschwäche? Die Diagnose ändert das Leben grundlegend. Und für immer. „Wenn ein Patient die Diagnose Diabetes erhält, ändert das sein Leben grundlegend. Für immer", sagt Tschöpe. Denn die Zuckerkrankheit ist nicht heilbar. Und auch primär nicht tödlich. „Das führt dazu, dass der Diabetes oft unterschätzt wird, nach dem Motto: Das bisschen Zucker", berichtet Tschöpe. Die Erkrankung kann aber die Organe so massiv schädigen, dass der Patient daran verstirbt. „Es kann auch schick sein, sich gesund zu ernähren" Hier sollte die Behandlung ansetzen. Lebenserwartung und Lebensqualität eines Zuckerkranken können mit der richtigen Therapie deutlich verbessert werden. Im Diabeteszentrum des HDZ mit seinen 75 stationären Betten werden jährlich rund 2.000 zuckerkranke Patienten behandelt. Entscheidend sei, so Tschöpe, für jeden Patienten eine individuelle Behandlung zu finden, die auf seine Lebensumstände zugeschnitten ist. Stur auf das Erreichen von Normwerten zu setzen, sei nicht erfolgreich. „Der erhobene Zeigefinger bringt hier nichts", sagt Tschöpe. Wichtig sei ihm vielmehr die Botschaft: Du kannst dein Schicksal selbst mitbestimmen. „Wir wollen den Patienten wieder Freude im Leben ermöglichen", so Tschöpe. Der überzeugt ist: „Es kann auch schick sein, sich gesund zu ernähren."

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