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Schwindel kann einen ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen. - © pixaby
Schwindel kann einen ganz schön aus dem Gleichgewicht bringen. | © pixaby

Gesundheit Schwindel: Völlig aus dem Gleichgewicht

Und plötzlich dreht oder schwankt alles: Schwindel ist ein Symptom unterschiedlichen Ursprungs. Wer davon betroffen ist, sollte auf Ursachenforschung gehen.

Theresa Boenke
24.11.2019 | Stand 21.11.2019, 15:49 Uhr

Der Boden schwankt scheinbar, alles dreht sich, man hat das Gefühl, nach vorne zu kippen oder wie durch einen Sog nach unten oder oben gezogen zu werden – „Schwindel ist nicht gleich Schwindel“, erklärt Torsten Engelmann. Er ist Physiotherapeut, sektoraler Heilpraktiker und zertifizierter Schwindel- und Vestibulartherapeut aus Bielefeld, kennt sich also mit dem Gleichgewichtssinn aus. „Es gibt verschiedene Formen von Schwindel. Die Betroffenen beschreiben ihre Beschwerden sehr unterschiedlich.“ Manch einer sei auch von Schwindel betroffen und fühle sich aber eher verkatert, wie in Watte gepackt. „Schwindel ist keine eigenständige Erkrankung, sondern ein Symptom mit unterschiedlichen Ursachen“, sagt Engelmann. Störung des Gleichgewichtszentrums Jeder hat wohl schon einmal Schwindel erlebt, etwa durch Schlafmangel, körperliche Überforderung, einen zu niedrigen Blutdruck oder auch aufgrund eines zu tiefen Blicks ins Glas. Wenn die Karussellfahrt aber kein Ende nimmt, immer wieder beginnt oder ohne ersichtlichen Anlass auftritt, sollte der Schwindel ernst genommen werden. „Letztendlich ist er ein Alarmzeichen, ein möglicher Hinweis auf eine Vestibuläre Unterfunktion, also eine Schwäche des Gleichgewichtsorgans“, erklärt Engelmann. Dann erhält das Gehirn widersprüchliche Informationen von den Sinnesorganen oder verarbeitet diese falsch. Zugrunde liegen Erkrankungen oder Irritationen, die das Gleichgewicht nachhaltig beeinträchtigen. Das können Erkrankungen im Innenohr sein, wo das Gleichgewichtsorgan sitzt, oder Störungen im Gleichgewichtszentrum im Gehirn. Infrage kommen aber auch Krankheitsbilder, die Schwindel als Begleiterscheinung haben, etwa neurologische Erkrankungen wie Parkinson oder Multiple Sklerose, aber auch Gefäßerkrankungen, Herz-Kreislauf-Störungen, Stoffwechselerkrankungen, medikamentöse Nebenwirkungen oder psychische Leiden. Die Palette an möglichen Ursachen zeigt, wie sehr das Funktionieren des Gleichgewichts von der Gesundheit anderer Körpersysteme abhängig ist. Auf Schwindel-Ursachenforschung Aus Erfahrung steige die Zahl der Betroffenen mit zunehmendem Alter, trotzdem sei Schwindel keine Alterserscheinung, erklärt Engelmann: „Es kann jeden treffen. Oft wird das Thema auf die leichte Schulter genommen, dabei kann Schwindel Menschen in ihrem Alltag stark beeinträchtigen und belasten“, sagt der Schwindeltherapeut. „Ist organisch kein Befund festzustellen, vermitteln Ärzte Betroffene oft an uns Vestibulartherapeuten weiter“, berichtet Engelmann. In der Praxis Carina Teuber, in der er praktiziert, geht der Experte dann mit speziellen Tests auf Ursachenforschung. „Unser Gleichgewichtssystem besteht aus drei Einzelsystemen. Im Mittelpunkt steht das vestibuläre System, also das Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Seine Informationen zur Orientierung im Raum werden ergänzt durch Infos der Augen (visuelles System) sowie der Fußsohlen (somato-sensorisches System)“, erklärt Engelmann. „Um zu sehen, welches der drei Systeme den Schwindel verursachen könnte, werden sie beim Test nacheinander abgeschaltet.“ Die Schwindelmuster selbst geben manchmal schon Hinweis auf eine mögliche Ursache. Systematische Schwindelformen werden danach unterschieden, wie der Schwindel wahrgenommen wird, etwa als Dreh- oder Schwankschwindel. Sie lassen sich aber auch danach einteilen, wodurch sie ausgelöst werden (z.B. durch Fortbewegungsarten wie Auto oder Karussell fahren). Orthostatischer Schwindel entsteht etwa bei zu schnellem Aufstehen aus der Hocke. Bewegungs- bzw. Lagerungsschwindel wird durch bestimmte Lagewechsel des Kopfes oder Körpers gegenüber der Schwerkraft ausgelöst. Schnelle Hilfe ist möglich „Lagerungsschwindel tritt häufig zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf“, berichtet Engelmann. Er kann posttraumatisch auftreten, aber auch idiopathisch, das heißt, die Ursache für die Funktionsstörung des Gleichgewichtssystems ist nicht ersichtlich. Lagerungsschwindel wird von kleinsten Kristallen verursacht, die sich im Innenohr gelöst haben und sich in den Bogengängen bewegen und bei veränderter Körperhaltung die Sinneszellwände reizen. „Der Lagerungsschwindel kann oft schon in einer Sitzung erfolgreich behandelt werden, indem wir die Kristalle durch gezielte Manöver sozusagen ausgießen“, erklärt Engelmann. Andere Schwindelarten bedürften allerdings auch einer mehrmonatigen Behandlung. Sie lassen sich mithilfe der Vestibulären Rehabilitationstherapie (VRT) durch gezieltes Schulen der Gleichgewichtssysteme deutlich verbessern. „Der besondere Vorteil der Schwindelbehandlung: Sie hat keine Nebenwirkungen!“, sagt Engelmann. Noch ein Tipp vom Schwindeltherapeuten für Betroffene: Um unnötigen Problemen bei der Rezeptausstellung dieser speziellen Therapieform zu entgehen, steht auf www.physio-teuber.de unter „Schwindeltherapie (VRT)“ ein Anschreiben zum Ausdrucken bereit, das betroffene Patienten beim Arztbesuch vorlegen können.

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