0
Notfallmediziner warnen vor Versorgungsengpässen in deutschen Kinderkliniken. Besonders dramatisch ist die Situation der Kinderintensivstationen. - © picture alliance
Notfallmediziner warnen vor Versorgungsengpässen in deutschen Kinderkliniken. Besonders dramatisch ist die Situation der Kinderintensivstationen. | © picture alliance

Engpässe Mediziner warnen vor Versorgungsnotstand in Kinderkliniken

Eine Studie offenbart eine Unterfinanzierung in der Pädiatrie.

Carolin Nieder-Entgelmeier
05.10.2019 | Stand 05.10.2019, 13:12 Uhr

Berlin. Notfallmediziner warnen in Deutschland vor einem Versorgungsnotstand in deutschen Kinderkliniken. Besonders prekär ist die Situation in der Kinderintensivmedizin. Durch Personal- und Bettenmangel kommt es zu Versorgungsengpässen mit gravierenden Auswirkungen für schwer erkrankte und schwer verletzte Kinder. "Der notwendige Versorgungsbedarf für kranke Kinder kann nicht mehr sicher gewährleistet werden", warnt der Mediziner Florian Hoffmann von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin. Hoffmann bezieht sich auf eine Studie der Universität Köln. Demnach führe die Unterfinanzierung in der Pädiatrie zu einer Umstrukturierung der Versorgungslandschaft, die einen Abbau der Versorgungskapazitäten zur Folge habe. "Kliniken haben somit immer weniger Betten und immer weniger Personal, um kritisch kranke Kinder zu behandeln", sagt Hoffmann. „Immer öfter müssen Kinder in Kliniken umgeleitet werden, die mehr als hundert Kilometer vom Wohnort entfernt liegen. Ein Trauerspiel für eine medizinisch so gut entwickelte Region wie Deutschland. Hier muss die Politik dringend handeln, bevor die Gesundheit von Kindern durch die Ökonomisierung des Systems riskiert wird." Beschäftigte in Kinderkliniken kritisieren die Unterfinanzierung Für die Studie haben Wissenschaftler der Universität Köln Interviews mit 50 Beschäftigten aus deutschen Kinderkliniken geführt. Ihre Ausführungen erschüttern, denn die Versorgung von kranken Kindern ist nicht mehr flächendeckend gesichert. Sie warnen sogar vor einer Gefährdung von Kindern. Die Beschäftigten kritisieren zum einen, dass Unterfinanzierung und Erlösunterschiede zu einer Umstrukturierung der pädiatrischen Versorgungslandschaft geführt haben, die nicht am Versorgungsbedarf kranker Kinder ausgerichtet ist. Zum anderen führt die Mangelverwaltung in vielen Kliniken zu einer eingeschränkten Versorgungsqualität, weil Personal fehlt. Aus der Untersuchung geht hervor, dass die Anforderungen an die Gesundheitsversorgung von Kindern und die daraus entstehenden Mehrkosten im aktuellen Entgeltsystem nicht ausreichend refinanziert werden. "Das hat dazu geführt, dass die Pädiatrie seit Jahren unter erheblicher Finanzmittelknappheit leidet." Wettbewerb zwischen den Disziplinen der Kindermedizin Die Folge ist laut der Studie ein Wettbewerb zwischen den Disziplinen der Kindermedizin. Als ertragsstark gelten die Bereiche Onkologie und Neonatologie. Deutlich weniger Ertrag wird in den Bereichen Allgemeinpädiatrie, Endokrinologie und der Gastroenterologie erzielt. Deshalb werden Personal und Ressourcen vorrangig in ertragreiche Bereiche gesteuert, mit der Folge einer Umstrukturierung der Versorgungslandschaft. "Dabei kommt es einerseits zu Überversorgung, wie im Bereich der Level-1-Perinatalzentren, und andererseits zu erheblicher Unterversorgung, vor allem für chronisch und schwer kranke Kinder", heißt es in der Studie. Nach Angaben der Befragten kann in vielen Bereichen der Pädiatrie die Grundversorgung nur noch durch Spenden und Drittmittel aufrechterhalten werden. Das in einzelnen Bereichen hohe Spendenaufkommen kommt aber häufig nur bestimmten Patientengruppen zugute, zum Beispiel krebskranken Kindern. Deshalb sind Kinderkliniken zunehmend dazu gezwungen, Gelder für Forschung und Lehre entgegen der gesetzlichen Bestimmungen zum Ausgleich von Defiziten der Krankenversorgung zweckzuentfremden.  "Heute ist die Kindermedizin ein defizitäres Anhängsel an einem Großklinikum, das man irgendwie braucht, das man aber versucht, so klein wie möglich zu halten", erklärt einer der Befragten. Denn man wisse ja: Je größer die Kinderheilkunde werde, umso mehr Geld verliere man. Allen Kinderkliniken scheint nach Angaben der Befragten gemein, dass Einsparungen vorrangig durch Kürzungen beim Personal erfolgen und damit im Kernbereich einer kindgerechten Medizin. Einer der Befragten spricht von „dem Wahn, dass man eine Klinik durch Personaleinsparungen sanieren kann. Das geht in einem Bereich, in dem das Personal der entscheidende Faktor ist, einfach nicht." Denn man könne die Arbeit in einer Kinderklinik nicht automatisieren. Lange Wartezeiten und unnötige stationäre Aufenthalte Die befragten Experten bemängeln zudem, dass die schlechte Vergütung ambulanter Leistungen zu einem Abbau ambulanter Versorgungsstrukturen und damit zu einer zusätzlichen Belastung von Kindern durch lange Wartezeiten und unnötige stationäre Aufenthalte führt. "Das breite und hochdifferenzierte Spektrum und die steigende Häufigkeit chronischer und seltener Erkrankungen macht die Verfügbarkeit ambulanter Versorgungseinrichtungen allerdings unabdingbar", heißt es dazu. Mediziner Florian Hoffmann von der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) bestätigt die Ergebnisse der Studie: "Im Winterhalbjahr sind die Engpässe besonders dramatisch. Wir stehen jeden Tag vor der Frage, welchen Kindern wir absagen und welche wir aufnehmen. Mit graut jetzt schon davor, was wir den Kindern und Eltern wieder zumuten müssen", sagt Hoffmann, der als Oberarzt auf der Interdisziplinären Kinderintensivstation am Dr. von Haunerschen Kinderspital der Ludwig-Maximilians-Universität München arbeitet. Deshalb fordert Hofmann neben politischen Lösungen eine gesellschaftliche Diskussion darüber, was uns die Behandlung von Kindern wert ist. Die Studie der Universität Köln kommt zu dem Schluss, dass ohne die umfassende Beseitigung der Unterfinanzierung die Versorgung kritisch kranker Kinder sowie die Leistungs- und Konkurrenzfähigkeit der Pädiatrie in Deutschland gefährdet ist. „Die Entscheider in der Politik und in den Klinikleitungen sind aufgefordert, Kindern das ihnen zustehende Höchstmaß an Gesundheitsvorsorge zukommen zu lassen", fordert Hoffmann.

realisiert durch evolver group