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Disgnostik: In der Radiologie einer Universitätsklinik wird hier die Untersuchung eines Patienten mit Verdacht auf eine Krebserkrankung an einem MRT vorbereitet. - © picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa
Disgnostik: In der Radiologie einer Universitätsklinik wird hier die Untersuchung eines Patienten mit Verdacht auf eine Krebserkrankung an einem MRT vorbereitet. | © picture alliance / Bernd Wüstneck/dpa

Gesundheit Bielefelder Mediziner im Interview: "Wir haben 30 neue Krebsdiagnosen pro Woche"

Martin Görner, Chefarzt am städtischen Klinikum Bielefeld, zu Erfolgen und Frustrationen bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen

Dirk Müller
12.06.2019 | Stand 12.06.2019, 17:46 Uhr

Eine Studie der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und medizinische Onkologie erwartet ein Ansteigen neuer Krebsfälle in den kommenden Jahren. Danach wird die Zahl der jährlichen Krebsneuerkrankungen zwischen 2014 und 2025 voraussichtlich um zehn Prozent auf dann rund 523.000 Fälle zunehmen. Wie die AOK Nord-West mitteilt, war 2018 nicht einmal jeder vierte Mann über 45 Jahren bei der Krebsfrüherkennung. Von den Frauen nutzten 40,2 Prozent die Möglichkeit der Untersuchungen, die es für Frauen ab einem Alter von 20 Jahren gibt. Martin Görner, Chefarzt am städtischen Klinikum Bielefeld, spricht im Interview über Erfolge und Frustrationen bei der Bekämpfung von Tumorerkrankungen. Herr Görner, neue Studien gehen von einer weiter wachsenden Zahl von Krebserkrankungen in Deutschland aus. Mal naiv gefragt: Was ist letztlich stärker, der Krebs oder die Medizin? Martin Görner: Das läßt sich so pauschal natürlich nicht beantworten, dafür gibt es zu viele Erkrankungen, die unter den Begriff Krebs fallen. Wir machen in der Krebstherapie unterschiedlich große Fortschritte in unterschiedlichen Bereichen. Aber wir erleben auch, dass Krebs gewissermaßen Escape-Mechanismen entwickelt und so Therapien umgeht, die wir gerade erst entwickelt haben. Es bleibt ein ständiger Kampf. Also bleibt der Krebs Sieger? Görner: Durch das epidemiologische Krebsregister haben wir heute eine sehr gute statistische Datenbasis über die Entwicklung der Krebserkrankungen. Und tatsächlich, das erleben wir über die Jahre auch hier am Klinikum, nimmt die Zahl der Neuerkrankungen zu. Können Sie Zahlen nennen? Görner: Wir haben hier am städtischen Klinikum etwa 20 bis 30 Neudiagnosen von Krebserkrankungen pro Woche, also etwa 1.300 neue Fälle pro Jahr. Das hat sich über die vergangenen Jahre meiner Tätigkeit kontinuierlich gesteigert. Ist Krebs inzwischen besser behandelbar? Görner: Die Behandelbarkeit von Krebserkrankungen hat sich sehr unterschiedlich entwickelt. Wir haben einige Arten, die sich heute nahezu als chronische Erkrankungen darstellen. So lässt sich etwa eine Form des Lymphdrüsenkrebses mit entsprechenden Medikamenten über lange Zeit stabil halten. Gute Behandlungsmöglichkeiten gibt es auch etwa bei der Leukämie oder dem Hodenkarzinom. Bei vielen anderen Krebsformen können wir inzwischen häufig die Überlebenszeit deutlich erhöhen. Das ist zum Beispiel beim Dickdarmkrebs oder sogar beim schwarzen Hautkrebs der Fall. Aber das gilt nicht für alle Krebsarten...? Görner: Nein. Bei anderen Tumorerkrankungen wie etwa dem Bauchspeicheldrüsenkrebs oder Speiseröhrenkrebs sind uns nach wie vor deutliche Grenzen gesetzt. Auch der Lungenkrebs ist häufig tödlich. Gibt es mehr Krebserkrankungen, weil die Menschen insgesamt älter werden? Görner: Der demografische Faktor spielt eine Rolle: Die Menschen werden älter und entwickeln dann häufiger Krebserkrankungen. Wobei sich da in letzter Zeit etwas verschiebt. Beim Dickdarmkrebs haben wir auffällig häufiger sehr junge Patienten, die betroffen sind, während wir bei Älteren eine Abnahme feststellen. Das können wir uns nur zum Teil durch häufigere Vorsorge bei älteren Menschen erklären, bei der schon Vorstufen des Krebses erkannt und entfernt werden. Woher kommt es dann? Görner: Die Ursachen der Zunahme bei den Jüngeren sind unklar. Man stellt häufiger eine Korrelation mit Adipositas oder Bewegungsarmut fest, daraus lässt sich aber noch kein kausaler Zusammenhang herleiten. Auffällig ist, dass dieses Phänomen ausschließlich in zivilisierten Lebensräumen auftritt, was den Verdacht nahelegt, dass es mit den Lebensbedingungen oder etwa der Ernährung zusammenhängen könnte. Aber wie gesagt: Eine Kausalität ist schwierig nachzuweisen. Bei anderen Krebserkrankungen liegen die Ursachen eher auf der Hand, oder? Görner:Das ist so. Eine eindeutige Korrelation gibt es zwischen dem Rauchen und dem Lungenkrebs. Hier holen, was die Fallzahlen angeht, die Frauen immer noch auf, weil sie erst später in größerer Zahl mit dem Rauchen angefangen haben. Aktuell werden Sorgen geäußert, die Versorgung von Krebspatienten könne bei zunehmenden Zahlen besonders in ländlichen Räumen problematischer werden. Wie sehen Sie das in unserer Region? Görner: In Ostwestfalen-Lippe ist eine gute Versorgung von Krebspatienten in Kliniken in vertretbarer Distanz meiner Meinung nach gewährleistet. Entscheidend ist etwas anderes: Optimale Behandlung von Krebserkrankungen bedeutet heute immer interdisziplinäre Behandlung. Ein Beispiel: Es hat ungeheure Vorteile, wenn etwa bei der Behandlung einer Lungenkrebserkrankung ein Onkologe bei Bedarf mit einem invasiv-tätigen Lungenfacharzt oder einem Lungenchirurgen zusammenarbeitet und eventuell für die Stabilisierung von Knochenmetastasen auch ein erfahrener Unfallchirurg zur Hand ist. Was hat der Patient davon? Görner: Entscheidend ist der Einsatz verschiedener Disziplinen zum richtigen Zeitpunkt: So kann etwa eine für den Patienten sehr belastende Chemotherapie möglicherweise pausieren, wenn zwischenzeitlich etwa eine Laserbehandlung von Lebermetastasen größere Erfolge verspricht. Arbeiten Sie am städtischen Klinikum so? Görner: Wir arbeiten hier am städtischen Klinikum interdisziplinär; alle Ärzte, die sich mit Tumorerkrankungen beschäftigen, treffen sich zweimal die Woche und gehen gemeinsam die betreffenden Patientenfälle durch. Für die optimale wohnortnahe Versorgung von Krebspatienten wäre es von Vorteil, wenn solche interdisziplinär arbeitenden Krebszentren dezentraler in der Fläche verfügbar gemacht würden. Derzeit läuft es aber eher auf eine weitere Zentralisierung an wenigen großen Kliniken hinaus. Stellt eigentlich in der Regel der Hausarzt die erste Diagnose? Görner: Der Weg zur Diagnose und Behandlung ist sehr unterschiedlich, je nach Symptomatik. Manche Patienten kommen über den Hausarzt, viele aber auch notfallmäßig direkt in die Klinik, etwa Patienten, die plötzlich Blut husten oder starke Bauchschmerzen haben. Dieser nicht endende Kampf gegen den Krebs – was begeistert Sie daran? Görner: Ich arbeite leidenschaftlich in diesem Bereich der Medizin, weil es ein Feld mit ungeheurer Innovationsintensität ist. Wir machen große Fortschritte, vereinfacht gesagt, weg von der großen Keule der Chemotherapie hin zu tumorspezifischen Therapieformen. Wir erzielen Erfolge, können Krebserkrankungen heilen oder die Überlebenszeit mit einer entsprechenden Lebensqualität verlängern. Dennoch bleibt Krebs ein angstbesetztes Thema und eine entsprechende Diagnose ein Schock für jeden Betroffenen und seine Familie. Kann man sich persönlich gegen Krebs schützen? Görner:Machen Sie Ihren Lesern klar, dass man etwa mit dem Verzicht aufs Rauchen und einem vorsichtigen Umgang mit Alkohol, mit Bewegung und Vermeidung von Übergewicht und zu viel Sonne sein Krebsrisiko minimieren kann. Dann ist uns schon viel geholfen.

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