Tanz im Moka Efti: Rudi Malzig (Johann Jürgens, 4. v. li.), Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, Mitte), Jänicke (Anton von Lucke) tanzen sich in Ekstase - © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky
Tanz im Moka Efti: Rudi Malzig (Johann Jürgens, 4. v. li.), Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries, Mitte), Jänicke (Anton von Lucke) tanzen sich in Ekstase | © ARD Degeto/X-Filme/Beta Film/Sky

Serien Babylon Berlin fasziniert und lässt uns trotzdem früh schlafen

Hollywooderfahrene Produzenten und die Spitzenriege der deutschen Schauspielkunst entführt ab dem 30. September auch in der ARD in die goldenen Zwanzigerjahre

Friderieke Schulz

Berlin 1929: Die Hauptstadt befindet sich im gesellschaftlichen und politischen Umbruch. Die Straßen sind gefüllt mit bettelnden Armen, Arbeitslosen und Kriegsinvaliden. Zugleich floriert das Nachtleben. Im Gegensatz zur Straße gibt es dort jede Menge Luxus, Exzesse und Sex. Mittendrin ist der Köllner Kommissar Gereon Rath und mit ihm womöglich Millionen Deutsche vor dem Fernseher.  Die Serie Babylon Berlin ist eine wahnsinnige Produktion, die Maßstäbe setzt und problemlos mit den großen amerikanischen Vorbildern mithalten kann - auch wenn die richtige Serien-Sucht ausbleibt. Kopfüber wird der Zuschauer in den ersten drei Folgen ins Geschehen gezogen - im selben Stil nimmt Kommissar Gereon Rath, gespielt von Volker Bruch, seine Arbeit auf. Er soll in Berlin den Kriminalfall um einen Pornoring lösen, der von der Mafia geführt wird.  Gleichzeitig hat sein Vater, der ein Vertrauter des Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer ist, ihn gebeten ein Sexfilmchen aufzuspüren und zu vernichten. Der Inhalt könnte zu Problemen führen. Und auch Rath selbst hat ein Problem. Aus dem Krieg ist er als Zitterer zurückgekommen. Statt Zigaretten trägt er kleine Ampullen in einer Schatulle bei sich, die seine Zitteranfälle beenden. Es kommt Schlag auf Schlag Ein Handlungsstrang folgt auf den nächsten und das macht es innerhalb der ersten Folgen so schwer, dem Geschehen zu folgen. Denn während der Kommissar seinen Ermittlungen nachgeht, braust zeitgleich ein von Russen gekaperter und um einen mysteriösen Waggon erweiterter Zug durch die Republik. Sein Ziel: Istanbul. Das Ziel der Russen: Stalin stürzen. Ebenfalls im selben Wimpernschlag betritt die Stenotypistin Charlotte Ritter, gespielt von Liv Lisa Fries, den Fernsehbildschirm. Ohne Schlaf springt sie von der Arbeit im Polizeipräsidium "rote Burg" zu ihrer Großfamilie und weiter ins Nachtleben. Und genau dort, im Club "Moka Efti", dem Epizentrum der Hauptstadt, schließt sich vorerst der Kreis der Protagonisten.  "Zu Asche, zu Staub" Während der Kommissar dort ermittelt und sein Kollege Bestechungsgelder abgreift, tanzt sich Ritter zunächst zum Ohrwurm-Verdächtigen Beat der androgynen Künstlerfigur Nikoros, gespielt von Severija Janusauskaite, in Stimmung. Das Lied ist eine Mischung aus Chanson und neuer deutscher Härte im Rock mit elektronischen Beats. Der ganze Club scheint vom Sound von "Zu Asche, zu Staub" hypnotisiert und tanzt synchron zu dem Beat Nikoros. Es ist der Einstieg in einen ebenso schnellen Ausstieg, in das Finale. Während die Masse tanzt, verschwindet Ritter mit einem Freier in den Keller des Clubs um ihm und ihr ein Halsband umzulegen; die russischen Revolutionäre sind verraten worden und werden in ihrer geheimen Druckerei hingerichtet, während ihr Anführer Kardakow, gespielt von Ivan Shvedoff, vom Klohäuschen aus zusehen muss; im Club wird unterdessen getanzt und gelacht; über allem wacht der mächtige Unterweltboss, der Armenier, gespielt von Misel Maticevic, und grinst, als wäre er in jedes der sich zuspitzenden Ereignisse verwickelt. Neuer Maßstab Obwohl es schwer fällt dem Plot, basierend auf dem Krimibestseller "Der nasse Fisch" von Volker Kutscher, zu folgen, fasziniert die Serie. Die Kooperation zwischen ARD Degeto und Sky ist einmalig und hat es dadurch geschafft ein XXL-Budget in die Produktion zu buttern, was der Serie positiv anzumerken ist. Neben der Crème de la Crème der deutschen Schauspielriege und Hollywood erfahrenen Produzenten fehlt es nicht an Effekten und starken Schauplätzen, die es tatsächlich schaffen, das goldene Zwanzigerjahre-Feeling auf den Bildschirm zu transportieren. Die Produktion sollte klarstellen, dass Deutschland in Sachen High-End-Serien mit den Amerikanern mithalten kann und hat es ein Stück weit auch geschafft. Was fehlt ist leider das Suchtpotenzial, das Serienliebhabern haben, wenn sie sich beim Schauen einer Serie seit vier Folgen sagen: "Nur die eine Folge noch, dann ist Schluss für heute." Bei Babylon Berlin besteht diese Gefahr nicht, wir werden es also dennoch zeitig ins Bett schaffen. Babylon Berlin macht die 20er-Jahre greifbar Potenzial hat die Serie trotzdem, denn sie ist einfach gut gemacht und schafft es, ein gewisses Maß an Mystery aufrechtzuerhalten. Die Zwanzigerjahre faszinieren und Babylon Berlin macht sie wirklich greifbar. Zu Recht gab es dafür schon Preise. Nachdem Sky-Kunden bereits die erste und zweite Staffel sehen konnten, laufen die 16 Episoden ab dem 30. September dann auch im öffentlich rechtlichen Fernsehen, in der ARD. Das Einschalten lohnt sich allein, um die Produktionsleistung zu bestaunen.

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