Ein Schnitzel spaltet die Gesellschaft.  - © pixabay/sesam4711
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Kommentar Politische Korrektheit: Der weiße Mann will sein Zigeunerschnitzel zurück

Weil er nicht mehr "Zigeunerschnitzel" sagen darf, fühlt sich der weiße, heterosexuelle Mann seiner Tradition beraubt. Es wäre schön, wenn er einfach mal den Mund halten und zuhören würde. Denn Diskriminierung hat er selbst noch nie kennengelernt.

Um ein Haar wäre uns die nächste "Das wird man doch wohl noch sagen dürfen"-Debatte erspart geblieben. Doch dann kam Sandra Maischberger und wollte es unbedingt noch mal wissen. Ist es wirklich richtig, dass der "Negerkuss" nicht mehr "Negerkuss" heißt? Und macht es uns zu besseren Menschen, wenn wir das "Zigeunerschnitzel" nicht mehr so nennen? Eingeladen zur Talkshow am Mittwochabend war neben Rapper Bushido, Schauspielerin Annabelle Mandeng, Kabarettist Florian Schröder und Journalistin Teresa Bücker auch ein Mann, der schon vor einigen Wochen in einer MDR-Talkshow hätte sitzen sollen. Die wurde nach Protesten aus dem Netz jedoch kurzerhand aus dem Programm gekippt. Aber jetzt durfte Peter Hahne einfach noch mal in der ARD erzählen, wie wenig er von einer vermeintlichen "Sprachpolizei" hält und wie gerne er ein "Zigeunerschnitzel" genießen würde, ohne dafür von irgendjemandem belehrt zu werden. Das Thema wühlt den ehemaligen ZDF-Moderator übrigens so auf, dass er dazu gleich ein ganzes Buch geschrieben hat. Man darf gar nichts mehr sagen Das "Zigeunerschnitzel" findet Hahne schon deshalb völlig okay, weil eine einzelne ihm bekannte "echte Zigeunerin" damit auch kein Problem hat. Kritischer ist er da schon beim Wort "Neger". Wenn eine Sparkassen-Kundin von ihrem Geldinstitut aber nicht als "Kunde" angesprochen werden möchte, bügelt Peter Hahne das als "Quatsch" ab. Wenn man ihn dafür kritisiert, rassistische Sprache zu benutzen, dann drängt sich Hahne in die Opferrolle. Er sei schließlich kein Rassist und möchte auch so nicht genannt werden. Das Verhalten von Peter Hahne ist geradezu symbolisch für die Argumentationskette vieler weißer, heterosexueller Männer. Immer dann, wenn sie über ein Thema reden (sollen), mit dem sie selbst noch nie in Berührung gekommen sind: Diskriminierung. Und klar, das ist auch alles nicht ganz einfach. Immerhin hockt der weiße, heterosexuelle Mann seit vielen hundert Jahren auf dem Sockel seiner Privilegien. Wenn sich daran plötzlich etwas ändern soll, fühlt er sich seiner Tradition beraubt. Wenn Feministinnen eine Sprache fordern, die auch Frauen einbezieht, dann ist das für ihn "Gender-Quatsch". Wenn Frauen unter #metoo ihre Erfahrungen mit sexueller Gewalt und alltäglichem Sexismus schildern, dann weiß der weiße, heterosexuelle Mann "gar nicht, was man heute überhaupt noch darf". Mund halten und zuhören Plötzlich sind da Frauen, LGBT-Leute, Migranten oder Behinderte, die auch die Privilegien des alten, weißen Mannes wollen. Und ihre Stimmen werden, dank des Internets, immer lauter. Menschen, die nicht wegen ihrer Hautfarbe immer als erstes von der Polizei kontrolliert werden wollen. Menschen, die sich in der Öffentlichkeit küssen wollen, ohne zusammengeschlagen zu werden. Menschen, die von Sprache nicht beleidigt werden wollen. Und Menschen, die nicht immer nur "mitgemeint" sein wollen, sondern sich einbezogen fühlen möchten. Und all diese Wünsche haben ja eins gemeinsam: Ihre Umsetzung würde der Gesellschaft einiges bringen - dem weißen, heterosexuellen Mann aber gleichzeitig überhaupt nichts wegnehmen. Wenn der weiße, heterosexuelle Mann aufhört, "Negerkuss" zu sagen, dann bleibt das matschige Schokoladending mit der Sahne und der Waffel ja trotzdem, was es ist. Gleichzeitig leistet er sprachlich einen Beitrag für eine gerechtere Gesellschaft. Statt das zu akzeptieren, gründet der weiße, heterosexuelle Mann lieber Netz-Bewegungen, um jetzt für "Männerrechte" zu kämpfen, drängt sich selbst in die Opferrolle und rumpelt in Talkshows gegen Frauenquoten und appelliert für mehr politisch unkorrekte Sprache. Es hilft nichts: Der weiße, heterosexuelle Mann muss da jetzt durch. Die Zeit des ewigen Privilegs ist langsam vorbei. Und er wäre gut beraten, etwas zu tun, was eigentlich nicht in seiner Natur liegt: Einfach mal den Mund halten. Und erst mal zuhören. Und dann kann er sich mit Betroffenen auf ein Schnitzel mit feuriger Tomatensauce treffen und darüber sprechen. Ob das jetzt "Zigeunerschnitzel" heißt oder nicht, ist am Ende doch sowieso völlig egal. Kontakt zum Autor

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