0
Bosse singt in seinem Lied "Hometown" über seine alte Heimat. Viele Musikkünstler schwelgen gerne in Erinnerungen. - © Tim Bruening
Bosse singt in seinem Lied "Hometown" über seine alte Heimat. Viele Musikkünstler schwelgen gerne in Erinnerungen. | © Tim Bruening

Popkultur Darum schwärmen Musiker wie Bosse ständig von früher

Viele deutschsprachige Künstler schwelgen in ihren Liedern momentan in Erinnerungen. Laut Experten liegt das nicht nur an der unsicheren Zeit, in der wir leben

Nadine Uphoff
07.08.2019 | Stand 07.08.2019, 23:17 Uhr

Paderborn. Diese Lieder laufen im Radio momentan rauf und runter: Ob "Das erste Mal geflogen und unsere Eltern belogen. Und mit dem ersten Geld Panini Bilder bestellt" von Revolverheld; "Die Lehrer waren stehts bemüht. Freitags wurde vorgeglüht. Nein, damals gab es keine Einsamkeit" von Johannes Oerding;  "Wie wir durchs Kaff rannten, wie Bekloppte mit Tequila-Shots drin und zu dritt an die Ampel kotzten" von Mark Forster. Diese Lieder haben noch etwas gemeinsam: Alle Künstler schwärmen von früher. Die Liste an Beispielen könnte ohne Probleme erweitert werden mit Max Giesinger, Bosse, Silbermond,... Offensichtlich gibt es momentan eine Häufung dieses Themas in der Popmusik. Das hat laut Experten verschiedene Gründe. Einen Trend wollen sie darin aber nicht sehen, denn in Erinnerungen zu schwelgen sei schon immer "in" in der Popkultur gewesen. Es geht um die Utopie Christoph Jacke ist Leiter des Studiengangs "Populäre Musik und Medien" an der Universität Paderborn. Einer seiner Schwerpunkte ist das Thema "Pop und Erinnerungen". Für ihn sind die Songs über die Kindheit ein Beleg für ein Phänomen, das sich durch die Popgeschichte zieht: Utopie. "Normalerweise geht es dabei aber um die Zukunft. Wo geht die Reise hin? Auffällig ist in der Tat momentan die thematische Ballung von einer besseren Welt in der Vergangenheit", sagt Jacke. Das sei eigentlich sehr schlagertypisch und könne an der unsicheren Zeit liegen, in der wir leben. "Nicht umsonst gibt es aktuell einen großen gesellschaftlichen Diskurs über Heimat. Wenn alles ins Wanken und Schwimmen gerät, will man sich festhalten. Dadurch entstehen Sehnsüchte - zum Beispiel nach der konstruierten, heilen Kindheit", erklärt der Studiengangsleiter. Flucht in die Vergangenheit Klaus Kauker, der den Youtube-Kanal "Musik-Training" betreibt, auf dem er Popmusik analysiert, ergänzt: "Angesichts des digitalen Wandels fällt es uns schwer, berufliche Perspektiven und Lebensentwürfe zu zeichnen. National und international erfahren wir außerdem zunehmend politische Reibereien und wir stehen machtlos vor den Herausforderungen des Klimawandels." Das seien genügend Gründe, sich in die Vergangenheit zu flüchten. Hinzu käme, dass Menschen dazu neigen würden, sich die schönen Erlebnisse zu bewahren und Negatives zu vergessen. Wenn Popmusik sich dann als Projektionsfläche anbiete, die "gute alte Zeit" zu vergegenwärtigen, würden wir das Angebot natürlich gerne annehmen. Das entsprechende Alter Für Redakteur Jan Feddersen, Experte für Popkultur bei der taz, hängt das Thema auch mit dem Alter der Künstler zusammen: "Die sind alle in ihren 30ern. Da übertritt man eine Schwelle zur reiferen Person. Daher bietet es sich an und es lohnt sich überhaupt erst einen Blick zurückzuwerfen." Dem kann Christoph Jacke zustimmen. Er hält es für einen "erwartbaren und üblichen Umgang mit dem Älterwerden in Zeiten des Umbruchs". Das spreche natürlich Hörer an, die sich in einer ähnlichen Situation befinden. Außerdem seien solche erwartbaren Gefilde in der Musik perfekt, "um sich zu entspannen und einlullen zu lassen". Daher der Erfolg, unter anderem im Radio. Sehnsucht nach etwas Kauker meint: "Nostalgie war schon immer ein wichtiges Element der Popmusik, denn es ist der starken Emotion Sehnsucht untergeordnet." Feddersen bezeichnet den Pop daher als Sehnsuchtsgenerator. Zum Beispiel nach der guten alten Zeit, wie etwa in "Summer of 69" von Bryan Adams aus dem Jahr 1984, nach Heimat, wie in "Sweet Home Alabama" von Lynyrd Skynyrd aus dem Jahr 1974, oder nach der großen Liebe, beispielsweise in "Yesterday" von den Beatles aus dem Jahr 1965. Popmusik in der Zukunft Und wie gehts in der Popmusik nun weiter? "Streamingdienste mit individuell auf den Hörer ausgerichteten Musikangeboten sind weiter auf dem Vormasch", meint Klaus Kauker. Aus Sicht von Christoph Jacke wird die ökologische Perspektive eine immer größere Rolle spielen: „Pop ist eine Spielwiese und greift früh Themen auf, wie zum Beispiel bei die Gender-Debatte. Jetzt stellt sich eben die Frage, welche Umweltprobleme Popkultur verursacht." Zum Beispiel: Wie viele Ressourcen verbraucht die Produktion von CDs? Oder wie viel Kohlenstoffdioxid verursacht eine Tournee? Auch die Bezugnahme von Popmusik aufeinander werde zunehmen, da sich immer mehr Künstler diesem Genre zugehörig fühlen. Für Feddersen steht fest: „Es wird immer um Liebe gehen. Das ist das, was die Menschen umtreibt, und das wird sich nie ändern." Künstliche Intelligenz Christopher Jacke, Studiengangsleiter "Populäre Musik und Medien" an der Uni Paderborn, weist auf das Phänomen Holly Herndon hin. Die amerikanische Sängerin hat ihr aktuelles Album "Proto" mit einer künstlichen Intelligenz namens "Spawn" (zu deutsch: Brut) aufgenommen. "Das ist abgefahren und klingt nach Science-Fiction, ist aber die Realität von heute. Das ist man schnell bei der Frage, ob das noch echt ist", meint Jacke. Hier schließe sich der Kreis zu den Themen Identität, Heimat und Authenzität, die Giesinger & Co. in ihren Songs besingen.

realisiert durch evolver group