Ein Projektteilnehmer spielt "Fortnite" auf der Playstation im Gamingbüro. - © Andreas Zobe
Ein Projektteilnehmer spielt "Fortnite" auf der Playstation im Gamingbüro. | © Andreas Zobe

Bielefeld So hilft Zocken bei der Berufsfindung in Bielefeld

Einige gehen nicht oder nur selten zur Schule, machen keine Ausbildung, brechen Praktika ab - das Gamingbüro führt junge Menschen auf den Weg zurück ins Bildungssystem

Svenja Ludwig
27.03.2019 | Stand 27.03.2019, 17:23 Uhr

Bielefeld. Fünf Stunden Zocken am Tag, vielleicht auch mehr - für Lukas war das früher normal. Als der heute 21-jährige Bielefelder das Fach-Abi in der Tasche hatte, fehlte ihm die Perspektive. "Es ist komisch, wenn man sieht, dass alle Leute was machen, nur man selbst nicht", sagt er heute. Einen Job bekam er damals trotz vieler Bewerbungen nicht. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte", erinnerte er sich, "und die Konsole war immer da". Jugendliche und junge Erwachsene wie Lukas sind schwer erreichbar. Sie gehen nicht oder nur selten zur Schule, sie machen keine Ausbildung, brechen Praktika und Maßnahmen ab, reagieren nicht auf Schreiben von Institutionen wie dem Arbeitsamt. Stattdessen hocken sie zuhause und zocken. Im Creos "Beatz4OWL" Gamingbüro an der Herforder Straße zocken sie immer noch - und finden darüber den Weg zurück ins Schul- oder Ausbildungssystem. Klingt seltsam? "Nicht jedes exzessive Spielen ist eine Sucht", erklärt Medienpädagogin und Gamingbüro-Leiterin Juliane Otto. "Und wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Spielen nie der Grund war, warum sich die Jugendlichen zurückgezogen haben, aber es ist ein Symptom und Verstärker." Häufig seien psychische oder soziale Probleme die Ursache dafür, dass die Jugendlichen Schule oder Ausbildung vernachlässigten. Ursache dafür, "warum Jugendliche sich in virtuelle Welten flüchten, wo sie Anerkennung erhalten, zum Beispiel für ihre Spielleistung." "Eine Runde ausgelassen zu zocken, gehört auch dazu" Ziel des Projekts sei es, junge Menschen zwischen 15 und 24 Jahren zurück in eine normale Tagesstruktur zu bringen. Von dienstags bis freitags öffnet das Büro zwischen 11 und 16 Uhr. Drei Pädagogen erstellen und bearbeiten mit den Jugendlichen Videos, basteln, spielen Gesellschaftsspiele oder machen Ausflüge. Wohin? Klar, zum Beispiel zur Gamescom, der großen Gaming-Messe in Köln. Wochenziele sollen die jungen Menschen motivieren, ein eigenes Projekt in Angriff zu nehmen, Verantwortung zu tragen, wie das Betreuerteam erklärt. Wichtig im Tagesablauf sei außerdem die gemeinsame Mittagspause. Ganz analog am großen Esstisch mit Gesprächen statt Gedaddel. "Und zwischendurch eine Runde ausgelassen zu zocken, gehört auch dazu", sagt Mitarbeiter Tom Roschig, selbst "leidenschaftlicher Gamer". Beim Daddeln lernen Es sei auch nicht das Ziel, die Zeit an der Konsole auf Null zu reduzieren, wie Roschig sagt. "Man muss das Zocken als Hobby ernst nehmen, verstehen, dass das nicht nur Zeitverschwendung ist." Beim Gaming könnten gar Kompetenzen geschult werden. Der Umgang mit Frustration zum Beispiel. "Medienarbeit bietet Chancen für individuelle Arbeit", fügt Juliane Otto hinzu. So könnten etwa Englischkenntnisse, das Schreiben oder auch die Aussprache im wahrsten Sinne des Wortes spielend verbessert werden. Kurz: "Alles, was Jugendliche für ihre berufliche Zukunft brauchen." Zur Ausstattung des Büros gehören neben sechs festen Rechnern und einer Playstation 4 Pro auch eine Virtual-Reality-Brille, eine 360-Grad-Kamera und weiteres Aufnahme-Equipment. Die nutzen seit Projektstart im Januar bereits vier Jugendliche. Sie betreiben Social-Media-Arbeit, bespielen einen Kanal auf Youtube und Twitch, einem Live-Streaming-Portal für Videospiele. "Ich hatte einen geregelten Tagesablauf und war nie alleine", erinnert sich Lukas an seine Zeit im Pilotprojekt (siehe Infokasten). "Das war super." Lukas hat es geschafft. Er ist heute im ersten Ausbildungsjahr bei einem Straßenbauunternehmen. Die Lehre mache ihm Spaß, sagt er. Zocken ist aber immer noch sein Hobby. Allerdings ist jetzt meistens nach zwei bis drei Stunden Schluss. Für Lukas ist das okay, denn er muss ja früh raus.

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