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Kinderarmut: Viele Kinder in Deutschland kommen aus armen Familie. Das wirkt sich auch auf ihre eigenen Chancen im Leben aus. - © imageBROKER
Kinderarmut: Viele Kinder in Deutschland kommen aus armen Familie. Das wirkt sich auch auf ihre eigenen Chancen im Leben aus. | © imageBROKER

Soziale Bewegung #unten: Menschen berichten im Netz über soziale Ungleichheit

Unter dem Stichwort #unten berichten Twitter-Nutzer von Diskriminierung, Armut und Chancenlosigkeit

Angelina Kuhlmann
08.11.2018 | Stand 08.11.2018, 15:10 Uhr

Bielefeld. Kinder starten unfair ins Leben. Das zeigt eine erst vor wenigen Tagen veröffentlichte UNICEF-Studie. Wegen ihrer Herkunft oder der sozialen und wirtschaftlichen Stellung ihrer Eltern werden Kinder schon vor ihrer Grundschulzeit benachteiligt. Viele Kinder in Deutschland sind arm Das ist auch in Deutschland der Fall - sogar häufiger als in fast der Hälfte aller Industrieländer. Im internationalen Vergleich liegt die Bundesrepublik nur auf Platz 23 von 41 Industrienationen. Das fängt beim Besuch der Kita oder einer Vorschule an: Kinder aus ärmeren Familie sind in diesen Einrichtungen weniger zu finden. Eine vorschulische Förderung erhalten sie nicht. Weiter belegt die Studie, dass der Beruf der Eltern zu fast einem Drittel dafür verantwortlich ist, dass Kinder im Alter von 10 Jahren unterschiedliche Lesekompetenzen haben. Arbeiterkinder gehen nicht aufs Gymnasium Schon im Kindesalter beeinflussen diese "Klassenunterschiede" also die Chance von Heranwachsenden. Bildungsforschers Klaus Klemm, der im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbundes ebenfalls zu diesem Thema geforscht hat, bestätigt das. Kinder mit Akademiker-Eltern haben eine 3,81-mal größere Chance auf eine Empfehlung fürs Gymnasium als ein Kind aus einer Arbeiterfamilie, obwohl diese in der Grundschule nicht hinterherhängen. Eine neue soziale Bewegung: #unten Unter dem Hashtag #unten berichten gerade viele Menschen auf Twitter über Situationen, in denen sie genau diese Ungleichheit erlebt haben oder zur Zeit erleben. Eine Twitter-Nutzer erinnert sich zum Beispiel an einen Besuch ihrer Mutter beim Elternsprechtag: Wenn deine alleinerziehende Mutter beim Elternsprechtag in der fünften Klasse von deinem rechtskonservativen Klassenlehrer zu hören bekommt: Solche Kinder wie ihres haben auf einem Gymnasium nichts verloren. #unten — Sebastian Friedrich (@formelfriedrich) 8. November 2018 Eine Nutzerin erzählt von ihrer Zeit als Schülerin: Im Winter frieren, nasse Socken, zu Fuß nach Hause gehen. Holz hacken, Ofen um halb sechs befeuern, Reste essen. Schulbücher klauen, Unterricht schwänzen, wieder ne 6.#unten — Jess (@FrauBlod) 8. November 2018 Im Arbeitsalltag werden auch viele Beschäftigter immer noch stark benachteiligt: Wenn man quaifiziert im Fachhandel berät und nach Gehaltserhöhung immer noch drei Euro unterm Tariflohn im Einzelhandel liegt, man sich nicht weg bewerben kann, weil der Arbeitgeber ein Monopol in der Stadt hat. Auch dann ist man #unten — Hendrik Heitbaum (@SolTight) 8. November 2018 Angestoßen hat die #unten-Debatte die Wochenzeitung Der Freitag. "Wir sind viele, aber wir sind bislang kaum zu hören", schreibt Christian Baron in seinem Artikel mit dem er eine soziale Bewegung anstoßen will. Nach der #MeToo-Bewegung appelliert er, sollten auch die ihre Stimme erheben, die durch Armut, Herkunft oder ganz andere Faktoren in eine prekäre Lebenssituation gelandet sind. Seit wenigen Stunden teilen deswegen tausende Menschen ihre eigenen Erfahrungen mit sozialer Ungleichheit auf Twitter.

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