Der Lichtermarkt in Elmshorn geriet im vergangenen Jahr ins Visier von rechten Trollen. Der Bürgermeister der norddeutschen Stadt bekam daraufhin sogar Morddrohungen.  - © picture alliance / Georg Wendt/dpa
Der Lichtermarkt in Elmshorn geriet im vergangenen Jahr ins Visier von rechten Trollen. Der Bürgermeister der norddeutschen Stadt bekam daraufhin sogar Morddrohungen.  | © picture alliance / Georg Wendt/dpa

Netzwelt Falschmeldungen im Netz: Rechtsextreme machen sich bereit für die Weihnachtssaison

In der Vorweihnachtszeit herrscht Hochsaison für rechte Propaganda im Netz. Die ersten Falschmeldungen sind schon jetzt aufgetaucht.

Matthias Schwarzer

Bielefeld. "Lichtermärkte", das angebliche "Aus für die Weihnachtsbeleuchtung" oder "Flüchtlinge", die "einen Weihnachtsbaum plündern". Alle Jahre wieder bringen sich rechte Facebook-Nutzer ab Mitte Oktober mit Falschmeldungen in Weihnachtsstimmung. Das ist auch 2018 nicht anders. Wie der Journalist Karsten Schmehl auf Twitter berichtet, teilen AfD-Sympathisanten seit einigen Tagen wieder verstärkt die Falschmeldung vom "Weihnachtsgeld für Flüchtlinge" in ihren Facebook-Gruppen. Achtung Desinformation / Fake: In verschiedenen rechten Facebook-Gruppen teilen AfD-Sympathisanten schon wieder, dass die Bundesregierung 700 Euro Weihnachtsgeld für Flüchtlinge plane. Das ist falsch und stimmt nicht. (1/3) pic.twitter.com/X2MtEwIm1v — Karsten Schmehl (@schmarsten) 10. Oktober 2018 In einem Screenshot der Website "nachrichten.de.com" heißt es: "Wie das Bundeskanzleramt am Freitag mitteilte, gibt es für jeden Flüchtling, der vor dem 1. Oktober nach Deutschland eingereist ist 700 Euro Weihnachtsgeld. Das Geld soll in erster Linie für Geschenke der daheimgebliebenen Familienangehörigen bestimmt sein." Die Nachricht ist nicht neu - und wurde bereits mehrfach widerlegt. Bereits im November 2017 ging die Falschnachricht durch diverse Facebook-Gruppen. Bei der Website "nachrichten.de.com" handelt es sich jedoch um eine Fake-News-Seite, auf der jeder seinen eigenen "Witz" erstellen und veröffentlichen kann. Die "700 Euro Weihnachtsgeld" hat es nie gegeben - und sie sind auch künftig nicht geplant. Weihnachtszeit ist Hochsaison für rechte Propaganda Doch die Falschmeldung wird nicht die letzte sein in diesem Jahr. Gerade in der Vorweihnachtszeit herrscht traditionell Hochsaison für rechte Propaganda. Rechtsextreme spielen mit dem Neid in der Bevölkerung und dem angeblichen Untergang der christlichen Kultur. Nahezu alles, was in das Narrativ vom bedrohten "christlichen Abendland" passt, wird schonungslos zur Falschmeldung umgedichtet. Immer mit dem Ziel, den Islam und die Muslime zum zentralen Feinbild zu erklären. Oftmals schaffen dabei angebliche lokale Ereignisse Beachtung. Im vergangenen Dezember beispielsweise sollen Flüchtlinge in einem Shopping-Center in Bremen den Weihnachtsbaum geplündert haben. Ein Video wurde als "Beweis" in rechten Facebook-Gruppen geteilt. Tatsächlich stammte das Video nicht aus Bremen, sondern aus Ägypten. Dort werden, im Rahmen des koptischen Christfestes, in vielen Einkaufszentren traditionell die Weihnachtsbäume geplündert. Ein altbekanntes Märchen ist auch die Geschichte vom Weihnachtsmarkt, der wegen der vermeintlichen "Islamisierung" künftig so nicht mehr heißen dürfe. Bereits 2013 fürchtete man in Berlin den Untergang des Abendlandes, als dort angeblich alle Weihnachtsmärkte in "Winterfest" umbenannt werden sollten. Ein Missverständnis: Eigentlich ging es nur um die Anmeldung eines Straßenfestes mit dem Namen "Winterfest". Auch der "Wintermarkt" am Münchner Flughafen wird Jahr für Jahr als Beispiel für die angebliche "Islamisierung" angeführt. Dabei heißt der Markt schon seit 2006 so. Im November vergangenen Jahres lenkte die Rechtspopulistin Erika Steinbach einen Shitstorm auf den Elmshorner Weihnachtsmarkt. Das Stadtmarketing hatte dem Markt zehn Jahre zuvor ein neues Konzept verschafft und ihn in "Lichtermarkt" umbenannt. Dazu wurde auch ein Plakat mit einem dunkelhäutigen Mädchen als Engel angefertigt. "Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft", twitterte Steinbach - und sorgte als Reaktion unter anderem für Morddrohungen beim Bürgermeister der Stadt. Ich kenne kein Land außer Deutschland, das seine eigene Kultur und Tradition so über Bord wirft👎👎👎 pic.twitter.com/KrpNOtbgQl — Erika Steinbach (@SteinbachErika) 14. November 2017 Weihnachtsbaumverbot und Traditionshasen Das Märchen vom "verbotenen Weihnachtsmarkt" ist in den unterschiedlichsten Varianten spielbar: Alle Jahre wieder wird auch vor einem vermeintlichen "Weihnachtsbaum-Verbot" gewarnt. Im vergangenen Jahr sollen das die Grünen in NRW angeblich gefordert haben - das Zitat wurde jedoch aus dem Zusammenhang gerissen. Auch Einkaufsketten und Produkhersteller geraten regelmäßig ins Visier fremdenfeindlicher Propaganda. So überrollte den Schoko-Hersteller Lindt vor zwei Jahren ein Shitstorm, weil Facebook-Nutzer auf einem Adventskalender eine Moschee entdeckt haben wollten. Das Prinzip funktioniert übrigens auch zu Ostern: Im März 2018 brachte es Erika Steinbach erneut in Rage, dass auf einem Karstadt-Kassenbon der Osterhase als "Traditionshase" ausgewiesen war. In Österreich hatte die Lebensmittelkette Billa vor zwei Jahren mit dem Gerücht zu kämpfen, das Unternehmen habe seine Weihnachtsfeier ausfallen gelassen - um das Geld stattdessen an Flüchtlinge zu spenden. Das Unternehmen dementierte. Wie erkennt man Falschmeldungen? Viele Falschmeldungen lassen sich auf den ersten Blick nicht als solche erkennen. Sie sind professionell designed - und ihre Macher werden immer kreativer. Das Portal "Mimikama", das sich auf das Entlarven von Fake-News spezialisiert hat, empfiehlt, immer den Ursprung des Nachricht und auch das Impressum der jeweiligen Website zu prüfen. Auch das Gegenchecken von Texten und Bildern kann helfen, eine Falschmeldung zu enttarnen. Dabei hilft beispielsweise die Google Rückwärtssuche. Mimikama bietet Nutzern auch die Möglichkeit, entdeckte Falschmeldungen direkt zu melden.

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