Beatrix von Storch (ganz weit rechts) redet mit Alice Weidel und Alexander Gauland (AfD). - © picture alliance / Sven Simon
Beatrix von Storch (ganz weit rechts) redet mit Alice Weidel und Alexander Gauland (AfD). | © picture alliance / Sven Simon

Rechtspopulismus Dialog oder Distanz: Sollte man mit Rechten reden?

"Mit Nazis redet man nicht", finden die einen. Andere schreiben ganze Bücher zum Thema und geben Tipps zur Diskussion. Was tun?

Matthias Schwarzer

Bielefeld. Als sich die AfD 2015 zu einer Kundgebung in Erfurt traf, schnappte sich die ZDF-Moderatorin Dunja Hayali ein Mikrofon und wagte sich ins Getümmel. Sie wolle "den Menschen zuhören", sagte sie damals. Die "Ängste" der 4000 Demonstranten veröffentlichte das ZDF später in einem ungeschnittenen Internetvideo. Darin zu sehen: größtenteils purer Hass. Das Experiment der ZDF-Moderatorin ist jetzt drei Jahre her. Die Floskel "Den Menschen zuhören" aber ist geblieben. Als die ersten Pegida-Demonstranten seinerzeit durch Dresden marschierten, befand der damalige Innenminister Thomas de Maizière, man solle "die Sorgen der Menschen ernst nehmen". Man solle ihnen den "Dialog anbieten", glaubten andere. Heute ist klar: Pegida war und ist eine zutiefst rassistische Bewegung. Ihr Gründer: ein mehrfach verurteilter Strattäter. Ihr bürgerliches Image und ihre Opferrolle: reine Taktik - und bis heute ein erfolgreiches Stilmittel der neuen Rechten. Mindestens einer der Interviewpartner von Dunja Hayali in Erfurt war ein inzwischen festgenommener Rechtsextremer. Und heute sitzt die AfD im Bundestag. Ob man mit Fremdenfeinden redet oder nicht, steht inzwischen gar nicht mehr zur Debatte - die Auseinandersetzung mit ihnen ist unvermeidbar. In den Talkshows von Anne Will, Maischberger und Co. sitzen die Von Storchs, Weidels und Gaulands. In Facebook-Gruppen und auf YouTube bauen sich rechte Gruppierungen riesige Communitys auf, die Politiker, Presse und Privatpersonen mit Provokationen immer wieder zur Diskussion herausfordern. Aber wenn schon das Ignorieren nicht mehr funktioniert - was hilft dann? Mit Nazis redet man nicht Die Meinungen zu diesem Thema lassen sich grob auf zwei herunterbrechen. Die eine klingt in etwa so: Am 6. Juni 1944 landeten tausende Debattierclubs, unterstützt von Diskussionskräften der 101. Sprechdivision in der Normandie, um die Sorgen des deutschen Faschismus endlich ernst zu nehmen. pic.twitter.com/GDSzyGACuE — leonceundlena (@leonceundlena) 24. März 2018 Mit anderen Worten: Mit Nazis redet man nicht - man bekämpft sie. Die Autorin Sybille Berg schreibt in einer Spiegel-Online-Kolumne von "faschistischen Bewegungen, mit denen nicht zu reden ist, weil man nicht gegen Schreien anreden kann." Vielleicht habe der "Schwarze Block" das einzig wirksame Argument, das Rechte verstehen - neben"einem digital organisierten Widerstand". Es werde "nichts mehr von alleine gut. Die Regierung wird uns nicht retten. Allein eine Neudefinition des Begriffs linker Aktivismus kann den Schwachsinn des Hasses und der Menschenverachtung stoppen." Die Zeit des Redens sei vorbei - es gehe um die Rettung der Menschlichkeit. Als rechten Verlagen im Sinne der "Meinungsvielfalt" eine Plattform auf der Frankfurter Buchmesse geboten wurde, schrieb Adrian Schulz in einem Taz-Kommentar: "Nazis breiten sich mit Vorliebe da aus, wo es keinen Protest gibt. Das gilt auch für Buchmessen. Nazis sind keine missverstandenen 'Populisten' oder gar Linke, die es zu bekehren gälte. Die wollen das genau so – rechtsextrem sein. Man muss sie deshalb sozial ächten. Bis sie sich nicht mehr trauen, auch nur zum Bäcker zu gehen." "Leitfaden" für den Umgang mit rechts Etwas anders sieht das Daniel-Pascal Zorn. Der Philosoph, Historiker und Literaturwissenschaftler hat zusammen mit seinen Kollegen Maximilian Steinbeis und Per Leo ein Buch geschrieben, das wie eine Aufforderung klingt: "Mit Rechten reden". Der Inhalt des sogenannten "Leitfadens" ist etwas differenzierter als sein Titel - und sorgt dennoch für Kritik. "Das Buch ist kein Sachbuch", sagt Zorn im Gespräch mit nw.de. Niemand müsse oder solle mit Rechten reden. Vielmehr wolle man die Diskussion befeuern - und gleichzeitig diejenigen reizen, die sich durch das Buch angesprochen fühlen. "Und das hat wunderbar funktioniert", so Zorn. Vor allem hätte das Buch gar nicht die Rechte, sondern eher Linke auf die Palme gebracht. "Ich für meinen Teil beanspruche nicht, anderen vorzuschreiben, mit wem sie zu sprechen haben. Und ob jemand ein 'Menschenfeind' ist, das finde ich erst heraus, wenn ich mit ihm gesprochen habe. Meine eigene Unterstellung reicht dafür nicht." Beim Umgang mit Rechten solle man vor allem auch sein eigenes Verhalten untersuchen, sagt Zorn. "Am Ende hilft man damit möglicherweise genau denen, die man eigentlich bekämpfen möchte." Das Identitätsproblem der Rechten Das Reden mit Rechten ist derweil gar nicht so einfach. Denn vor allem stehe ein Grundproblem: "Rechte haben ein gewaltiges Identitätsproblem", heißt es in Zorns Buch. "Sie kreisen unentwegt um die Frage, was und wer sie sind. Zeitgleich fühlen sie sich in ihrer Identität massiv bedroht. Mit uns hat das eigentlich gar nichts zu tun. Außer, dass wir uns nicht in unserer Identität bedroht fühlen, und dass es vielen von uns sogar ganz egal ist, ob wir eine sogenannte Identität überhaupt haben." Genau das würden Rechte allerdings als Angriff werten. Ihre Gegner seien "alle, die sie in ihrer natürlich Entfaltung behindern. Die ihnen die Anerkennung verweigern." Rechte bräuchten grundsätzlich das Nein eines Gegenübers. "Also provozieren sie den Widerspruch - und warten, was passiert." Das Problem: "Empörung wird ein Arschloch nicht irritieren. Im Gegenteil: Sie ist genau die Einladung zum Exzess, auf den es gehofft hat." Zorn selbst hat bereits unzählige Diskussionen mit Rechten geführt, vor allem im Netz. Aufgegeben habe er nie, sagt er. "Ich ertrage gleichmütig auch Beleidigungen, weil sie mir starke Argumente schenken", so Zorn. Bei Diskussionen habe er aber eine Art Faustregel: "Wenn jemand Verachtung an den Tag legt oder mit Beleidigungen um sich wirft, dann erklärt er selbst den Diskurs für beendet." Und was soll das bringen? Aber wie genau diskutiert man denn mit Rechten? Wie spricht man mit jemandem, der an einer Debatte eigentlich gar nicht interessiert ist? Der nur die Provokation sucht, um seine eigenen Vorstellungen zu bestätigen? Für den Fakten nichts zählen und Fremdenhass und Wahnvorstellungen das einzige Argument sind? Und: Was soll das überhaupt bringen? Zorn rät, das Gegenüber in Netz-Diskussionen "in die Pflicht" zu nehmen. "Wenn Sie stoisch markieren, wo Ihr Gegenüber Ihr Argument ignoriert, um in den eigenen Zirkel zurückzukehren; wenn Sie gut begründen können, warum Quellen nicht per se Autoritäten sind, die Sichtweisen legitimieren; wenn Sie persönliche Angriffe klar kennzeichnen; wenn Sie rhetorische Tricks durchschauen und benennen können, dann ist das eine ebenso wirkungsvolle Repräsentation wie die populistische Rede." Der Versuch, das Gegenüber "auf den Boden der Tatsachen zu holen", sei vermutlich "ein zu hoher Anspruch", so der Autor. Aber: "Die Redestrategien der Rechten adressieren nie nur den Gegner. Sie adressieren immer auch die stillen Zuhörer und fischen nach Applaus und Zustimmung. Das können Sie erheblich erschweren, indem Sie einfach nachfragen und nachhaken." Aktive Gegenrede Dass diese Taktik, so oder so ähnlich, funktionieren kann, haben zuletzt Debatten im Bundestag gezeigt. Als die AfD kurz nach ihrem Einzug zwei, drei krude Anträge einbrachte, wurden diese nicht einfach kommentarlos abgelehnt. Gleich mehrere Abgeordnete hielten leidenschaftliche Gegenreden. Mal emotional, mal nüchtern trocken, faktenbasiert und pointiert. Bei der AfD dürften sie damit wohl auf taube Ohren gestoßen sein. Nicht so bei allen anderen. Die Wortbeiträge von Cem Özdemir (Grüne), Wolfgang Kubicki (FDP) und Philipp Amthor (CDU) teilten sich tausendfach im Netz. Bundestagsreden, die viral gehen? Das kannte man so bislang auch noch nicht. "Mit Rechten reden" könnte unter Umständen also doch etwas bringen. Und "gegen Rechte reden" erst recht.

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