Die Soziologin Jasmin Siri. - © Jasmin Siri
Die Soziologin Jasmin Siri. | © Jasmin Siri

Politik & Netzwelt Soziologin Jasmin Siri: "Social Media in der Politik latent überbewertet"

Die Freiburgerin forscht an der Uni Bielefeld zu politischer Kommunikation und sozialen Medien

Bielefeld. Donald Trump, Hillary Clinton, Norbert Hofer: Sie alle tun es und sie alle tun es erfolgreich. Das Bespielen von Social-Media-Kanälen wie Facebook und Twitter. Zumindest erreichen sie dort erfolgreich die Klientel, die ihnen ohnehin gewogen ist. Das führt zu immer extremeren Meinungen und Meinungsäußerungen, aufseiten der Politiker aber auch der Wähler. Haben Facebook und Co. also die Macht, demokratische Gefüge ins Wanken zu bringen? Und wie gut sind Wähler eigentlich informiert, die immer nur lesen, was sie lesen wollen? Die Soziologin Jasmin Siri gibt Antworten. Doktor Siri, wieviel Anteil haben soziale Medienkanäle am Wahlerfolg von Donald Trump?Jasmin Siri: Es gibt dazu ja aktuell viele Berichte. Interessant ist daran, dass, als man vor fünf Jahren über Social Media in diesem Zusammenhang sprach, alle gesagt haben, das ist ja völlig übertrieben. Das hat sich gedreht. Jetzt wird die Bedeutung von Social Media in der Politik latent überschätzt. Also ein ganz klarer Tritt auf die Hysterie-Bremse? Immerhin soll Trump auch mithilfe von Daten über seine Wähler erfolgreich gewesen sein?Siri: Eigentlich ist das alles Einstellungsforschung aus den 1960er-Jahren. Anhand von ein paar Kriterien herausfinden zu wollen, wie eine Person tickt, ist ein ganz altes Thema, das jetzt recht hysterisch wieder hochkocht. Zu sagen, das hätte den Haupteffekt bei der US-Wahl gehabt, wäre unseriös. Denn Trump hat ja auch etablierte Medien bespielt. Er streute dann eben etwas bei Twitter und diese Medien haben es aufgegriffen. Es wäre aber sehr verkürzt, zu sagen, sein Wahlerfolg sei ein Social-Media-Erfolg. Welche anderen Faktoren waren relevanter?Siri: Eine gewisse Politikverdrossenheit zum Beispiel, insbesondere im ländlichen Amerika. Und die vielen Probleme, die Frau Clinton damit hatte, ihre eigene Wählerschaft zu mobilisieren. Wirkt es nicht stärker auf Wähler ein, direkt auf Facebook von einem Politiker bei ihrer eigenen Meinung abgeholt zu werden?Siri: Schwierige Frage, aber ich vermute, die Differenz ist marginal. Das wichtigste bei der Einstellungsforschung ist, dass ich nur jemanden aktivieren kann, der schon eine Einstellung hat. Ich kann nur jemanden für einen rassistischen Post begeistern, der schon diese Einstellung hat. Damit kann ich also als Politiker auch nur meine eigene Klientel begeistern. Das hat Donald Trump sehr stark gemacht. Hillary Clinton aber auch. Ob es sich bewähren wird, wie Herr Trump jetzt als gewählter Präsident twittert, wage ich zu bezweifeln. Nochmal: Ist das durch die direkte Ansprache nicht etwas anderes?Siri: Es hilft sicherlich, sich Leute herauszusuchen und Gruppen gezielt anzusprechen. Das ist typisch für den US-Wahlkampf, da gibt es dann "die Frauen", "die Mexikaner". Ob sich das bei Facebook so sehr von einer Wahlveranstaltung in einem Arbeiterviertel oder einem konservativen Viertel unterscheidet, das wage ich zu bezweifeln. Wie wirken sich Facebook und Co. darauf aus, wie gut Wähler sich informiert fühlen und informiert sind?Siri: Ein Effekt ist das Phänomen der "Echokammer". Computerprogramme, die Inhalte für uns aussuchen, sortieren gern Gleiches zu Gleichem. Dadurch kann es passieren, dass man sich in einer Blase bewegt, eine verzerrte Sicht auf die Dinge bekommt. Was man daran sieht: Es gibt nicht die eine Öffentlichkeit, es gibt mehrere mit unterschiedlichen Wertesystemen. Warum haben die Fakten Donald Trumps Rhetorik nicht entlarvt?Siri: Dass das so ist, ist auch wiederum ein Zerrbild, das liberale Eliten von der Politik haben. In amerikanischen Wahlkämpfen sind Fakten nicht das vorherrschende Momentum. Und krass gegeneinander stehende Meinungen und Darstellungen nichts Neues. Was bei Fox News die Wahrheit ist, ist etwas ganz anderes auf einem anderen Nachrichtensender. Werden durch die Einseitigkeit solcher Echokammern nicht auch die Meinungen immer extremer?Siri: Diese Gefahr besteht in jedem Fall. Wenn ich nur Kommunikation empfange, die meine Meinung bestätigt, kann es sein, dass ich intoleranter werde für abweichende Meinungen. Da muss man aber auch auf Persönlichkeitsfaktoren schauen. Ein autoritärer Charakter wird auf solche Meinungsbestätigung anders reagieren als ein offener Charakter. Können solche parallelen Öffentlichkeiten, wie sie durch Facebook, Twitter und so weiter entstehen, Demokratien gefährden?Siri: Dazu etwas Grundsätzliches: Machtunterlegene Gruppen werden immer nach neuen Medien suchen. Das war in der Reformation der Buchdruck, und das ist mit Social Media ähnlich. In Demokratien ist aber ja schon systemisch angelegt, dass andere die Macht übernehmen können. Die Medien sind da eher neutraler Faktor. Empirisch belegt ist übrigens auch, dass Autokratien immer versuchen werden, solche Kommunikation zu unterbinden. Herr Erdogan schaltet ja gerne mal soziale Medien ab. Werden Fakten im politischen Diskurs dann nicht immer unwichtiger? Siri: In Zeiten von Social Media müssen die einzelnen Menschen in jedem Fall sehr viel mehr Medienkompetenz lernen. Dazu gehört, Quellen zu prüfen. Das passiert in Social Media sehr viel weniger. Dennoch werden natürlich auch sehr viele Beiträge von etablierten Medien geteilt. Andersherum werden Verschwörungstheorien und Reichsbürger-Ideologie auch im Fernsehen, zum Beispiel bei Russia Today, gesendet. Das kommt nicht nur aus Social Media. Wie kommt es, dass solche Theorien aktuell besonders präsent scheinen?Siri: Auch das ist nichts Neues. Die gab es historisch gesehen immer dann, wenn zum Beispiel Wirtschaftskrisen oder Kriegszustände vorherrschten. Das ist in der Forschung schon bei den alten Römern beschrieben worden. Wie kann man dem entgegenwirken?Siri: Journalisten können zum Beispiel immer mal wieder erklären, wie sie arbeiten. Das machen auch manche Politiker, Hannelore Kraft hat zum Beispiel einen Video-Blog, in dem sie erklärt, wie ihr Tag verläuft. Das kann schon zu mehr Medien-Kompetenz führen.

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