Am unteren Ende der Nahrungskette: Die Schwimmbrett-Benutzer rangieren ganz unten in der Schwimmkurs-Hierarchie, weiß unsere Autorin, nachdem sie bei der ersten Stunde dabei war. - © picture alliance
Am unteren Ende der Nahrungskette: Die Schwimmbrett-Benutzer rangieren ganz unten in der Schwimmkurs-Hierarchie, weiß unsere Autorin, nachdem sie bei der ersten Stunde dabei war. | © picture alliance

Bielefeld "Carl, du behältst deine Nudel bei dir": Ein Beckenrand-Bericht von der ersten Schwimmstunde

Unsere Autorin war mit ihrer Tochter im Hallenbad. Und zieht seitdem den Hut vor Schwimmlehrern.

Bielefeld. Heureka, wir gehen endlich schwimmen, das Seepferdchen ist so gut wie gemacht! Bislang dachte ich ja, die Wasserscheuheit meiner Tochter stünde dem im Wege, aber nein: Es scheiterte schon weit vor der Schwimmhalle daran, dass es unter einem Jahr Wartezeit keinen Platz in irgendeinem Kurs für uns gab. Jetzt aber! Das Gute an der langen Wartezeit ist, dass auch meine Tochter es jetzt endlich hinter sich haben will. Getreu dem alten Schwimmermotto "Frisch, fromm, fröhlich, frei" betreten wir also flotten Schrittes die Schwimmhalle - und prallen sofort wieder zurück. Irgendwie hatte ich eine gewisse Exklusivität im Kopf gehabt und meine Tochter scheinbar auch. Dies ist aber nicht der Fall. Stattdessen die erste Erkenntnis: Unser Schwimmkurs findet während des regulären Badebetriebs statt, neben den acht Anfängern tummeln sich noch 40 weitere Kinder mit ihren Eltern im kleinen Becken. Die Sprungbretter im Schwimmerbecken knallen laut, aus einer Spielanlage mit großen Eimern klatschen ständig Wassermassen aus zwei Metern Höhe ins Becken, Babys kreischen. 20 Quadratmeter Wasserfläche verteidigen In dieser Kakophonie aus Geschrei, Geknall und Gerausche ist Schreien der ganz normale Modus, in dem unser Schwimmlehrer Herr M. mit seinem Kurs kommuniziert. Das ist nicht böse gemeint, sondern schlichtweg notwendig, damit wir ihn überhaupt hören können. Auf meine Tochter, angesichts der anstehenden Aufgabe und sieben unbekannten Kinder eh dezent verschüchtert, hat die rausgebrüllte Anordnung: "Setz dich bitte auf die erste Wasserstufe und rühr dich nicht vom Fleck" dennoch durchschlagende Wirkung. Stocksteif und blass hockt sie im Wasser und ich nehme mir vor, ihr später zu sagen, dass sie die Augenlider ruhig bewegen darf. "Wir beginnen jetzt mit dem Beinschlag", schreit Herr M. nun die Kinder an und ich bin beeindruckt: Scheinbar hat er tatsächlich vor, mitten in diesem Wahnsinn Schwimmunterricht abzuhalten. Dafür hat er den gefühlt 1.000 anderen Badegästen 20 Quadratmeter Wasserfläche abgetrutzt, die er mit drohenden Blicken und donnernden Ansagen gegen fliegende Bälle, abgetriebene Schwimmbretter und sonstige Störenfriede verteidigt. Wie sinnvoll das ist, beweist denn auch umgehend der kleine Koreaner Hikon, ohnehin schon der schmächtigste Kandidat der ganzen Gruppe. Als neben ihm ein Ball hart aufs Wasser schlägt, vergisst er spontan alles Gelernte und geht im Bruchteil einer Sekunde unter wie ein Stein. Herr M. greift beherzt zu, klemmt sich den prustenden Meter Mensch unter den Arm, und zeigt dem Übeltäter in der anderen Hälfte des Beckens, das er auch verbal durchaus ein Sportsmann der alten Schule ist. Rechter Haken mit dem Schwimmbrett Diesen kleinen Moment der Unachtsamkeit nutzt Ich-kann-nicht-schwimmen-aber-tauchen-Carl am Beckenrand sofort, um seinem Kumpel August mit der Poolnudel einen gut gezielten Hieb auf den Hinterkopf zu verpassen. Empört heult dieser auf, hat aber die Geistesgegenwart, sofort zu kontern und sein Schwimmbrett für einen rechten Haken zweckzuentfremden, der Carl nach hinten auf die Fliesen schmeißt. Beide Mütter sind schon in Startposition, doch da geht Herr M. bereits dazwischen, unterm Arm immer noch Hikon. "Carl, du behälst deine Nudel bei dir, sonst setzt es was!" Zweite Erkenntnis: Herr M. hat auch hinten Augen. Die beiden einzigen Mädchen im Kurs bestätigen in der Zeit aufs Schönste die gängigen Gender-Klischees von den wilden Jungs und den braven Mädchen, zupfen an ihren Badeanzügen, und kontrollieren im Minuten-Abstand, ob die Poolnudel, die sie sich vor den Bauch klemmen sollen, auch auf beiden Seiten gleichmäßig lang ist. Jonas daneben hat die Zeit gut genutzt, um mit dem wasserverschrumpelten Finger seine Nase vollständig zu entleeren. Und Felix-ganz-am-Rand ist der harten Realität in eine Art Trance entflohen, in der er sich mit glasigem Blick, blauen Lippen und klappernden Zähnen leise singend vor und zurück wiegt. Doch jetzt geht es endlich weiter. "Wer kann denn hier schon tauchen", schreit Herr M. Vier Arme fliegen hoch, neidische bis ehrfürchtige Blicke gibt es dafür von den anderen. Spätestens jetzt ist die Hierarchie der Gruppe endgültig in Stein gemeißelt. Da eh noch keiner schwimmen kann, ist es wie mit den Blinden und dem Einäugigen. Ganz unten befinden sich die Schwimmbrett-Benutzer, sie kommen in nur kleinem, aber dennoch deutlichem Abstand zu den Poolnudel-Benutzern. Und ganz oben strahlen die Taucher. Wobei "tauchen" hier schon heißt, kurz das Gesicht bis zu den Ohren ins Wasser zu halten. Die Nichttaucher führt Herr M. langsam an das Thema heran: Sie dürfen "blubbern", also erstmal nur bis zur Nase eintauchen und Luft rauslassen. "Mama, ich will da nicht rein" Danach geht es ins große Becken. Und nun hat meine Tochter Not, das kann ich auch aus 20 Metern Entfernung sehen. Vor "dem Großen" hat sie immer schon Schiss gehabt, es ist zu dunkel und zu kalt und zu tief und überhaupt. Ich hatte mir eigentlich fest vorgenommen, mich aus der Sache rauszuhalten und Herrn M. das Feld zu überlassen. Doch jetzt kann ich nicht an mich halten, renne rüber und hocke mich hin. "Was ist?", flüstere ich. "Mama, ich will da nicht rein", wispert sie. Kurz überlege ich, was nun zu tun ist und beschließe kurzerhand, vier Jahre Wasser-Kuschelkurs mit einer pädagogischen Glanzleistung zu beenden: "Du musst aber. Sagt Herr M." Sie schluckt. Ich auch. Dritte Erkenntnis: Manchmal hilft im Leben nur die harte Tour. Am Ende sind wir beide fix und fertig. "Das hast du gut gemacht fürs erste Mal" schreit Herr M. meine Tochter an. Die zuckt diesmal nur noch leicht zusammen. "Müssen wir dafür eigentlich Geld bezahlen?", fragt sie mich dann im Auto, mit klarer Betonung auf dem "dafür". Ich nicke. "Ah...", sagt sie. Überlegt. Und kommt dann zu Erkenntnis Nummer vier: "Dann ist es wohl besser, ich lerne das schnell." Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

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