Spielzeug wie dieses ist selten. Neben zwei gehenden Menschen gibt es auch einen im Rollstuhl. das ist im Spielzeugregal aber die Ausnahme - © picture alliance / dpa
Spielzeug wie dieses ist selten. Neben zwei gehenden Menschen gibt es auch einen im Rollstuhl. das ist im Spielzeugregal aber die Ausnahme | © picture alliance / dpa

Spielzeug Dick, dünn oder mit Handicap: Das sind die Alternativen zur Barbie-Puppe

Die Spielzeugindustrie ist riesig und doch sehr klein, was die Vielfalt darstellt. Ein paar Menschen versuchen daran etwas zu ändern.

Bielefeld/Mérida. Kurze Beine, große Brüste, schmale Taille, großer Po, Kleidergröße 38 oder 42: Gesellschaftliche Vielfalt, die zwar auf der Straße, nicht jedoch im Spielzeugregal anzutreffen ist. Wer nach einer Alternative zu blonden Barbie mit irrealen Maßen, wie sie selbst Models auf dem Laufsteg nicht haben, sucht, der guckt in die Röhre. Inzwischen gibt es Alternativen mit diversen Haarfarben und zumindest einige Ethnien sind in der pinken Traumwelt der Plastikpuppe von Matell vorhanden. Doch wirklich gesellschaftskonform ist das nicht – von Randgruppen ganz zu schweigen. Einzelne Frauen haben sich dem Kampf gestellt und entwickeln Spielzeugpuppen, die ein bisschen mehr an die Menschen von nebenan erinnern. Da ist zum Beispiel Connie Feda aus Pittsburg, Pennsylvania USA, die das Projekt „Dolls for Downs" ins Leben rief und Puppen herstellt, die die Züge eines Menschen mit Trisomie haben. Auf der Welt leben schätzungsweise fünf Millionen Menschen mit dem Down Syndrom. Es ist also keine Ausnahmeerscheinung - jeder sieht regelmäßig jemanden, der Trisomie hat. Nur in der Spielzeugwelt gab es sie nicht. Das ärgerte die Mutter eines Kindes mit Trisomie so sehr, dass sie die Puppen entwickelte und herstellen ließ. Für ihr eigenes Kind, für andere Kinder mit Trisomie und für jeden, der sie haben möchte. Individuelle Puppen mit Behinderungen und besonderen Merkmalen Kinder, insbesondere Kinder mit Behinderungen, stehen im Fokus von Nicole Sarripapazidis aus Grafhorst in Niedersachsen. Die 39-Jährige fertigt „Nicoletta’s Handicap Dolls", Puppen die die Spuren von einer Herzkathether-Op, einer Magensonde oder einer Luftröhrenkanüle aufweisen oder eine Orthese tragen. „Ich betreue seit zweieinhalb Jahren ein Kind mit körperlichen und geistigen Behinderungen und fertige dafür auch Kleidung und Accessoires. Immer wieder ist mir aufgefallen, dass es keine Puppe gibt, die auch diese Besonderheiten hat", sagt Sarripapazidis. Also nähte sie kurzerhand selbst eine. Als die Nachfrage sie überrollte, meldete sie ein Gewerbe an und begann Puppen mit allen möglichen Formen von Einschränkungen zu fertigen - vor allem solche Puppen, die wie ihre Besitzer aussehen. Der Wunsch nach diesen Figuren ist also da. In einem nächsten Schritt näht sie eine Handpuppe mit einer Narbe, die auf einen Herzfehler hinweist. Die soll Sarripapazidis dann in Kitas begleiten. „Ich glaube, dass Kinder viel toleranter sind, wenn ihnen jemand erklärt, was es gibt und wenn sie auch beim Spielzeug eine natürliche Diversität wahrnehmen. Mich ärgert es, dass Puppen wie die Barbie eine Welt vorgaukeln, in der alle perfekt aussehen sollen." Eine Puppe, deren Körper normal und nicht unerreichbar ist Diesem Kampf hat sich auch der Amerikaner Nickolay Lamm verschrieben und eine Puppe à la Barbie mit den Durchschnittsmaßen einer 19-jährigen Amerikanerin entwickelt und produziert. Die „andere" Barbie ist nicht nur beweglicher, sondern aufgrund ihrer natürlichen Zehenstellung auch nicht mehr zwingend auf Absatzschuhe angewiesen. Das liegt nicht nur an der Produktion, sondern auch an den natürlichen Körperproportionen der Figur. In einem Video auf der Videoplattform Youtube vergleichen amerikanische Kinder die beiden Puppen und stellen fest, dass die Lammily-Puppe nicht nur normaler aussieht, sondern auch irgendwie praktischer ist. Der Normalität haben sich auch Marelsy Castillo und ihre Mutter verschrieben. Die beiden Frauen stellen Puppen her, die wie normale Menschen aussehen – und zwar wie diejenigen, die sie bestellen. In der Manufaktur in Mexiko kriegen die Puppen so große oder kleine Brüste, glattes oder gelocktes Haar, eine schmale Taille oder einen dicken Po. Die Idee entstand, als Castillo sich selbst in ihrer Haut nicht wohlfühlte. Mit der Produktion sollen Frauen unterstützt werden, die Opfer von Gewalt geworden sind. Was kann das Spielzeug verändern? Das Spielen ist quasi die Form, über die Kinder gesellschaftliches Handeln kennen und umsetzen lernen. „Der Mensch entwickelt sich, indem er spielt", sagt Karin Falkenberg, Volkskundlerin und Direktorin des Nürnberger Spielzeugmuseums. Auch Wiebke Waburg, Erziehungswissenschaftlerin der Uni Augsburg und Teil einer Forschungsgruppe zum Thema Spielzeug, hat festgestellt, dass nicht nur die Gesellschaft das Spielzeug beeinflusst, sondern auch genau gegenteilig eine Beeinflussung stattfindet. „Spielzeug definiert, was normal ist." Umso verwunderlicher scheint es daher, dass Themen wie Behinderung, Krankheit, Gebrechlichkeit, Alter oder Armut im Spielzeugregal keine Rolle spielen. Denn das könnte die Gesellschaft von Morgen verändern. „Kinder erschließen gerade im Spielen die Welt, die sie umgibt", sagt Waburg. Deswegen sei es eigentlich wichtig und ratsam, ihnen die Toleranz, die man ihnen vermittelt will, auch in Form von Spielzeug zur Verfügung zu stellen und nicht nur Erfolgstypen darzustellen. Studie zeigt, dass Kinder von Spielzeug in gesellschaftlicher Vielfalt profitieren Die Spielzeugstudie der Augsburger Wissenschaftler zeigt, dass Kinder mit einer körperlichen oder geistigen Beeinträchtigung durch das spezielle Spielzeug eine Identifikationsmöglichkeit erhalten und sich sogar im Spiel mit Kindern ohne Behinderung besser einbringen können. Auch Kinder ohne Beeinträchtigung profitieren laut den Wissenschaftlern von dem Spielzeug: Sie nehmen die Behinderungen der anderen Kinder als viel normaler wahr und akzeptieren diese. Das bemerkt auch Nicole Sarripapazidis im Feedback von Eltern und Kindern, die eine ihrer Puppen erhalten haben. Zum Beispiel im Fall eines Dreijährigen mit einem Klumpfuß. „Er benötigt dafür eine Prothese und seine Eltern sagten mir, dass er sie gehasst hat und ein riesen Theater machte, wenn er sie anlegen sollte. Zu Weihnachten bekam er die Puppe mit Prothese und seitdem nimmt das Theater beim Anlegen immer weiter ab." Leider noch keine Realität Derzeit haben laut den Forschern 75 Prozent aller Puppen der großen Hersteller die weiße Hautfarbe. Figuren mit körperlichen Beeinträchtigungen gibt es kaum. Nur 1,2 Prozent der Figuren tragen eine Brille und nur eine von den 3.000 betrachteten saß im Rollstuhl. Das Regal wird von irrealen Erfolgstypen dominiert. Vielleicht können diese vier Ideen der Anfang einer Veränderung sein.

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