So wie Sabine unter diesem Gewächshaus bestimmte Pflanzen vor Wettereinflüssen behütet, so verbirgt sie auch ihren Garten vor Menschen, die sie nicht dort haben möchte. Fotos: Angelina Kuhlmann - © Angelina Kuhlmann
So wie Sabine unter diesem Gewächshaus bestimmte Pflanzen vor Wettereinflüssen behütet, so verbirgt sie auch ihren Garten vor Menschen, die sie nicht dort haben möchte. Fotos: Angelina Kuhlmann | © Angelina Kuhlmann

Anders essen Leben als Selbstversorger – geht das?

Serie "Anders essen": Wenn sie für ihre fünfköpfige Familie einkaufen geht, dann braucht Sabine Schmidt nicht viel. Denn was sie zum Leben braucht, wächst hinter ihrem Haus im Garten

Bad Oeynhausen/Löhne. Nur wenige Menschen haben ihren Garten je gesehen. Er ist ihr ein und alles und nicht nur sprichwörtlich ihre Lebensgrundlage. Deswegen soll ihr Name auch geändert, ihr Wohnort nicht verraten werden. Sie hat Angst, dass sich sonst jemand Fremdes an ihren Pflanzen zu schaffen macht – sie gar klaut. Nennen wir sie also Sabine Schmidt. Auf 500 Quadratmetern pflanzt Sabine in ihrem Garten von der Kartoffel bis zur Kiwi alles an, was sie und ihre Familie im Alltag brauchen. Steht man vor dem Haus, sieht man nicht, dass sich dahinter ein großer Gemüse- und Obstgarten samt Hühnerstall erstreckt. Kleine Gewächshäuser bieten Tomaten- und Gurkenpflanzen Schutz, an einer alten Schaukel ranken Kiwis, in Hochbeeten wächst Rote Beete. Sogar die Blüten der Blumen aus Sabines Reich sind essbar. In ihrem Garten findet Verwertung und Selbstherstellung von Anfang bis Ende statt. Die Gärtnerin überlässt kaum etwas der auswärtigen Herstellung. Sogar ihre Komposterde dämpft sie selbst, um sie keimfrei zu machen – und auch ihr Düngemittel setzt sie von Hand an. «Ich habe gemerkt, dass ich nur zwei Dinge brauche» „Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich eigentlich nur zwei Dinge brauche", erklärt sie und holt zwei Pflanzwerkzeuge aus einem Schuppen. Dann setzt sie sich wieder auf ihren Stuhl vor einem verwitterten Holztisch auf dem ein Korb mit Knoblauch steht. Sie holt ein Tütchen mit Tabak aus einer Tasche ihres Pullovers und dreht sich eine Zigarette. „Ich bin damit groß geworden", sagt sie, weist mit dem Kopf auf den Hühnerstall schräg hinter ihr. Enten, Hühner, Tauben, Gemüse, Kaninchen gab es damals zu Hause. „Einen Garten hatte ich eigentlich schon immer." Als sie ihre Kinder bekam, hat sie zehn Jahre lang mit dem Gärtnern aufgehört. „Vor sieben Jahren hat mein Mann mir dann meinen Garten geschenkt", sagt sie. Sie sieht glücklich aus. Auch die Hühner werden geschlachtet „Ich ziehe auch die Küken selber", sagt sie. Mit einer Brutmaschine. So laufen im Hühnerstall und dem dazugehörigen Außengehege immer zwischen 30 und vier Hühnern herum. Denn Sabine schlachtet auch selber. Vegetarierin ist sie nicht. „Ich schlachte am Ende immer die weg, die dumm und verrückt sind", erklärt sie und zündet die Zigarette an. Alles, was sie erntet, verarbeitet Sabine. Sie macht es haltbar. Der Keller unter dem großen Wohnhaus ist ihr überdimensionaler Vorratsschrank. Sechs Gefriertruhen und einige Schränke beanspruchen jeden Zentimeter. Birnensaft, Marmelade, Krautsalat und eingelegte Gurken reihen sich in Einmachgläsern aneinander. «1.200 Einmachgläser benutzte ich gleichzeitig» „Ich habe einen 25-Liter-Kochtopf." Darin verarbeitet sie zum Beispiel ihre Tomaten zu Tomatensoße. Gibt es Pasta, muss sie nur in den Schrank greifen und die Soße hervorholen. Nicht einmal für die Nudeln fährt sie zum Supermarkt. Sabine macht sie ebenfalls selber, nach einem „Rezept von früher" mit viel Eigelb. „Da mussten sich die Leute nahrhaft ernähren", sagt sie. 1.200 Einmachgläser hat sie gleichzeitig in Gebrauch. Dass man die nicht zum Einfrieren nutzen könne, sei übrigens ein Irrglaube, sagt sie und zeigt ein Foto von ihrer Gefriertruhe, in der sich die Gläser stapeln. Auch das Abkochen – um die Gläser zu sterilisieren – hält sie für unnötig. „Die kommen einfach in die Spülmaschine." Nicht mehr als 50 Euro für den Wocheneinkauf Sabine ist verheiratet und hat drei Kinder. „Die Kinder essen alles sehr gerne. Aber Hilfe und das Interesse für den Garten gibt es eher nicht", sagt sie. Ihr Garten ist ein Vollzeitjob. Würde sie das, was sie erntet zu Bio-Preisen verkaufen, dann hätte sie einen Nettoverdienst von 4.500 Euro – so zumindest ihre Rechnung. Sie arbeitet nicht nebenbei, ist quasi Hausfrau und Versorgerin der Familie. Viele Wochen im Jahr bezahle sie für die fünfköpfige Familie nicht mehr als 50 Euro in der Woche für zusätzliche Lebensmittel, sagt sie. Beim Einkaufen landen dann Milch, Butter, Quark und Frischkäse im Wagen. Eben all das, was sie selber nicht Herstellen kann. Selbstversorgung als Vollzeitjob Früher habe sie noch gearbeitet, erzählt sie. Sie habe sich zum Beispiel bei einer Firma um den Baumschnitt gekümmert. Jetzt habe sie ein Haushaltskonto, auf das ihr Mann ihr jeden Monat eine gewisse Summe überweisen würde. Mehr braucht sie nicht. Sie kümmere sich ja immerhin um den Haushalt und das Essen – und das in Vollzeit. Eine Ausbildung hat die Familienmutter nie gemacht. Sie habe eine große Schwäche im Bereich Mathematik. Anders ist das mit ihren Pflanzen, ihren Hühnern und allem was mit ihrem Garten zutun hat. Sabine ist zwar kein Mathe-Ass, aber ein Pflanzen-Ass. In ihrer Welt weiß sie Bescheid. Weiß, wo die Zwiebeln und wo die Paprika stehen und welche Zöglinge wann in die Erde müssen. Angst hat sie allerdings vor Vandalismus. Nicht mal ihre Nachbarn wissen, so sagt sie, von ihrem Garten. Viel Kontakt zu Außenstehenden habe sie nicht. Es sei schon öfter vorgekommen, dass man ihr Gemüse aus dem Garten gestohlen hat. Das gehe vielen Selbstversorgern in Deutschland so, erklärt sie. Die Community ist groß Ob dass denn wirklich so viele sind? Ja, sagt sie. Im Internet seien einige von ihnen sehr aktiv und damit auch sehr erfolgreich. Die Community dieser Menschen in Deutschland ist in der Tat gar nicht so klein wie man denkt. Auf der Videoplattform Youtube betreiben sogar viele von ihnen eigene Seiten. Dort vernetzen sie sich miteinander und auch mit interessierten Hobbygärtner. Einer von ihnen ist zum Beispiel Ralf Rosenberger. 141.370 Nutzer folgen seinem Videokanal „Der Selbstversorgerkanal" auf Youtube und wollen über das, was er macht informiert werden. Rosenberger beeinflusst so eine große Gruppe von Menschen, die sich auf die Suche nach Möglichkeiten gemacht haben, wie sie einer Abhängigkeit von Supermärkten, Verpackungsmüll und Discount-Gemüse entgehen können. So wie Sabine mit ihrem großen geheimen Garten.

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