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Die Heilquellen sind verseucht: Georg Böhm und Isabell Giebeler gehen in Ibsens „Volksfeind“ baden. Foto: Philipp Ottendörfer - © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com
Die Heilquellen sind verseucht: Georg Böhm und Isabell Giebeler gehen in Ibsens „Volksfeind“ baden. Foto: Philipp Ottendörfer | © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com

Kultur Mäßigung als Bürgerpflicht: "Ein Volksfeind" feiert Premiere im TAM

Die Inszenierung zeigt brisantes und hochaktuelles Theater zum Thema Freiheit, Mehrheit und Wahrheit

Lasse Lassen
23.05.2016 | Stand 22.05.2016, 19:36 Uhr

Bielefeld. Zu Beginn des Stückes schälen sich die Hauptakteure aus einer unheilvoll leuchtenden Ursuppe und damit aus der Wurzel des Problems von Henrik Ibsens Gesellschaftsdrama „Ein Volksfeind" von 1882. Ein Umweltskandal um verseuchtes Trinkwasser wird duldend in Kauf genommen und vertuscht, um die Interessen von einflussreichen Wirtschaftsverbänden nicht zu gefährden. In der Inszenierung von Mareike Mikat am Theater Bielefeld geht es darum, was ein solcher Skandal mit der Gesellschaft macht und welche Risse durch ihn zutage treten. Schon bei „König Ödipus" ist ja die Seuche, die die Gemeinschaft heimsucht, nur Ausgeburt einer tiefen inneren Verdorbenheit. Und so zeigt sich auch in dem südnorwegischen Badeort, dessen Heilquelle vom Abwasser der örtlichen Gerbereien verseucht wird, wie schnell die örtlichen Honoratioren vom Bürgermeister bis zum Chefredakteur auf Pragmatismus umschalten können. Den Badearzt mit einer Frau zu besetzen, ist ein Glücksgriff Besonders herausstechend spielt Thomas Wolf den Verleger Aslaksen als Biedermann mit schelmischen Habitus, immer auf der Hut, der Obrigkeit nicht auf den Schlips zu treten. „Mäßigung, Mäßigung", das ist seine Devise. Überhaupt überzeugt das Ensemble dieser Inszenierung ohne Ausnahme, wobei die Idee den Protagonisten, den aufrührerischen Badearzt Dr. Stockmann, weiblich zu besetzen, sich als besonderer Glücksgriff erweist. Gerade wenn Schauspielerin Christina Huckle vom Volksheld zum Volksfeind degradiert wird und als Jean d’Arc der Vernunft von der patriarchalischen Dreifaltigkeit aus Bürgermeister, Redakteur und Verleger vor Gericht gestellt wird, gibt das dem Stück einen interessanten neuen Beigeschmack. Das Szenebild, eine weiße Wand, wird zur Klagemauer, auf die Stockmann mit zunehmender Besessenheit die Verzweigungen der Verschwörung aufschreibt. Alles hängt zusammen – Wirtschaft, Politik und Medien – und Recht haben am Ende diejenigen, die die Mehrheit auf ihrer Seite haben. Das wird besonders deutlich wenn der windige Bürgermeister, gespielt von Lukas Graser, seinen Hut im Publikum verliert und dieses daraufhin die Rückgabe verweigert. Daraus entwickelt sich eine improvisierte Konversation, die das Thema des Stückes noch einmal auf ein anderes Level hebt. Begleitet wird das Drama von Musik der Ex-Beatles John Lennon und George Harrison – von „Instant Karma" bis zu „Cloud Nine". Nur „Working Class Hero" wird nicht gespielt, statt Klassenkampf geht es den Machern um den Kampf Individuum gegen Gesellschaft und Obrigkeit. „Der Mensch wird abgerichtet oder hingerichtet" schrieb der deutsche Dramatiker Frank Wedekind, ein Zeitgenosse Ibsens. Im Falle des Volksfeindes Stockmann trifft am Ende auf perfide Weise sogar beides zu. Weitere Vorstellungen am 10. und 11. Juni sowie am 2. Juli. Wiederaufnahme in der nächsten Saison. Karten bei der NW unter Tel. 555-444. Weitere Infos unter www.theater-bielefeld.de

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