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Comedian Guido Cantz. - © Jobs/SWR – Südwestrundfunk
Comedian Guido Cantz. | © Jobs/SWR – Südwestrundfunk

Kopf der Woche Gibt es eine Grenze für Humor? Guido Cantz im Interview

Seit 25 Jahren steht der Comedian auf der Bühne und wurde zuletzt für einen Auftritt als Dunkelhäutiger bei "Verstehen Sie Spaß" kritisiert. Was er dazu und zum Zustand der deutschen Comedy sagt

Anne Wunsch
13.11.2016 | Stand 12.11.2016, 16:59 Uhr

Ist das nicht der Blonde aus dem Karneval? Mittlerweile ist Guido Cantz mehr. Der 45-jährige Kölner steht seit 25 Jahren als Comedian und Redner auf der Bühne, schreibt Bücher und moderiert seit 2010 die Unterhaltungssendung „Verstehen Sie Spaß?". Im Interview erzählt er, wie es um die oft kritisierte deutsche Comedyszene steht und warum das Konzept von „Verstehen Sie Spaß?" auch nach 36 Jahren noch erfolgreich ist. 25 Jahre auf der Bühne – hätten Sie damals gedacht, dass man mit Lustigsein so lange Geld verdienen kann? Guido Cantz: Ehrlich gesagt, nein. Man kann das ja auch nicht planen. Ich fand es schon mit 14 Jahren toll, auf eine Bühne zu gehen. Aber, dass man das beruflich machen kann, war mir gar nicht so klar. In den Anfangsjahren habe ich noch BWL studiert, da war die Bühne noch nicht mein Plan. Dass das so lange geht, ist natürlich toll, weil es mein Hobby und vielleicht auch meine Berufung ist. Könnte es noch ein Comeback als BWLer geben? Cantz: Ich habe gar nicht zu Ende studiert. Nach sechs Semestern war Schluss. Um auf der Bühne zu stehen, konnte ich ja außer vielleicht einer Schauspielausbildung nichts machen. Die ersten Versuche damals haben sich dann zum Glück gut entwickelt. Sind 25 Jahre ein Anlass, darüber nachzudenken, wie lange man diesen Beruf machen kann? Es gab ja in diesem Jahr einige, die sich aus dem Geschäft zurückgezogen haben. Cantz: Nein – weil es mir einfach sehr viel Spaß macht. Natürlich denkt man mit Mitte 40 generell mal über sein Leben nach. Aber auf der Bühne zu stehen ist für mich in gewisser Hinsicht keine Arbeit, auch wenn die Reiserei oft sehr anstrengend ist. Doch so lange der Spaß nicht verloren geht, werde ich weiter machen. Sie sind schon lange dabei. Wie hat sich die Comedyszene verändert? Cantz: Ich denke, dass es heute viel mehr Möglichkeiten gibt, um sich auszuprobieren. Deshalb kommen sehr viele junge Leute nach. Das ist super, auch wenn die Konkurrenz dadurch größer geworden ist. Wenn ich junge Stand-Up-Comedians frage, was sie denn außerdem noch machen, wie zum Beispiel eine Ausbildung, dann kommt: „Nichts, ich werde jetzt Stand-Up-Comedian." Diesen Enthusiasmus finde ich gut, trotzdem würde ich heute jedem raten, mindestens einen Schulabschluss und vielleicht noch eine Ausbildung zu machen. Was hat sich inhaltlich verändert? Cantz: Man darf auf der Bühne andere Sachen machen und erzählen. Gerade beim jüngeren Publikum gibt es weniger Grenzen als früher. Die Gürtellinie sitzt tiefer, das Ganze ist lockerer geworden. Die Qualität wird allerdings häufig kritisiert. Cantz: Es ist alles eine Frage des Geschmacks und der Perspektive. Hugo Egon Balder hat mir mal gesagt: Unser Job ist, die Leute zu unterhalten, sie sollen lachen. Und wenn du das schaffst, hast du deinen Job erfüllt – egal, wie du das gemacht hast. Ich finde, dass es in der Comedy eine gute Qualität gibt, auch bei den jungen Leuten. Es rückt viel nach, man muss sich immer wieder neu erfinden. Deshalb gibt es den Satz: Wer nicht mit der Zeit geht, geht mit der Zeit. In diesem Jahr wurde viel über die Grenzen von Comedy und Satire gesprochen. Haben Sie eine Grenze und wo ist die? Cantz: Wenn ich abends auf der Bühne stehe, habe ich mit dem Thema zu tun. Es gibt immer Leute, die sagen: „Das fand ich aber jetzt zu heftig." Ich schaue mir immer an, für welches Publikum ich das mache. Auf der Bühne kann ich andere Dinge sagen als bei einer Familiensendung im Fernsehen. Genauso kann ich in einer Kabarettsendung schärfer und politischer sein. Trotzdem hört es für mich auf, wenn Menschen verletzt werden und es nur noch darum geht, zu provozieren. Die Leute sollen immer noch darüber lachen können und sich unterhalten fühlen. Ihnen wurde kürzlich auch vorgeworfen, eine Grenze überschritten zu haben. Sie haben sich für einen Dreh bei „Verstehen Sie Spaß?" als Schwarzer verkleidet. Können Sie die Kritik verstehen oder war sie übertrieben? Cantz: Ich kann die Kritik nicht nachvollziehen. In der Sendung habe ich gesagt, dass ich es bedauere, wenn sich Menschen dadurch verletzt fühlen. Bleiben wir bei „Verstehen Sie Spaß?". Nach „Wetten dass. . .?" ist die Sendung die letzte große Unterhaltungssendung – oder ist das zu viel der Ehre? Cantz: „Verstehen Sie Spaß?" gibt es sogar schon länger als „Wetten dass..?". Sie ist eine der letzten großen, vielleicht sogar die letzte große Samstagabendshow und läuft seit 36 Jahren im Fernsehen. Das ist noch kein Qualitätskriterium, aber die Einschaltquoten geben uns Recht und zeigen, dass es den Zuschauern gefällt. „Verstehen Sie Spaß?" ist eine tolle Sendung für die ganze Familie. Ich habe sie auch schon als Kind geschaut und deshalb ist es für mich natürlich auch toll, sie mittlerweile zu moderieren. Was zieht die Menschen bei der Sendung noch vor den Fernseher? Cantz: Man kann sie sich als Erwachsener mit seinen Kindern anschauen – und alle haben Spaß. Das ist mir sehr wichtig. Oft wird gesagt, dass das Internet die große Konkurrenz des Fernsehens ist. Bei „Verstehen Sie Spaß?" befruchtet sich das gegenseitig sehr gut. Wir haben einen YouTube-Kanal, der sehr gut genutzt wird. So ist die Sendung auch für die jüngere Generation interessant. Für Sie beginnt bald die heiße Karnevalszeit, in der Sie als Redner aktiv sind. Können Sie selbst auch mal feiern? Cantz: Feiern fällt leider aus. Jetzt im November sind es so einige Auftritte an den Wochenenden. Richtig interessant wird es ab Januar. Dann bin ich ausschließlich im Karneval unterwegs, sehe zu, dass ich gesund bleibe und genug Schlaf abbekomme. Ich trinke dann gar keinen Alkohol und feiere nicht. Das mache ich dann erst in den jecken Tagen, also ab Karnevalssamstag bin ich fertig mit meinen Auftritten und feiere dann ein bisschen mit meiner Familie. Würden Sie denn gerne mal wieder mehr feiern? Cantz: Der Karneval ist mein Job, daran habe ich mich gewöhnt. Ich würde nur gerne mal wieder im Januar und Februar Ski fahren. Denn dann ist die beste Zeit dafür und das konnte ich schon lange nicht mehr machen. Und Ihre Familie muss in der Zeit auch viel aushalten? Cantz: Ja, auf jeden Fall. Während der Tour versuche ich aber, viel zu Hause zu schlafen. Nach 25 Jahren sind Hotelzimmer nicht mehr so richtig sexy. Und auch im Karneval komme ich oft erst mitten in der Nacht nach Hause. Aber das haben andere Menschen in ihren Jobs auch. Die Welt um uns herum ist sehr in Aufruhr. Wie wird das den Karneval beeinflussen? Cantz: Ich glaube, dass in Zeiten, in denen die Menschen sagen, dass die Welt verrückt und wahnsinnig ist, Unterhaltung und Humor großen Zulauf haben. Das wird im Karneval genauso sein. In Zeiten von Horrorclowns, Reichsbürgern, einer merkwürdigen Präsidentenwahl und Kriegen, wollen Menschen den Alltag mal für ein paar Stunden vergessen. Und dafür ist Karneval ein Ventil und deshalb wird er seine Faszination behalten. Also ist er noch wichtiger? Cantz: Vielleicht ist er noch wichtiger, ja. Sie feiern Ihr Jubiläum mit einer Best-of-Tour. Was bedeutet das für die Zuschauer? Cantz: Gestern Abend haben mir Leute nach der Show gesagt: „Ich habe lange nicht so gelacht." Und darum geht es mir. Sie sollen Spaß haben und aus sich rausgehen. In 25 Jahren kommt einiges zusammen, aus dem ich erst einmal aussuchen musste. Natürlich spielen auch aktuelle Themen eine Rolle und die Leute müssen auch ein bisschen mitmachen. Und einem Kölner muss man in diesen Tagen die Frage stellen, ob der 1. FC Köln denn bald international spielt? Cantz: Also ich bin selber VfB Stuttgart Fan und dementsprechend wie Arminia Bielefeld in der zweiten Liga zu Hause. Aber natürlich bin ich großer Sympathisant, weil ich hier geboren bin und hier lebe und ich traue denen absolut zu, dass sie es in die Europa League schaffen. Mein Tankwart hat gestern zu mir gesagt: Der erste Neueinkauf des FC wird der Busfahrer von Bayern München, weil der die ganzen Champions League Stadien kennt.

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