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Starke Nachfrage: Es kommen immer mehr Kinder- und Bilderbücher auf den Markt. - © dpa
Starke Nachfrage: Es kommen immer mehr Kinder- und Bilderbücher auf den Markt. | © dpa

Kultur Kinderbücher: Warum große Verlage das Sprachniveau immer weiter herunterfahren

Jahrestagung des Friedrich-Bödecker-Kreises / Flüchtlingsgeschichten werden stark nachgefragt

Joachim Göres
08.09.2016 | Stand 07.09.2016, 19:55 Uhr

Hannover. Im vergangenen Jahr erschienen in Deutschland 9.081 neue Kinder- und Jugendbücher. Während der Umsatz mit Kinder- und Bilderbüchern steigt, geht er bei den Jugendbüchern zurück. Insgesamt nimmt die Zahl mehrsprachiger Bücher für Kinder und Jugendliche deutlich zu und es erscheinen auch immer mehr Titel, in denen es um Flucht, Toleranz und Integration geht. Das machte sich auch auf der Jahrestagung des Friedrich-Bödecker-Kreises bemerkbar, auf der sich jetzt in Hannover rund 130 Autoren trafen, die für ein junges Publikum schreiben. Manfred Theisen aus Köln hat „Checkpoint Europa" über die Flucht eines Jungen von Syrien nach Deutschland veröffentlicht. Auf der Tagung berichtete er über verschiedene Schulprojekte. „In Saarbrücken war ich in einer Grundschulklasse, in der nur zwei Schüler mit Deutsch als Muttersprache aufgewachsen sind. Ich habe alle Kinder gebeten, einen Gegenstand mitzubringen, der für sie Heimat bedeutet. Es ist sehr spannend zu beobachten, was für sie Deutsch ist und wie sie sich mit dem Saarland identifizieren", sagt Theisen. Annette Weber schreibt von ihren Büchern drei Fassungen „Die Verlage fragen verstärkt nach Flüchtlingsgeschichten in einfacher Sprache", sagt Annette Weber aus Bad Lippspringe. Sie schreibt ihre Bücher für Jugendliche über Themen wie Schulschwänzen, Gefahren beim Chatten oder Alkohol schon seit Jahren in drei unterschiedlichen Versionen – der Stoff wird von ihr in eine einfachere und eine anspruchsvollere Fassung mit mehr Informationen umgearbeitet. „Von der mittleren Stufe verkaufe ich die meisten Bücher, doch auch die anderen beiden Ausgaben sind gefragt", sagt Weber. „In den Buchhandlungen sind die Regale mit Reihen großer Verlage vollgestellt. Für kleinere Verlage ist es schwer, dort Bücher zu platzieren. Wir verkaufen 30 Prozent über das Internet und auch Lesungen der Autoren sind für den Verkauf wichtig", sagt Martin Ebbertz aus Frankfurt. Er ist selber Autor und hat den Verlag Razamba gegründet, nachdem seine eigenen Bücher von seinem einstigen Partnerverlag nach kurzer Zeit aus dem Programm genommen wurden. „Die Laufzeit der Bücher wird immer kürzer", sagt Ebbertz, der sich mit seinem Verlag auf Kurzgeschichten und Lyrik für Kinder spezialisiert hat. „Kinder haben einen totalen Spaß an Sprachspielen und Reimen. Wichtig ist, dass ihnen vorgelesen wird." In die Klage darüber, dass immer weniger gelesen wird, mag er nicht einstimmen: „Es gibt eine Tendenz, dass Kinder immer früher mit dem Lesen anfangen. Gleichzeitig haben viele Mädchen und Jungen Probleme mit dem Lesen und es erscheinen speziell für sie Bücher in einfacher Sprache." „Es gibt bei großen Verlagen den Trend, das Sprachniveau immer weiter runterzufahren, um ein möglichst großes Lesepublikum zu erreichen", sagt Wolfram Eicke aus Scharbeutz. Er schreibt seit 30 Jahren sowohl Bilderbücher als auch Jugendromane und freut sich immer wieder über Begegnungen in Schulen. „Ich erzähle Geschichten und frage, wie sie wohl weitergehen könnten, oder singe ein Lied und baue Vorschläge für die nächste Strophe dann in den Liedtext mit ein. Wenn Jugendliche merken, dass sie Einfluss nehmen können, sind sie stolz auf sich und unheimlich motiviert – gerade Schüler, vor denen ich gewarnt wurde." Gerade hat er bei einer Lesung in Hannover einen chinesischen Jungen kennengelernt, der von der Lehrerin als abwesend und autistisch bezeichnet wurde. Bei Eicke war er einer der Eifrigsten und schrieb folgenden Text: „Ich habe so ein Angst. Abent in ein Schlaf hörte ich Gereusche aber das sind bestimmt Wasser tropfen." Man kann auch mit anspruchsvollen Büchern Erfolg haben – davon ist Till Sailer überzeugt. Der Autor aus Bad Saarow in Brandenburg schreibt seit Jahren Musikerbiografien für Jugendliche und hat gerade ein Buch über Paul Gerhardt heraus gebracht. „Ich hatte alleine im letzten Quartal 20 Lesungen. Ein gutes Buch für Kinder und Jugendliche muss auch Eltern etwas geben", sagt Sailer. Er räumt ein, dass die Suche danach nicht einfach ist. „In meiner Umgebung haben in letzter Zeit alleine drei renommierte Buchhandlungen aufgegeben."

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