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Halb Trotzkind, halb „Kinsky-Troll“: Lukas Graser spielt Alceste, den Menschenfeind, der Célimène (Susanne Schieffer) begehrt. Foto: Philipp Ottendoerfer - © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com
Halb Trotzkind, halb „Kinsky-Troll“: Lukas Graser spielt Alceste, den Menschenfeind, der Célimène (Susanne Schieffer) begehrt. Foto: Philipp Ottendoerfer | © Philipp Ottendoerfer+41794025633+4917699032030mail@ottendoerfer.com

KulturPremiere von "Der Menschenfeind"

Regisseurin Mareike Mikat verortet in ihrer Inszenierung Molières Komödie in einer übersexualisierten Plastik-Partywelt.

Antje Doßmann
19.03.2018 | Stand 18.03.2018, 18:17 Uhr

Es ist komisch und traurig zugleich: Der Mensch ist ein soziales Wesen, doch die Gesellschaft anderer kostet ihn die eigene Wahrhaftigkeit. Ohne Lüge kein Gefüge, könnte man sein Dilemma in der Endreimsprache Molières benennen. Dem berühmten französischen Dramatiker lieferte diese condition humaine reichlich Stoff für seine ebenso amüsanten wie bitterbösen Pariser Salonstücke. „Der Menschenfeind“, 1966 uraufgeführt, zählt dazu. Dass die das Tragische streifende Komödie im stilisierenden Versgewand auch heute noch bühnentauglich ist, liegt daran, dass sie den Konflikt menschlichen Scheiterns aus den Charakteren der Hauptfiguren entwickelt, die alle dergleichen Gesellschaftsschicht entstammen. Hieß dieses Soziotop bei Molière noch Pariser Salon, wird es in Mareike Mikats aktueller Inszenierung am Bielefelder Stadttheater (Dramaturgie Dariusch Yazdkhasti) zu einer zwischen Techno-Rave und Maskenball, Kindergeburtstag und Burleske schwankenden urbanen It-People-Szene im Non Stop-Feiermodus. Die Figuren sind fast alle egozentrisch und kalt Das gesellschaftliche Parkett erscheint bei ihr als eine mit Kunstrasen ausgelegte Dachterrasse, auf der wulstige weiße Gummisessel herumstehen wie riesige aufgerollte Kondome, Sinnbild des ganz schönen Dachschadens, den die Menschen haben, die in diesem Setting auftreten. Sie entblöden sich nicht, ins Planschbecken zu hopsen oder mit einem überdimensionalen Aufblas-Phallus zu posieren, wie es Susanne Schieffer in der Rolle der von allen Männern umschwärmten Célimène tut. Es geht in dieser von Simone Manthey und Anna Sörensen bühnenbildnerisch und kostümmäßig kongenial ausgestatteten Sportskanonenwelt überdeutlich erkennbar nicht um Fragen des Seins, sondern um Fragen des Verhaltens. Entsprechend erscheinen die Körper der Akteure bei Mikat kaum noch hinter Kleidung verborgen und bewegen sich in einer jeglicher Sinnlichkeit beraubten Eckigkeit. Die Figuren sind bis auf wenige Ausnahmen egozentrisch und kalt. Die Kritik an ihrer Perversion, die in der mit pornografischen Versatzstücken spielenden Inszenierung zum Ausdruck kommt, zielt dabei nicht auf die sexuellen Freiheiten, die sie sich nehmen, sondern auf ihre Besinnungslosigkeit. Dabei zuzuschauen, wie sie sich in ihren aberwitzigen Sport-Dresses zum Lack-Affen machen, garantiert besonders im ersten Teil ein großes, äußerst unterhaltsames Vergnügen. So viel schrille Action und bis in die Zuschauerränge vordringender Tumult ist beim „Menschenfeind“ selten zu erleben. Ein Kunstgriff, der angesichts des allgemeinen Bekanntheitsgrades des Stückes und einer daraus resultierenden bestimmten Erwartungshaltung beim Publikum auch ein Wagnis bedeutete. Dass er so gut funktionierte und am Ende zu langanhaltendem Applaus führte, lag an der Konsequenz, mit der Mareike Mikat den Bogen überspannte und an der Leistung des Ensembles, das den Figuren das notwendige Quäntchen Charakter gab. Allen voran Lukas Graser als Alceste, ein zwischen Leichenbitterkeit und Leidenschaft glaubhaft Zerrissener, halb Trotzkind, halb „Kinsky-Troll“, wie ihn die angebetete Célimène einmal nennt. Susanne Schieffer gibt die Lebedame als It-Girl und dass sie dabei so unromantisch ist, wie frau nur sein kann, dass sie keine tragische Verführerin ist, keine Donna Juana auf der Suche nach Gott im Ewig-Männlichen, die von Alceste erlöst werden muss, ist ohne Zweifel ein Akt der Emanzipation. Früher sagte man, der Mensch an sich sei verrückt Cédric Cavatore als Philinte und Laura Maria Hänsel als Éliante sind das Gegenpaar zu ihnen, zwei Menschen auf dem goldenen, langweiligen und ein bisschen lächerlichen Mittelweg, die ihre innere Freiheit nicht verlieren, auch wenn sie das gesellschaftliche Spiel mitmachen. Sie spielen das großartig. Wie Anica Happich, die als Arsinoé nach Herzenslust ihre Krallen ausfahren darf. Thomas Wehling als narzisstisch gekränkter Orante und artistisch gelenkiger Polizeibeamter zugleich. Jakob Walser, der in der Rolle des Citandre einen mit Wiener Schmäh sprechenden Langhaartrottel verkörpert, und Sebastian Graf als Acaste „stoned and horny“, Scham gehört nicht zu seinen Eigenschaften. Früher sagte man, der Mensch an sich sei verrückt. Heute gilt er als verhaltensauffällig. Therapiert werden muss er in jedem Fall. Mareike Mikats Molière-Inszenierung macht das mutig, schräg und mit jeder Menge Humor. Die nächsten Vorstellungen: 21. und 23. März, 15. und 26. April, 11. und 31. Mai. Karten unter Tel. (05 21) 55 54 44. Infos unter www.theater-bielefeld.de.

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