NRW Fußballvereine sollen sich stärker gegen Fan-Gewalt einsetzen

NRW-Innenminister Ralf Jäger im Interview

Fußballanhänger haben am Bundesliga-Wochenende mit dem Abbrennen von Bengalos in den Stadien von Gelsenkirchen und Düsseldorf gefährliche Situationen heraufbeschworen. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) sieht die Bereitschaft zu Gewalt und Randale rund um den Fußball auf einem neuen Höchststand. Mit ihm sprach Florian Pfitzner.  Herr Jäger, am Wochenende brannte es in den Fußballstadien in Düsseldorf und auf Schalke. Deren Ultras erwarten nun Strafverfahren. Nimmt die Gewalt im Fußball zu? RALF JÄGER: Die Fanszene verändert sich. Zunehmende Gewalt und Pyrotechnik bei Fußballspielen zeigen, dass wir jetzt gemeinsam handeln müssen. Das hat das vergangene Wochenende erneut bewiesen und die Gefahren der Bengalos besonders deutlich gemacht. Der Einsatz von Pyrotechnik auf den Rängen ist und bleibt nicht zu akzeptieren. Glaubt man einer neuen Polizeistudie, sind Stadionbesuche nicht mehr sicher. Müssen Fußballfans mit höheren Risiken leben? JÄGER: Die Gewalt und der Missbrauch der Pyrotechnik haben einen Höchststand erreicht. Unsere 18 Einsatzhundertschaften werden zu 30 Prozent bei Fußballspielen eingesetzt. Das ist niemandem mehr zu vermitteln. Und es gibt auch immer mehr Gewalt außerhalb der Stadien, auf den Zuwegen, an Bahnhöfen und Autobahnraststätten. Da kommt es immer häufiger zu Konfrontationen zwischen gewaltbereiten Fangruppen. Sie nannten die Studie ein "Alarmsignal". Die AG Fananwälte hält Ihnen nun vor, Sie würden die Zahlen der Zentralen Informationsstelle Sporteinsätze (ZIS) dramatisieren. JÄGER: Wir dramatisieren die Zahlen nicht, aber wir sind auch weit davon entfernt, sie zu verniedlichen. In der letzten Saison ist die steigende Gewalt rund um den Fußball in erster Linie auf die 2. Bundesliga zurückzuführen. Da ist ein enormes Gewaltpotenzial entstanden. Wer das wegdiskutiert, handelt fahrlässig. Die AG Fananwälte handelt im Interesse ihrer Mandanten. Das ist ihr Job. In der Kritik steht vor allem die Methode, mit der die ZIS die Studie erarbeitet hat. Ist das Verletzungsrisiko nicht unweigerlich höher, wenn der Zuschauerschnitt in den Stadien wächst? JÄGER: Statistisch gesehen schon, aber jeder Verletzte ist einer zu viel. Wir stellen fest, dass die Zahl der Verletzten steigt. Das liegt aber nicht an den friedlichen Fans, sondern an den gewaltbereiten Chaoten. Das können wir nicht tolerieren. So schlimm die Bilder in Düsseldorf und auf Schalke sind, sie sind die Ausnahme. Halten Sie es für plausibel, schon das Zünden von Rauchkörpern mit handfesten Straftaten wie Körperverletzung in eine Reihe zu stellen? JÄGER: Pyrotechnik ist kein Kavaliersdelikt. Die Bengalos entwickeln eine Hitze von zweitausend Grad. Wenn ich auf einem Stadionrang stehe, möchte ich weder in einem giftigen Rauchgasnebel stehen noch einen brennenden Bengalo abbekommen. Weshalb trennt die ZIS nicht zwischen der Gewalt von Fans und den Maßnahmen der Polizei, also etwa den Einsatz von Pfefferspray? JÄGER: Die Polizei sprüht nicht wahllos Pfefferspray. Sie setzt es nur ein, um gewalttätige Fan-gruppen auseinanderzuhalten oder sich gegen Angriffe zu schützen. Vorher versucht sie aber mit Kommunikation ihr Ziel zu erreichen. Es ist doch so: Die AG Fananwälte spielt das Problem herunter, indem sie versucht, Zweifel an der Statistik zu schüren. Am 12. Dezember wird die Deutsche Fußball-Liga (DFL) über Ihr Sicherheitspapier tagen. Verstehen Sie, dass Ihr Vorstoß bei den Verbänden zu diesem Zeitpunkt nicht besonders gut ankam? JÄGER: Ich bin nicht der einzige Innenminister, der das Problem anspricht. Das Thema steht seit zwei Jahren permanent auf der Tagesordnung der Innenministerkonferenz. Wir nehmen das Problem nicht mehr länger hin. Im Frühjahr sagte Herr Rauball (DFL-Präsident Reinhard Rauball, d. Red.) noch, dass die Vereine genug Steuern zahlen würden und deshalb die Hilfe der Polizei erwarten dürften. Diese Position ignoriert völlig die Verantwortung der Vereine für ihre Fans – auch außerhalb des Stadions. Inzwischen hören wir solche Töne nicht mehr, DFL und DFB bewegen sich endlich. Und das müssen sie auch, sonst entscheidet die Politik ohne die Verbände. Sind Sie mit Ihrer ersten Reaktion also nicht zu weit nach vorn geprescht? JÄGER: Nein, denn am Ende schaden sich die Vereine selbst, wenn sie weiterhin nichts unternehmen. Welcher Sponsor möchte denn noch in einem Stadion werben, in dem Gewalt herrscht? In Köln läuft es mittlerweile besser als noch in der letzten Saison: Bis vor zwei Jahren hatte Lukas Podolski noch eine Kapitänsbinde mit dem Emblem der Ultragruppe "Wilde Horde" am Arm. Inzwischen ächten die vernünftigen Fans die Ausschreitungen und Straftaten dieser Gruppe. Konfrontationen sind seither ausgeblieben. Auch in Dortmund distanzieren sich Fans und Verein eindeutig von rechtsextremistischen Ultras. Das ist sehr erfreulich. Was erwarten Sie künftig von den Vereinen? JÄGER: In den nächsten vier Jahren wird eine Rekordsumme von 2,4 Milliarden Euro an TV-Geldern ausgeschüttet. Die Vereine müssen deshalb mehr Geld in die Sicherheit stecken, sich klar von Straftätern distanzieren und die Fanarbeit deutlich ausbauen. Sie müssen erkennen, dass ihre Verantwortung über das eigene Stadion hinausgeht. Wir alle wollen spannende Fußballspiele in friedlicher Atmosphäre sehen. Und ich denke, niemand möchte Zustände wie in England erleben, wo die Stimmung in den Stadien tot ist. 

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