Christoph Breuer beschäftigt sich mit der Kommerzialisierung im Sport. - © Henrik Martinschledde
Christoph Breuer beschäftigt sich mit der Kommerzialisierung im Sport. | © Henrik Martinschledde

Fußball Kommerzialisierung im Fußball: Ein Risiko für den Sport

Interview: Durch riesige TV-Erlöse schwimmt der Fußball im Geld. Auch Asien meldet Ansprüche an. Wie lange geht das gut? Sportökonom Christoph Breuer gibt Antworten

Ingo Kalischek

Herr Breuer, geht es im Fußball nur noch ums große Geld? Christoph Breuer: Die Preise richten sich nach den Märkten. Aus ökonomischer Sicht scheinen diese Summen zunächst einmal gerechtfertigt zu sein. Verkauft der Fußball beim Blick auf die Summen seine Seele? Breuer: Als Konsumenten sind wir mitverantwortlich und fördern den Prozess, indem wir die Sky-Abos abschließen, die Kicker-Apps nutzen und auch den Fanschal kaufen. Die Frage ist also, wer genau seine Seele verkauft. Wie kommen die Rekordsummen für die Fußballvereine zustande? Breuer: Verschiedene Medienanbieter wie Sky und BT buhlen darum, die Begegnungen übertragen zu dürfen. Dafür sind sie bereit, immer größere Summen zu zahlen. Je härter der Wettbewerb, desto höher werden die Erlöse. Wer profitiert davon? Breuer: Das sind in erster Linie die Spieler und ihre Berater. Europaweit fließen bis zu 70 Prozent der Einnahmen direkt in die Gehälter. Ein Berater erhält bis zu 10 Prozent eines Transfererlöses. Bei einer Ablöse von 20 Millionen Euro ist das ein lukratives Geschäft. Betrifft der Geldregen in erster Linie die deutschen Spitzenvereine? Breuer: Auch der Amateurfußball profitiert davon. Die Vereine kassieren als klassische Ausbildungsstätten zum Teil hohe Ablösesummen. Außerdem werden sie vom DFB quersubventioniert, indem sie Gelder durch den Verkauf von Programmpaketen erhalten. Und auch die TV-Quoten bis zur 3. Liga sind hoch. Zum Vergleich: Die 3. Bundesliga im Fußball ist finanziell stärker als die 1. Liga im Eishockey oder Basketball. Wer sind die Verlierer dieses Systems? Breuer: Das sind zunächst einmal die anderen Sportarten. Sie werden weniger Talente ausbilden, weil jungen Leuten eine mögliche Zukunft als Fußballer attraktiver erscheint als eine Karriere im Basket- oder Volleyball. Außerdem können Sponsoren sich aus diesen Bereichen zurückziehen, weil sie im Fußball mehr Aufmerksamkeit erfahren. Der Fußball ist die einzige globale Aufmerksamkeitsplattform für Medienunternehmen und Sponsoren. Und jetzt ist die Fußball-Leidenschaft auch in Asien angekommen. Vor allem China investiert Millionen in europäische Spieler. Was bedeutet das für den deutschen Fußball? Breuer: Die Bundesliga profitiert vom Fußball-Boom in China mehr als von dem in England, da die Clubs bereit sind, große Summen für „Mittelklasse-Spieler" auszugeben. Ein Verein kann sich auf einen Schlag sanieren. Würde zum Beispiel der 1. FC Köln Anthony Modeste wirklich für 50 Millionen Euro nach Asien abgeben, könnte der Verein mit einem Schlag seine rund 30 Millionen Euro Schulden tilgen. Damit werden sich die Verantwortlichen sicherlich auseinandersetzen. Entwickelt sich Asien zu einer ernstzunehmenden Fußballmacht? Breuer: Es ist schwer, dort vernünftige Organisationsstrukturen zu schaffen. Ein Versuch in China ist vor einigen Jahren wegen massiver Korruptionsvorwürfe gescheitert. Der asiatische Markt wird für uns nicht wirklich in Erscheinung treten, weil ihre Vereine nicht an europäischen Wettbewerben wie der Champions League teilnehmen. Lukas Podolski zieht es künftig nach Japan – mit mehr als 7 Millionen Euro netto pro Jahr. Wieso zahlen asiatische Clubs so viel? Wo kommt das Geld her? Breuer: Auf dem asiatischen Markt ist die Nachfrage privater Investoren sehr groß. Die Investoren wollen sich durch ihr Engagement soziale Akzeptanz, Netzwerke und Einflussmöglichkeiten verschaffen. Das Zuschaueraufkommen ist in chinesischen Stadien trotz europäischer Stars noch sehr gering. Welche Rolle wird der einzelne Zuschauer zukünftig im deutschen Fußball spielen? Breuer: Der Fußball ist vor allem Teil von Entertainment. Einnahmen durch Ticketverkäufe spielen nicht mehr die große Rolle. Die Vermarkter sind aber so professionell und clever, dass sie genau wissen, was es für eine Fußball-Romantik an den Fernsehbildschirmen braucht. Und da werden die Zuschauer immer eine große Rolle spielen. Sind der Kommerzialisierung im Fußball Grenzen gesetzt? Breuer: In den USA scheinen bei den Einschaltquoten im Football und Eishockey erste Grenzen erreicht zu sein. Aber das ist noch nicht auf Deutschland zu übertragen. Solange sich das Modell für die Medien lohnt, wird die Kommerzialisierung weiter voranschreiten.

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