Hat schon bessere Zeiten erlebt: Wilfried Finke gibt das Ergebnis einer mehrstündigen Krisensitzung bekannt. - © Marc Köppelmann
Hat schon bessere Zeiten erlebt: Wilfried Finke gibt das Ergebnis einer mehrstündigen Krisensitzung bekannt. | © Marc Köppelmann

SC Paderborn SCP-Präsident Finke hält an Trainer Effenberg fest

Stürmer Nick Proschwitz muss seine Sachen packen

Hartmut Kleimann
Frank Beineke

Paderborn. Wilfried Finke ist ein Präsident, der auch schon aus reinen Emotionen heraus personelle Entscheidungen getroffen hat. Auch diesmal ging es um das Personal seines Fußball-Zweitligisten. Die Entscheidung, die der Clubchef dann aber verkündete, entstammte einer reiflichen Überlegung mit dem gesamten Präsidium und wurde erst nach stundenlangen Beratungen gefällt. Demnach wird Stürmer Nick Proschwitz nicht mehr das Trikot des Vereins tragen. Cheftrainer Stefan Effenberg und Sport-Geschäftsführer Michael Born aber bleiben im Amt. Zuvor hatten auch Gerüchte die Runde gemacht, dass ihre Jobs zur Diskussion stünden. Nachdem die Nachrichten aus dem Trainingslager bei ihm und auch seinem Umfeld "eingeschlagen haben wie eine Bombe" (O-Ton Finke), versuchte er noch am Sonntag und auch am Montag in einer über fünfstündigen Marathonsitzung, "Licht ins Dunkel zu bringen". Dabei hätten sich zwei unterschiedliche beklagenswerte Sachverhalte ergeben, die aber nicht in einem direkten Zusammenhang zu bringen und auch nicht darauf zurückzuführen seien, "dass Anweisungen des Trainerteams seitens der Spieler missachtet worden sind". Der am Mittwoch ausgeuferte Mannschaftsabend sei mittlerweile aufgearbeitet worden. Der Spieler, der drei Vasen demoliert habe, hat nach Aussage des Präsidenten den Schaden (103 Euro) und "eine nicht unerhebliche Strafe des Vereins" beglichen. "Das ist alles nicht schön, aber damit muss ein Verein auch mal leben können", sagte Finke. Im Fall Proschwitz gebe es nach Meinung des Präsidenten unterschiedliche Darstellungsformen der Ereignisse. Finke machte unmissverständlich deutlich, dass es für ihn aber keine Rolle mehr spiele, "wie tief die Hose gehangen" habe. Als Gast in einem muslimisch geprägten Land sei gerade in der aktuellen politischen Situation für so ein Verhalten kein Platz. "Ich verurteile dieses Verhalten und verabscheue es auch", so der Präsident. Deshalb sei die Entscheidung gefallen, dass der Spieler Nick Proschwitz ab sofort nicht mehr dem SCP-Kader angehöre. "Das ist die wesentliche Nachricht des heutigen Tages", sagte Finke und mahnte an, die Mannschaft nun nicht in Sippenhaft zu nehmen: "Denn nur einige wenige Spieler haben sich daneben benommen." Die minutiöse Aufarbeitung der Trainingslager-Tage habe aber darüber hinaus ergeben, dass Chefcoach Effenberg und Manager Born keine Versäumnisse vorzuwerfen seien. So hätten sie nicht ihre Aufsichtspflicht verletzt. Ohnehin hätten sich viele Dinge im Nachhinein relativiert. »Nick wurde aufgefordert, nichts zu sagen, da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt« "Wenn all das, was ich zunächst gehört hatte, zutreffen würde, hätte ich sicher über die Position der beiden Herren nachdenken müssen. Aber sie konnten alle offenen Fragen lückenlos und ordentlich beantworten", erklärte Finke, der gestern mit seinen Präsidiumskollegen lange mit Effenberg und Born debattierte. Und auch Effenberg-Mentor Michael Meier, ehemaliger BVB-Manager, war mit dabei. Das "Gespräch" mit Nick Proschwitz war dagegen schnell beendet. "Nick wurde von seinem Berater aufgefordert, nichts zu sagen, da es sich um ein schwebendes Verfahren handelt", sagte Finke und verriet zudem, dass sich Proschwitz möglicherweise juristische Schritte gegen die Berichterstattung vorbehalte. Die Tür beim SC Paderborn ist für den 29-jährigen Angreifer aber definitiv zu. Und so läuft die Suche nach einem Proschwitz-Ersatz auf Hochtouren. "Allerdings ist der Markt sehr schwierig, insbesondere bei Stürmern", berichtete Finke. Zudem müsse es ein Neuzugang sein, der dem Verein auch mittel- und langfristig weiterhelfe. "Wir werden sicher keinen Angreifer holen, der nur für ein halbes Jahr die Lücke schließt", sagte der SCP-Präsident, der hofft, dass Manager Michael Born möglichst noch bis Ende dieser Woche fündig wird. Zugleich nahm Finke Stefan Effenberg in die Pflicht. "Ihm ist klar, dass er jetzt liefern muss. Denn wenn er nicht liefert, steigen wir ab", erklärte Finke und fügte an, dass auch beim SCP die üblichen Gesetze der Branche gelten: "Der Monat Februar ist ganz entscheidend. Wenn der völlig in die Hose geht, muss man sich Gedanken über einen Reiterwechsel machen." Kommentar: Alternativlos Suspendierung von Nick Proschwitz Vor einem Jahr war der SC Paderborn als unbekümmerter Erstliga-Aufsteiger noch der große Imageträger der Region. Derzeit taugt er eher als Lachnummer der Nation. Die indiskutablen Vorkommnisse im Trainingslager im türkischen Belek bescheren nicht nur dem Verein einen erheblichen Imageschaden. Dass Stürmer Nick Proschwitz nun gehen muss, ist die einzig richtige Entscheidung. Präsident Wilfried Finke blieb keine andere Wahl. Trainer Stefan Effenberg und Sport-Geschäftsführer Michael Born dürfen bleiben, obwohl sie Fehler im Führen der Mannschaft gemacht haben. Da hilft auch kein Abwiegeln des Präsidiums. Vielmehr ist es höchste Zeit, die Zügel anzuziehen. Disziplinlosigkeiten sind gerade im Abstiegskampf nicht zu dulden. Der Tiger muss Krallen zeigen. Die nächsten Monate sind nämlich für den gesamten Klub von entscheidender Bedeutung. Ein Drittliga-Abstieg hätte womöglich fatale finanzielle Folgen, denn durch das Erstliga-Jahr und das neue Trainings- und Nachwuchsleistungszentrum sind auch die Ausgaben und laufenden Kosten gestiegen. Nun ist nichts dagegen zu sagen, dass Profifußballer im Trainingslager mal das ein oder andere Bierchen zischen. Auch die SCP-Aufstiegsmannschaft von 2004/2005 war beispielsweise kein Kind von Traurigkeit. Doch gerade diese Truppe zeichnete ein enormer Zusammenhalt und Teamgeist aus. Exakt diese Eigenschaften – gepaart mit einer großen Charakterstärke – trugen 2014 auch maßgeblich zum Erstliga-Aufstieg bei. Es ist höchste Zeit, sich wieder dieser Tugenden zu besinnen. Sonst steht am Saisonende der bittere Gang in Liga drei an. Kontakt zum Autor Frank Beineke

realisiert durch evolver group