SC Paderborn: Teurer Aufstieg für Fans mit Handicap

Abstieg für die Inklusion: Für SCP-Fans mit Behinderung haben sich die Ticketpreise verdreifacht

SC Paderborn: Teurer Aufstieg für Fans mit Handicap - © SC Paderborn
SC Paderborn: Teurer Aufstieg für Fans mit Handicap | © SC Paderborn

Paderborn. Vor dem Aufstieg war alles noch gut. Jetzt ist Christopher Mertens auf Eltern, Paten und Verwandte angewiesen. Denn die erste Liga für den SC Paderborn ist für den Fan mit Behinderung vor allem eines - unbezahlbar. Seit zehn Jahren hat der 30-Jährige eine Dauerkarte für Schwerstbehinderte. Doch mit dem Aufstieg ist der Preis für Mertens Platz in Block K, Reihe 7, um mehr als das Dreifache gestiegen: Von 358 Euro auf 1.152,50 Euro. Unverständnis für die SCP-Preispolitik eint Fans mit und ohne Behinderung.

"Das könnte er sich von seinem bisschen Geld nicht leisten, wenn wir nicht aushelfen würden", sagt Elisabeth Mertens. Die Mutter von Christopher Mertens erzählt, ihr Sohn habe sich deshalb zum Geburtstag Geld gewünscht von Familie, von Freunden und Paten. "Wenn das nicht gereicht hätte, hätte ich lieber Doppelschichten gearbeitet, bevor Christopher nicht mehr ins Stadion kann", sagt seine Mutter.

Denn die Begeisterung für den SCP ist ein wichtiger Lebensinhalt für Christopher Mertens. Vielleicht sogar der wichtigste. "Wenn er über Fußball spricht, sich artikuliert, merkt man ihm seine Behinderung viel weniger an", sagt Elisabeth Mertens. 100 Prozent, ein "B" für Begleitperson und ein "H" für hilflos stehen in Christopher Mertens Schwerstbehindertenausweis. Damit hat der Fan mit geistiger Behinderung Anrecht auf eine ermäßigte Platzkarte. Die ist mit 765 Euro in dieser Saison doppelt so teuer geworden - der Preis des Aufstiegs.

Begleitpersonen müssen jetzt zahlen

"Das verstehe ich", sagt Mutter Elisabeth Mertens. Was sie nicht versteht, ist, dass jetzt auch Begleitpersonen von Behinderten in der Kategorie 1 zahlen müssen. Für die war der Eintritt ins Stadion zuvor noch kostenlos. 50 Prozent des ermäßigten Eintrittspreises muss Vater Heiner jetzt zahlen, wenn er seinen Sohn begleitet. "Alleine gehen kann Christopher nicht. Er käme nicht zurecht", sagt seine Mutter. Die neue Preispolitik des SC Paderborn treffe die Schwächeren.

Für Christopher Mertens (30, rechts) ist der SC Paderborn ein wichtiger Teil seines Lebens, wenn nicht der wichtigste. Heiner Mertens ist der Vater des Fans mit Behinderung und gibt ihm im Stadion als Begleitperson Unterstützung - hier beim Spiel gegen Mainz. Dafür muss er jetzt bezahlen. - © FOTO: MARC KÖPPELMANN
Für Christopher Mertens (30, rechts) ist der SC Paderborn ein wichtiger Teil seines Lebens, wenn nicht der wichtigste. Heiner Mertens ist der Vater des Fans mit Behinderung und gibt ihm im Stadion als Begleitperson Unterstützung - hier beim Spiel gegen Mainz. Dafür muss er jetzt bezahlen. | © FOTO: MARC KÖPPELMANN

Finanziell stünden Menschen mit Handicap häufig schlechter dar, sagt auch Uschi Schräer-Drewer von der integrativen Fangemeinschaft des SCP "Hand in Hand". "Viele unserer Mitglieder sind auf Hilfestellungen im Stadion angewiesen wie beim Toilettengang. Da müssen die Begleitpersonen nicht auch noch Geld mitbringen", sagt die Koordinatorin. Sein Dauerkartenkontingent kostet den Verein statt 14.000 Euro in der Vorsaison jetzt rund 40.000 Euro. "Ob wir uns das, wenn Paderborn weiter in der ersten Liga bleibt, leisten können, ist fraglich." Die Konsequenz schon jetzt: Trotz großer Nachfrage musste die Mitgliederzahl begrenzt werden.

Nicht nur für Begleitpersonen, auch beim Grad der Behinderung gelten seit dem Aufstieg neue Regeln: In der zweiten Liga galt der ermäßigte Preis für Fans ab 10 Prozent Behinderung. Nach dem Aufstieg ist die Grenze angehoben worden auf 50 Prozent. Mit drei Preisstellschrauben hat der SCP bei seinen Fans mit Handicap damit nachgelegt. Christian Just ist sich dessen bewusst. Der Fanbeauftragte des SC Paderborn sagt, der Verein wisse um seine soziale Verantwortung. "Aber wir nehmen die wirtschaftlichen Aspekte ebenfalls sehr ernst und passen unser Denken und Handeln entsprechend an." Die nachgebesserten Preise und Regelungen für die spezielle Fangruppe, so Just, seien in der Bundesliga gängig.

15.000 Fans passen insgesamt in die Benteler-Arena. 40 Plätze sind extra ausgewiesen für Fans mit einer Behinderung, die einen besonderen Platz erfordert: Jeweils 15 Plätze auf der Westtribüne in den Blöcken X und Y für Fans mit Rollstuhl, weitere zehn Plätze für Sehbehinderte in Block A, dazu Plätze für Begleitpersonen. Vor allem die Platzzahl für Rollstuhlfahrer sei nach dem Aufstieg zu knapp, meint Willi Kröger, der mit seinem E-Mobil zu den Heimspielen fährt. "Um Atmosphäre zu schnuppern." Von außen. Einen Stadionplatz hat der Fan mit Handicap nicht.

Die Rollstuhlfahrer-Plätze, die für ihn ideal wären, seien in fester Hand per Dauerkarte, sagt Kröger. "Außerdem ist mein E-Mobil ein Sonderfall. Ich habe damit eigentlich kein Anrecht auf einen Rollstuhlplatz." Auf die Bedürfnisse von Einzelnen wie Kröger einzugehen, sei in einem vollen Stadion schwieriger geworden, sagt Fanbetreuer Just. Er ist mit Willi Kröger im Gespräch, damit der auch einmal Bundesliga live erleben könne. Inklusion in den Stadien, so Schräer-Drewer unterdessen, gehe nicht weit genug: "Das gilt für die ganze Bundesliga."

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