Die zweite Mannschaft des BV Oeynhausen (l.) und das Prominenten-Team der damaligen Discothek Big Apple stellen sich vor dem Anpfiff von Schiedsrichter Norman Soall vom TuS Lohe dem Fotografen. - © FOTO: NW
Die zweite Mannschaft des BV Oeynhausen (l.) und das Prominenten-Team der damaligen Discothek Big Apple stellen sich vor dem Anpfiff von Schiedsrichter Norman Soall vom TuS Lohe dem Fotografen. | © FOTO: NW

ZURÜCKGEBLÄTTERT Ein Kick der besonderen Art

FUSSBALL: BVO-Mannschaft und Promis spielen im Stadion an der Leiter vor 2.000 Zuschauern

Bad Oeynhausen. Stars und Sternchen gaben sich im April 1973 im Stadion an der Leiter in Bad Oeynhausen die Ehre. Manfred Dammermann, im Hauptberuf Innenarchitekt und Betreiber der ehemaligen Nobel-Disco "Big Apple" an der Eidinghausener Straße, hatte damals den Einfall, ein Fußball-Match zu Gunsten der Aktion Sorgenkind durchzuführen. Der Ursprung der "Aktion Sorgekind" geht auf das Jahr 1964 zurück, als das ZDF zur Hilfe für körperlich und geistig behinderte Kinder aufrief: Peter Frankenfeld mit dem Lotteriespiel "Vergissmeinnicht" und Initiator Hans Mohl mit einer Spendenkampagne. Inzwischen wurde aus der "Aktion Sorgenkind" die "Aktion Mensch".

"Fußball trifft auf Unterhaltung" lautete an jenem 22. April – also vor 36 Jahren – das Motto und rund 2.000 Schaulustige umsäumten am Sonntagvormittag um 11 Uhr das Spielfeld im Bad Oeynhausener Stadion, um dem damals einmaligen Erlebnis beizuwohnen. Dabei traf eine Diskotheken-Mannschaft um Inhaber Manfred Dammermann auf die zweite Mannschaft des ehemaligen BV Bad Oeynhausen, die seinerzeit in der 1. Kreisklasse um Punkte spielte. In deren Reihen spielten so Stadt bekannte Kicker wie Hans "Picco" Krüger, Wolfgang "Zieto" Ziegert, Manfred Friehe, Hermann Pabst oder Hans-Joachim Friedrich, Vater des heutigen Nationalspielers Arne Friedrich.

Gespickt mit zahlreichen Sangeskünstlern und anderen Kickern war das Prominenten-Team besetzt. So hatte das Gesangsduo Phil und John ("Traue einer Frau über 16 nicht", "Hello Marie-Lou" oder "Schlaf nicht in der U-Bahn") seine stärksten Szenen, wenn der Ball einmal nicht in der Nähe war. Aus einem ganz anderen Holz war der englische Hitparadenstürmer John Kincade gestrickt. Entdeckt wurde der Brite in Spanien, wo er für eine Hotelkette in Touristen-Orten auftrat, ehe ein Mitarbeiter des erfolgreichen Recordlabels "Penny Farthing" auf ihn aufmerksam wurde.

Kincade (sein bürgerlicher Name war John Knowles), der zu Beginn der 70er Jahre im "Big Apple" seinen ersten Auftritt hatte, wurde von Boß Dammermann gleich für den Fußball-Kick im April angeworben. Für den Liverpooler kein Problem, denn er hatte sich schon in seinem Heimatverein in Southport als Fußballer in den untersten britischen Spielklassen einen Namen als Torjäger gemacht. Kein Wunder, dass Kincade, der mit dem Hitsingle "Dreams Are Ten a Penny" Weltruhm erlangte, sein Stürmerblut in Bad Oeynhausen entdeckte und zweimal erfolgreich war.

Einmal traf seinerzeit ein anderer Schlagersänger ins Schwarze, der auch heute noch auf den europäischen Bühnen steht. Sein Name: Bernd Clüver, der in den 70er Jahren einen Hit nach dem anderen schmetterte und damit den Grundstein für eine lange musikalische Laufbahn legte. Seine Karriere als Sänger begann beim Talentschuppen bei der Funkausstellung 1971 in Berlin. Drei Monate vor seinem Gastspiel in Bad Oeynhausen stellte er in der ZDF-Hitparade den Titel "Der Junge mit der Mundharmonika" vor, der wohl der Beginn seiner Laufbahn wurde. Viele weitere Hits folgten, die unter anderem vom Kollegen Drafi Deutscher geschrieben wurden.

Bernd Clüver glänzte im Bad Oeynhausener Stadion im gelben "Big-Apple"-Trikot. Seine Angriffe auf dem rechten Flügel, seine gefährlich angeschnittenen Eckbälle und seine gefühlvollen Flanken sind auch heute noch bei Fußball-Urgestein "Picco" Krüger ein Thema im Bekanntenkreis. Damals plädierte Clüver vor dem Anpfiff des legendären Bad Oeynhausener Schiedsrichters Norman Soall vom TuS Lohe, ein Referee der alten englischen Schule, dafür, dass sein Prominenten-Team mit 15 statt mit elf Spielern auflaufen konnte, was vom Gegner nicht gerade positiv aufgenommen wurde.

Ergänzt wurde das Prominenten-Team noch von dem damaligen Bellaphon-Manager Toni Bunte, dessen läuferischer Radius auch auf einen Bierdeckel gepasst hätte und der mehr mit Ball und Wohlstandsrolle zu kämpfen hatte. Auch dabei Discjockey Charles de Graa, der noch am Tag zuvor bis morgens um vier Uhr trainiert hatte. Nur wo und was er trainiert hatte, wollte er damals nicht verraten. Gelegentlich half auch noch eine Dame im Prominenten-Team aus. Uschi Ruhm, in der Disco für die Getränkeausgabe zuständig, musste auch beim Fußballmatch das eine oder andere Bierchen reichen, was das Spiel aber insgesamt nicht flüssiger machte. Sie bekam den meisten Applaus, stand doch vorn auf ihrem Trikot "Big Apple" zu lesen.

Ja und da lief dann auch noch der Discotheken-Chef höchstpersönlich auf. Nach mehreren Luftlöchern und zahlreichen Hustenanfällen traf er in seinem Kurzeinsatz sogar ins Schwarze, worauf er sich sofort auswechseln ließ. "Es war mein bisher einziger Treffer", berichtet er auch heute noch gerne interessierten Gästen in seinem jetzigen Lokal "Landhaus im Dörgen".

Auf einen Fußball-Profi wartete man an jenem 22. April 1973 allerdings vergeblich, obwohl er zunächst seine Zusage zum Spiel gegebene hatte. Waldemar Slomiany, der durch die Beteiligung am Bundesliga-Skandal 1971 bekannt wurde, und über Gornik Hindenburg und Schalke 04 zu Arminia Bielefeld wechselte. Slomiany hatte bekanntlich den Kontakt zu Schalker Spielern hergestellt, um den Ausgang der Partie Schalke gegen Bielefeld am 17. April 1971 bereits im Vorfeld festzulegen. Der deutsche Fußballer mit polnischer Herkunft sagte noch zwei Stunden vor dem Anpfiff in Bad Oeynhausen ab.

Dafür waren aber zwei andere Kicker mit von der Partie: Werner Gräber, zu seiner Zeit einer der besten Mittelfeldspieler der gerade erst gegründeten Bundesliga, wobei er schon fast auf eine Stufe mit Günter Netzer und Wolfgang Overath gestellt wurde. Rotschopf Gräber spielte von 1963 bis 1969 für Hannover 96 und kam zuvor von Duisburg 48/99 an die Leine. Der andere kam aus einer erfolgreichen Jugend des DSC Arminia Bielefeld. Er war gerade erst 20 Jahre jung und galt als hoffnungsvolles Talent. Sein Name: Herbert Bittner, der nach Bielefeld die Stationen Arminia Hannover, SC Herford, Eintracht Braunschweig und VfL Osnabrück durchlief und auch heute noch dem jetzigen Landesligisten SC Herford nahe steht. Beide belebten das Spiel der Prominenten-Mannschaft im Bad Oeynhausener Stadion und trugen nicht ganz unwesentlich zum 6:3-Sieg des "Big-Apple-Teams" bei.

Gewonnen hatte an diesem Tag nicht nur der Fußball, sondern auch die "Aktion Sorgenkind". Stolz überwies wenige Tage danach Manfred Dammermann den Betrag von etwa 3.200 D-Mark an die Redaktion des Zweiten Deutschen Fernsehens. Hans Mohl, damaliger Redaktionsleiter des ZDF-Gesundheitsmagazins "Praxis", bedankte sich beim "Big Apple-Chef" für den Betrag, der der Behindertenhilfe zur Verfügung gestellt wurde. Drei Jahre später rollte in Bad Oeynhausen erneut der Ball zu Gunsten behinderter Menschen. Wieder mit Ex-Fußballern und Künstlern von Funk und Fernsehen. Diesmal zu Gunsten der Diakonischen Einrichtung "Wittekindshof" in Bad Oeynhausen, aber der Erfolg von 1973 konnte nicht wiederholt werden.

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