ZURÜCKGEBLÄTTERT Als ein Dorf Kopf stand

Nationalspieler Höttges spielt beim Verbandsligisten SC Oberbecksen

Torhüter Hermann Gotthelf kann in dieser Partie in der Verbandsliga-Saison 1978/79 gemeinsam mit Horst-Dieter Höttges (Nummer 6, sitzt auf dem Hosenboden) klären. Links kniet Werner Schöbel. - © FOTO: NW
Torhüter Hermann Gotthelf kann in dieser Partie in der Verbandsliga-Saison 1978/79 gemeinsam mit Horst-Dieter Höttges (Nummer 6, sitzt auf dem Hosenboden) klären. Links kniet Werner Schöbel. | © FOTO: NW

Bad Oeynhausen-Oberbecksen. Ein "Dorf" war regelrecht im Ausnahmezustand, als im Oktober 1978 ein ehemaliger deutscher Fußball-Nationalspieler nach seiner Spielberechtigung erstmals das Trikot des SC Oberbecksen überstreifte, um dem damaligen Verbandsligisten ein neues Image zu verpassen. Horst-Dieter Höttges, der "Eisenfuß" aus Rheydt.

Dessen Karriere hatte 1963 in der Regionalliga West bei den Borussen am Mönchengladbacher Bökelberg unter dem damaligen Trainer Hennes Weisweiler begonnen. Nach 14 Jahren Werder Bremen und 66 Länderspielen für Deutschland beendete er ausgerechnet im Vorort von Bad Oeynhausen seine Karriere. "Eisenfuß" Höttges in Bad Oeynhausen-Oberbecksen. Der eisenharte Abwehrspieler der deutschen Nationalmannschaft, der sein letztes Länderspiel am 22. Juni 1974 im WM-Spiel gegen die DDR in Hamburg bestritt, als der eisenharte Abwehrspieler gegen den Torschützen Jürgen Sparwasser aus Magdeburg alles andere als ein berauschendes Spiel ablieferte. Aber am 8. Oktober 1978 fragte im Bad Oeynhausener Stadion niemand der 3.000 Zuschauer danach. Für sie war es wichtig, dass der 66-malige Nationalspieler seinen ersten Einsatz im Trikot des SCO hatte.

Wechsel bereits ein Jahr zuvor eingefädelt

Eingefädelt wurde die spektakuläre Verpflichtung allerdings schon ein Jahr zuvor. Am 23. Februar 1977 weilte Karl Thies, damals Vorsitzender, Mäzen und Macher beim SCO, im Pariser Prinzenparkstadion, um sich die Begegnung der deutschen Mannschaft gegen die Franzosen anzusehen. "Wen können wir denn bei uns gebrauchen", witzelte Thies, um am Abend nach dem Bankett im deutschen Mannschaftshotel in der Nähe der Champs Elysees auf die Suche nach einem geeigneten Spieler für den SC Oberbecksen zu gehen. Im Auge hatte Thies den Kölner Torwart Harald Schumacher oder den Duisburger Bernhard Dietz, der am Abend im Länderspiel für Höttges auf dem Platz stand. Schließlich entschied sich der SCO-Präsident für den Bremer, der aber seine sensationelle Zusage erst ein Jahr später machte.

Kenner der heimischen Fußballszene sahen den Wechsel von Höttges, der seine Laufbahn zuvor bei den Bremern beendet hatte, als den "Clou des Jahres" an. Höttges befand sich aber beim SCO in bester Gesellschaft, denn Spielertrainer der Blau-Weißen war ja ein gewisser Uli Braun, der zuvor seine Karriere bei Arminia Bielefeld hatte ausklingen lassen und nun dem Lockruf von Karl Thies nach Oberbecksen folgte. Nicht nur Braun und Höttges standen im Aufgebot des Fußball-Kometen, im April 1978 wurde der SCO auch mit einem weiteren Ex-Bremer einig.

40-Stunden-Job in einer Spedition

Horst-Dieter Höttges spielte in Oberbecksen. - © FOTO: NW
Horst-Dieter Höttges spielte in Oberbecksen. | © FOTO: NW

Werner "Acker" Weist wurde von Uli Braun zu einem Wechsel überredet und ein Jahr nach seinem Ende der Karriere stand er im Aufgebot des SCO. Er sollte für die nötigen Tore sorgen, schließlich kam er mit der überragenden Empfehlung in seinen 217 Bundesligaspielen für Borussia Dortmund und Werder Bremen, insgesamt 87 Tore erzielt zu haben und einst neben Siegfried Held, Lothar Emmerich und Rudi Assauer in Dortmund und neben Herbert Laumen oder Willi Neuberger bei Werder Bremen im Aufgebot gestanden zu haben. Drei Spiele bestritt Weist, der beim SCO einen 40-Stunden-Job in der Spedition des Sponsors ausübte, in den drei A-Jugend-Länderspielen gegen England, Albanien und Polen und erzielte dabei drei Tore.

Höttges, Weist und Braun. Drei Garanten für einen Höhenflug, zumal hier schon andere gestandene Spieler mit mehr oder weniger Skepsis die "Neuen" aus der Bundesliga betrachteten. Schließlich hatten die späteren Mitspieler Hermann Gotthelf (SVA Gütersloh), Bodo Horstkotte (DJK Gütersloh) oder Günter Schiller (VfB Bielefeld) auch schon in höheren Ligen Erfahrung gesammelt. Komplettiert wurde der Kader noch mit den Spielern Uwe Völkel, Norbert und Werner Schöbel, Gerhard Oppawsky, Bernd Sülberg, Wilhelm Pausch, Wolfgang Poock, Uwe Eberhardt, Thomas Lautenschläger, Volker Steinböhmer, Uwe Drechshage, Rainer Grawenkamp, Uwe Thies und Klaus Baumannn. Wird Spielertrainer Uli Braun die neue Mannschaft zu einer Einheit schweißen können? Diese Frage wurde erst im Laufe der Saison beantwortet.

Guter Einstand beim SCO

Der Start in ein neues Fußball-Abenteuer konnte sich sehen lassen, denn die 3.000 Besucher im Stadion und ein Fernsehteam von Radio Bremen sahen einen klaren 5:0-Sieg gegen den TSV Westerkappeln (vor dem Anpfiff noch mit Rang neun einen Platz vor dem SCO). Nur mühsam vermochte sich der SCO zu steigern und zu verbessern, aber am Einsatz von "Eisenfuß" Höttges konnte man sich nicht immer erfreuen. Schnell kamen die Kritiker auf den Plan, als die Leistungen als "sehr mäßig" eingestuft wurden, zumal der Bremer später nicht mehr regelmäßig am Training teilnahm. Unrühmlicher Höhepunkt im November 1978: Im Auswärtsspiel beim TuS Horn verlor der SCO im Bad Meinberger Eggestadion mit 0:1 und Höttges schoss noch einen Elfmeter in die Wolken des lippischen Badeortes. Kaum geduscht, düste Höttges in seinem Porsche zurück nach Bremen-Achim.

Werner "Acker" Weist spielte auch beim SCO. - © FOTO: NW
Werner "Acker" Weist spielte auch beim SCO. | © FOTO: NW

Der SC Oberbecksen war jedenfalls so gut besetzt, dass man auch einen Höttges hätte ersetzen können. "Ohne ihn haben wir doch viel besser gespielt", meinen auch heute noch einige seiner damaligen Mitspieler. Höttges monatliches Salär soll 40 Mark pro Punkt betragen haben. Dazu kamen die Auslagen für den Ex-Nationalspieler bei seinen fast täglichen Dienstfahrten von Bremen-Achim nach Bad Oeynhausen und zurück. Und wie man auch heute noch glaubt, dazu sind auch noch die einen oder anderen Möbelteile vom Sponsor, dem Möbelspediteur Thies, gekommen.

Am Ende der Saison 1978/79 war die Enttäuschung doch etwas groß. Sieben Punkte rangierte SCO hinter dem Meister VfB Waltrop, der den Sprung in die Oberliga schaffte, in der sich bereits der Nachbar FC Gohfeld etabliert hatte. Eine Saison später war die Oberbecksener Fußball-Euphorie längst verschwunden und mit ihr auch Horst-Dieter Höttges, wo mit dieses Kapitel endgültig abgehakt werden konnte. Die Möbel sollen danach wieder abgeholt worden sein. So berichten jedenfalls die Zeitzeugen. Zwei Jahre danach fand auch die Zeit von Werner Weist und Uli Braun ein Ende und damit war auch der Höhenflug des SCO beendet. Am Ende stand der Zusammenschluss mit dem SC Bad Oeynhausen zum heutigen FC Bad Oeynhausen.

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