Er ist der Größte: Karim Manaa (schwarze Bekleidung) ist in seiner chinesischen Trainingsgruppe sofort zu erkennen. - © Privat
Er ist der Größte: Karim Manaa (schwarze Bekleidung) ist in seiner chinesischen Trainingsgruppe sofort zu erkennen. | © Privat

Herford In China kennen sie jetzt den SC Herford

Dirk Kröger

Herford. Karim Manaa ist noch immer dankbar. Dankbar dafür, dass er etwas Ungewöhnliches erleben durfte, denn rund neun Wochen lang lebte er in der Volksrepublik China und arbeitete in der Stadt Changzhou als Fußballtrainer. So etwas haben die meisten Menschen in seinem Alter nicht in ihrer Vita stehen. Manaas Dank gebührt der Firma Wemhöner, die ein Projekt in der Herforder Partnerstadt anstieß, dessen Nutznießer neben chinesischen Kindern eben auch Karim Manaa war, und dem SC Herford. Bei dem arbeitet der 23-Jährige als Torwart-Trainer. Und Sven Gleisner, sein Vorgänger in genau diesem Job, hatte das Wemhöner-Angebot an Manaa vermittelt. "Ich habe vier Wochen lang darüber nachgedacht", berichtet der gebürtige Tunesier mit deutschem Pass, "dann habe ich mich dafür entschieden, weil das eine einmalige Erfahrung ist und ich in einem Alter bin, in dem ich es mir erlauben kann." Ob er die Entscheidung heute noch einmal ganz genau so fällen würde? "Ich würde die Zeit in China nicht missen wollen. Ja, ich würde das sofort wieder machen", sagt Manaa. Initiiert worden war Manaas ungewöhnliche Auslandsreise von einer chinesischen Stiftung der Herforder Firma Wemhöner, die es sich zum Ziel gesetzt hat, für wenig privilegierte junge Menschen im "Reich der Mitte" etwas zu tun. Und weil das Thema Fußball in China wichtig ist, lag es nahe, über die seit zwei Jahren bestehende "Wemhöner Changzhou Foundation" dem Nachwuchs vor Ort Nachhilfe in Sachen Fußball anzubieten. Karim Manaa hat die dafür erforderliche B-Lizenz. Vor Ort arbeitete er an einer Mittelschule mit einigen der rund 2.000 Kinder. Der Herforder war begeistert von der Gastfreundschaft in China. Und die Chinesen waren offenbar begeistert von Manaa, wollten den am liebsten gleich für ein ganzes Jahr da behalten. Für Manaa war die Umstellung natürlich immens. Das begann schon bei der Größe der Schule und der einzelnen Klassen. "Das waren jeweils so 50 Schüler", hat er durchgezählt. Der Sport-Unterricht selbst wirkte auf den Herforder nahezu militärisch. "Da war nichts Verspieltes dabei. Disziplin ist enorm wichtig - und ohne Trillerpfeife geht gar nichts!", beobachtete er. Natürlich gab es auch Sprach-Barrieren, denn Englisch-Kenntnisse waren in Changzhou eher die Ausnahme. "Ich hatte stets eine Übersetzerin an meiner Seite, die mir viel geholfen hat", berichtet er. Und dann gab es auch einen Fußballcoach an der Schule, für die Manaa im Einsatz war. "Der hat anfangs kein Wort von mir verstanden und dann angefangen, Englisch zu lernen", erinnert sich der ehemalige Torwart, "am Ende konnten wir uns problemlos unterhalten - das war schon verblüffend!". Aber auch ansonsten galt, dass kaum jemand Englisch sprach. Und dann gibt es ja auch noch das Thema Essen. "Das war ganz anders als gewohnt und hatte auch nichts mit dem Essen zu tun, dass es hier in chinesischen Restaurants gibt", berichtet der Austausch-Trainer. Bei Entenköpfen und Hühnerfüßen streikte Manaa, bei Zikaden am Spieß dagegen langte er sogar ein zweites Mal zu. "Die schmeckten echt gut!", hat er eine bis dato unbekannte Spezialität für sich entdeckt. Der Sport indes braucht bekanntlich nicht immer eine Sprache. Der Fußball ohnehin nicht. Und die meisten Schüler waren ohnehin Fans der deutschen Nationalmannschaft, wobei schon das eine oder andere Schmunzeln im Gesicht des Gastes aus Europa auftauchte, wenn er hörte, wie die Namen einiger Spieler ausgesprochen wurden. Der deutsche Vereins-Fußball dagegen hat nach Meinung des 1,90-Meter-Manns in Changzhou keine große Bedeutung. "Manche mochten Bayern München", berichtet er. Andere Vereine waren eher unbekannt. "Aber jetzt kennen da alle den SC Herford!", sagt er mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Im übrigen ist es auch kein Gerücht, dass Tischtennis die Sportart Nummer eins in China ist - weit vor Fußball. "Jeder kann da Tischtennis spielen", erfuhr Manaa, "und mir wurde gesagt, ich könnte jeden Großvater auf der Straße fragen, ob er mit mir spielen würde - ich hätte keine Chance gegen ihn!". Glauben wir das einfach mal. Nach neun Wochen in China ist für Karim Manaa klar, dass er so ein Engagement durchaus wiederholen würde. Vor Ort gab es schon Gespräche mit dem Geschäftsführer der Wemhöner Changzhou Foundation darüber, was zusätzlich noch gemacht werden könnte. Das Projekt Fußball soll auf jeden Fall weitergeführt werden. "Wir wollen eine Regelmäßigkeit daraus machen", hatte schon vor einigen Wochen Heiner Wemhöner, der geschäftsführende Gesellschafter des Maschinen- und Anlagenbauers mit Spezialisierung auf die Bearbeitung von Holz-Oberflächen und Holzwerkstoffen, gesagt. Das ungewohnte Essen, die vielen Schüler, das schwül-warme Wetter - all das würde Karim Manaa wohl nicht davon abhalten, im kommenden Jahr wieder nach China zu reisen - er muss nur gefragt werden. Aber nur zwei Tage nach seiner Rückkehr aus Asien war er schon wieder beim SC Herford im Einsatz, schließlich steht für den Fußball-Westfalenligisten am Sonntag das erste Meisterschaftsspiel an. Und darauf sollen natürlich auch die Torhüter des Vereins dank Manaas Arbeit perfekt vorbereitet sein. Immerhin: Bei dieser Arbeit wurde der 23-Jährige nicht wie ein Außerirdischer angeschaut. In China allerdings fühlte er sich manchmal so, auch wenn die Gastfreundlichkeit vor Ort kaum zu überbieten war.

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