Sport mit Hosenträgern: BTW-Turner um das Jahr 1900, aufgenommen auf einer Fotoplatte. - © BTW Bünde
Sport mit Hosenträgern: BTW-Turner um das Jahr 1900, aufgenommen auf einer Fotoplatte. | © BTW Bünde

Bünde Klassisches Klubleben wird selten

Sport im Wandel: Der BTW Bünde zeigt auf, welchen Wandel der Breitensport vom 20. zum 21. Jahrhundert gemacht und welchen Stellenwert er hat

Thorsten Mailänder

Bünde. Die Fotos in der Festschrift des BTW Bünde zum 100-jährigen Bestehen des Vereins im Jahre 1962 wirken wie Bilder aus einer anderen Welt. Man kann nur erahnen, wie streng es in der ersten Hälfte des letzten Jahrhundert im Sport zuging. Egal, welche Sportart man BTW Bünde betrieb, die Personen waren fast immer gleich gekleidet. Meist ernste Gesichter bei den Sportlern lassen die Frage zu, ob die „Leibesübungen“ den Aktiven zu jener Zeit überhaupt Spaß machten. „Natürlich hatten die Sportler Spaß, aber in den Nachkriegsjahren zeigte man es noch so offen wie heute“, sagt Marie-Luise Lübkemann vom Vorstand des BTW Bünde. Die Männer in den Vorständen ließen sich nur in „Schlips und Kragen“ ablichten. „Man wollte so die Ernsthaftigkeit der Arbeit für den Sport zeigen“, sagt Marie-Luise Lübkemann. Frauen fanden meist erst viel später den Weg in die Vereinsvorstände. Im Jubiläumsjahr 1962 gab es mit Hanna Boschmann zumindest schon eine Beisitzerin im BTW-Vorstand. Die sportlichen Aktivitäten hatten im Turnen bis zu den 1960er Jahren immer noch ihren Ursprung bei Friedrich Ludwig Jahn, dem deutschen Turnvater, der auch als Erfinder des Geräteturnens gilt. Sport zur körperlichen Ertüchtigung – „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ so der Wahlspruch. Bei den Ballsportarten Fußball und dem Feld-Handball ging es etwas lockerer zu. „Der Sport hatte lange etwas militärisches“, sagt Marie-Luise Lübkemann. Es ist bekannt, dass die Nazis und später die DDR-Führung den Sport für ihre Zwecke missbrauchten. Eine deutliche Lockerung widerfuhr dem Sport in den 1970er Jahren mit der Trimm-Trapp-Bewegung. Schon vor über 45 Jahren machten Persönlichkeiten des öffentlichen Leben Werbung für eine gute Sache. „Man braucht seinen ganzen Willen. Der Körper ist Gabe und Aufgabe Gottes“, sagte laufend Bischof Helmut Claß, ehemaliger Ratsvorsitzender der evangelischen Kirche in Deutschland, in einem Videoclip des Jahres 1972. Kirchenvertreter wurden allerdings in letzten Jahren als Werbeikone kaum noch eingesetzt. Dieses Rolle liegt schon lange bei Spitzensportlern und bekannten Personen aus der Film-und Musikszene. Schrill wurde es 1982 durch die Aerobic-Welle von Jane Fonda aus den USA, die mit bunten Stulpen, farbiger Kleidung und lauter Musik den Breitensport aufmischte. „Noch heute basieren viele Trendsportarten auf dem Aerobic, wie die Kurse in Bauch-Beine-Po oder Zumba.“, sagt BTW-Geschäftsführer Maxim Wasiljew. So veränderte sich die Angebotsform in vielen Sportvereinen zu Beginn der 1980er Jahre. Es wurden die zeitlich begrenzten Kurse eingeführt, die meist unabhängig von den bestehenden Abteilungen stattfinden. „Das Vereinsleben mit der Geselligkeit und der Vertiefung von Freundschaften bleibt dabei leider oft auf der Strecke. Durch besondere Aktionen versuchen wir dieser Entwicklung entgegenzusteuern“,sagt Wasiljew, wohl wissend, dass die Kursform aus einem modernen Sportverein nicht mehr wegzudenken ist. Erst vor wenigen Wochen hat der BTW Bünde sein neues Jahresangebot an Sportkursen veröffentlicht. „Medienwirksame Erfolge, wie etwa der Sieg von Laura Ludwig und Kira Walkenhorst bei den olympischen Spielen im Beachvolleyball, können noch immer einen Boom bei vermeidlichen Randsportarten auslösen. Wir müssen als Verein mit entsprechenden Angeboten reagieren“, sagt Marie-Luise Lübkemann. Der BTW Bünde ist durch seine Weitsicht über Jahrzehnte zum größten Sportverein im Bünder Land geworden und hat die Strukturen eines Dienstleisters übernommen, aber seine Besonderheit als Verein nie verloren. „Wenn sich zu Weihnachten die älteren Mitglieder zum Kaffeetrinken treffen, haben wir ein wunderbares Bild eines intakten Vereinsleben“, sagt Marie-Luise Lübkemann und blickt ohne viel Wehmut auf die alten Zeiten zurück. Sie ist überzeugt, dass der BTW Bünde von 1862 die richtigen Weichen für die Zukunft im 21. Jahrhundert gestellt hat.

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