Erste Annäherungsversuche: Die Gehfußballer des TuS Union Bielefeld sind nach dem VfL Ummeln die zweite Gruppe in Bielefeld, die sich in der neuen Sportart versucht. - © Mathis Kleinitz
Erste Annäherungsversuche: Die Gehfußballer des TuS Union Bielefeld sind nach dem VfL Ummeln die zweite Gruppe in Bielefeld, die sich in der neuen Sportart versucht. | © Mathis Kleinitz

Bielefeld Beim TuS Union hat sich eine Gehfußball-Gruppe gegründet

Breitensport: Schonende Bewegungen und wenig Körperkontakt machen den Sport für Ältere und Sportinvalide attraktiv

Mathis Kleinitz

Bielefeld. Es ist eine Idee, die sich so verrückt anhört, dass sie eigentlich nur aus Großbritannien kommen kann: Fußball ohne Sprints, ohne Dribblings, ohne die Tiefe des Raumes und Zweikämpfe, dafür mit viel Ruhe und knochen- und gelenkschonenden Bewegungsabläufen. Gehfußball, oder "Walking Football" nennt sich die neueste Fußballvariante, die seit knapp zwei Jahren von der Insel Richtung Kontinent schwappt und seit vergangenem Jahr auch in Bielefeld erste Aktive findet. "Als ich mit der Idee zum ersten Mal ins Vereinsheim kam, haben die Leute gefragt, ob ich bescheuert bin", muss Uwe Kloß lachen, wenn er an die kuriosen Begleitumstände der jüngsten Abteilungsgründung des TuS Union Bielefeld zurückdenkt. "Die blöden Sprüche, die ich in den letzten Wochen gehört habe, kann ich nicht mehr zählen", berichtet Kloß auch über ein ordentliches Maß an Spott im Freundes- und Bekanntenkreis in Bezug auf seine Gründungsidee. Trotzdem fand Kloß nach und nach Mitstreiter, die dem neuen Sport zusammen mit dem 64-Jährigen nachgehen wollten. Seit vergangenem Donnerstag geht eine bunte Truppe von elf Spielern zwischen Anfang 50 und Mitte 70 nun jede Woche ihrer neuen Sportart nach. Es sind vor allem die Kernelemente des Regelwerks, die Gehfußball für die Generation 50+ zur attraktiven Alternative zum Altligakick auf dem Hallenfeld oder anderen Formen des Seniorenfußballs machen. Gespielt wird in geschlechtergemischten Teams über 2 x 12 Minuten, Grätschen und Tacklings sind untersagt, und der Ball darf maximal hüfthoch gespielt. Doch der vielleicht wichtigste Unterschied zu allen anderen Fußballvarianten betrifft die einzig erlaubte Fortbewegungsart: Wie beim Gehen in der Leichtathletik müssen die Spieler darauf achten, zu jedem Zeitpunkt einen Fuß auf dem Boden zu behalten. Gehen statt laufen heißt also die Devise beim Gehfußball. Das verändert das Spiel entscheidend, "man muss wirklich darauf achten, genau in den Fuß zu spielen, Pässe in den freien Raum bringen gar nichts", analysiert Kloß in der ersten Spielpause die Eigenheiten des Gehfußballs. Trotzdem legen alle an diesem Abend Wert darauf, dass die neue Fußballvariante auch körperlich fordert. "Man muss sich vor allem darauf konzentrieren, nicht loszulaufen, trotzdem ist es auch anstrengend, mir steht der Schweiß auf der Stirn", lautet das einhellige Fazit. Der Sport hat mit seinen kontrollierten Bewegungsabläufen und dem Verbot von Tacklings außerdem das Potenzial, zur Alternative für alle verletzungsgeplagten oder sportinvaliden Ex-Fußballer zu werden. »Es geht um den Spaß und darum, sich ein bisschen zu bewegen« "Einer von uns hat eigentlich ein kaputtes Knie und darf damit gar nichts mehr machen. Aber als sein Orthopäde vom Gehfußball gehört hat, hat er sofort grünes Licht gegeben", erzählt Kloß von den Vorzügen des Gehfußballs, der mittlerweile auch vom Deutschen Olympischen Sportbund für Ältere empfohlen wird. Neben den kontrollierten Bewegungsabläufen wird von Sportmedizinern vor allem die Möglichkeit, bis ins hohe Alter einem Teamsport nachzugehen, als positivster Effekt von "Walking Football" gesehen. Das kann auch Frank Niestrat vom VfL Ummeln bestätigen. Dort geht bereits seit April letzten Jahres eine Gruppe von 15 Spielerinnen und Spielern der gemächlichen Jagd nach dem Leder nach. "Auch bei uns haben die Leute gefragt, ob ich sie veräppeln will, doch mittlerweile läuft das ganz hervorragend", berichtet Niestrat über ähnliche Schwierigkeiten bei den ersten Gehfußball-Versuchen im Bielefelder Süden. Die Gruppe des VfL nahm im vergangenen Dezember sogar schon an einem ersten Turnier in Bremen teil und spielte dort gegen die Gehfußballabteilungen verschiedener Bundesligisten. "Da werden Jungenträume wahr", freut sich Niestrat über die Spiele gegen Werder Bremen und den VfL Wolfsburg. Dass die Ummelner am Ende ohne Punktgewinn die Heimreise antreten mussten, spielte keine Rolle, steht doch bei beiden Bielefelder Gehfußballteams der Spaß an der Bewegung und der Gemeinschaft im Vordergrund. "Wir möchten für jede und jeden offen sein, am Ende geht es um den Spaß und darum, sich ein bisschen zu bewegen" bekräftigt Kloß abschließend noch einmal die Grundidee des Gehfußballs. Die Anfänge sind also gemacht, bleibt nur noch die Frage, wann das erste Bielefelder Derby im Gehfußball steigen kann.

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