"Lasst mich das Hühnchen kochen!" - Bulldogs Headcoach Robinson im Interview

Football: Bulldogs-Headcoach Willie Robinson zieht nach seiner ersten Saison in Bielefeld Bilanz. Er erklärt, wie die lange Pause genutzt werden muss und warum man ihm den Spitznamen "Alchemist" verpasst hat

Hans-Joachim Kaspers

Willie, wie geht es Ihnen persönlich nach Ihrer ersten Saison in Bielefeld? Willie Robinson: Privat läuft alles bestens. Wir haben eine schöne Bleibe in Harsewinkel gefunden, meine Frau ist in ihrem Job in Steinhagen zufrieden, und meine Tochter geht seit Dienstag in den Kindergarten. Wir fühlen uns sehr wohl! Und ich genieße da draußen den kleinen Abstand, den mein Privatleben von meinem Job in Bielefeld hat. Und welches Fazit ziehen Sie nach neun Monaten als Headcoach bei den Bulldogs? Robinson: Ich hatte mir geschworen, mein Bestes zu geben - und mich gleichzeitig auf das Schlimmste vorbereitet. Schließlich hatten die Bulldogs seit 2013 keine Winning Season mehr gespielt und in vier Jahren vier Coaches verschlissen. Ich war mir also bewusst, dass das hätte schief gehen können. Ist es aber nicht. Ich habe 40 junge Leute ausgebildet, die den Grundstock für die nächsten Jahre bilden werden, und wir konnten ein Publikum, das nicht leicht zufrieden zu stellen ist, mitnehmen. Außerdem (lacht) habe ich meinem Spitznamen "der Alchemist" mal wieder Ehre gemacht! Wieso Alchemist? Robinson: Weil manche Leute mir unterstellen, dass ich aus Nichts Gold machen kann. Okay, in dieser Saison war?s nur Silber, weil wir Zweiter hinter Solingen geworden sind, aber die hat keiner geschlagen und die sind schon ein GFL-2-Team - und wir nicht. Man muss aber mal überlegen, wo wir vor der Serie standen: Von der Besetzung der glorreichen Jahre waren gerade mal ein, zwei Spieler übrig geblieben, die anderen waren Neulinge, denen es an elementaren Fertigkeiten für die Regionalliga mangelte. Wenn man dann Zweiter wird, ist das schon eine Super-Sache. Sie sind also mit dem zweiten Platz zufrieden? Robinson: Wenn Du nicht Erster wirst, kannst du nie zufrieden sein. Aber Platz zwei mit diesem jungen Team war das Beste, was die Bulldogs in dieser Saison erreichen konnten. Solingen lag - wie gesagt - außer Reichweite. Nach dem 0:27 eben gegen Solingen, damals die dritte Niederlage in Folge, sind Sie - wohl ganz bewusst - mit provozierenden Äußerungen an die Öffentlichkeit gegangen... Robinson: Das war eine kritische Situation, mit der ich, mit der der Verein brutal ehrlich umgehen musste. Jeder wusste, dass viele Dinge im Argen lagen. Da war es an mir, die Spieler dazu zu bringen, über sich selbst nachzudenken und sich zu fragen, wo sie eigentlich hinwollen. Erfreulicherweise hat das Team mir die richtige Antwort gegeben: Anschließend wurden unsere Leistungen Schritt für Schritt besser, und wir haben fünfmal in Folge gewonnen. Ihr vordringlichster Auftrag war, aus jungen deutschen Spielern ein Team zu formen. Ist der erste Schritt in diese Richtung gelungen? Robinson: Meine Mission war es, einer Bande von jungen Dachsen, die allesamt kein Regionalliga-Niveau hatten, so schnell, wie es nur eben ging, die bestmögliche Football-Ausbildung zuteil werden zu lassen. Trotz des enormen Drucks, ganz nebenbei auch noch Spiele gewinnen zu müssen, haben wir das geschafft, aber natürlich ist unter diesen Bedingungen das erste Jahr immer das härteste. Nächstes Jahr dürfte vieles leichter werden, einfach weil alle einige Zeit miteinander verbracht haben und sich weit besser verstehen als am Anfang. Jetzt ist Pause... Robinson: Entschuldigung, aber wir haben keine Pause, denn wir dürfen die Off-Season auf gar keinen Fall tatenlos verstreichen lassen. Die Flitterwochen mit den wunderbaren Spielen auf der Rußheide sind vorbei, jetzt gilt es viele Dinge im grauen Alltag einzustielen. Wir Coaches sind in Hinsicht einer Evaluation und einer Technikverbesserung der Spieler gefragt. Und die Vereinsführung muss ihre Kräfte bündeln und uns die denkbar größten Ressourcen erschließen. Wenn die Saison 2018 kommt, darf sich niemand verstecken. Denn die nächste Regionalliga hat nichts mehr mit der 3. Liga, wie sie vielleicht unsere Großväter kannten, zu tun: Mit Essen und Bonn kommen zwei richtig starke Klubs runter, und wenn es dann auch noch Solingen nicht in die 2. Liga schafft, wird das eine harte Nummer. Apropos Ressourcen: Was geht in Sachen neue Importspieler? Robinson: Ach wissen Sie: In 2017 haben wir mit Ray Wiggins und Keshawn Hill die für diese Saison bestmöglichen Importspieler bekommen. Im Moment ist noch nicht klar, ob wir in 2018 nicht andere Typen brauchen - das hängt davon ab, wie sich die deutschen Spieler über den Herbst und Winter entwickeln. Außerdem weiß man ja nicht, ob Keshawn und Ray nach ihren starken Leistungen bei uns nicht interessantere Angebote bekommen werden. Aber vertrauen Sie mir: Wenn es so weit ist, werde ich schon die dann am besten passenden Leute holen - vorausgesetzt, das Geld für solche Verstärkungen ist vorhanden. Auf Platz zwei folgt also nicht automatisch Platz eins? Robinson: Wenn das so einfach wäre! Aber lasst mich mal das Hühnchen ruhig weiter kochen! Mit der ersten Winning Season seit vier Jahren haben wir schon eine kleine Wende geschafft und mit der Rekrutierung und Ausbildung so vieler junger deutscher Spieler vielleicht sogar eine neue Ära eingeleitet. Ich kann zwar nicht versprechen, dass das so weiter geht. Aber ich kann versprechen, dass das Team unter meiner Leitung immer alles geben und sich weiter verbessern wird. Es wird reifer, schlauer und disziplinierter werden - wozu es dann reicht, wird man sehen.

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