Das erste Formular: Brigitte Jungemeyer hat das Begrüßungsschreiben, das sie nach ihrem Vereinsbeitritt vor über 40 Jahren erhielt, besten aufbewahrt. Die Frau ist gut organisiert. - © Gregor Winkler
Das erste Formular: Brigitte Jungemeyer hat das Begrüßungsschreiben, das sie nach ihrem Vereinsbeitritt vor über 40 Jahren erhielt, besten aufbewahrt. Die Frau ist gut organisiert. | © Gregor Winkler

Bielefeld Brigitte Jungemeyer ist immer erreichbar

Selbst wenn sie ihren Garten pflegt, ist der Fernsprecher in greifbarer Nähe

Gregor Winkler

Bielefeld. Es ist ruhig in dem Haus mit idyllischem Garten in Altenhagen – eigentlich zu ruhig. „Es sind Schulferien", sagt Brigitte Jungemeyer lachend und liefert so gleich eine Erklärung dafür, dass das Telefon schon den ganzen Tag still stand. Die Abteilungsleiterin und ihr Mann Walter genießen die Ruhe. „In ein paar Wochen, wenn die Schule wieder los geht, wird sich das gründlich ändern", sagt die 73-Jährige und bleibt dabei erstaunlich gelassen. Schnell wird klar: Diese Frau hat richtig Spaß an der Vereinsarbeit – trotz aller Risiken und Nebenwirkungen. Eine davon: Ein Fernsprechapparat mit Dauerklingeln. Brigitte Jungemeyer leitet die Turnabteilung des TSVE Bielefeld. Obwohl der Klub Sparten wie Rhönrad oder das Kunstturnen eigenständig gemacht hat, ist die Abteilungschefin immer noch für mehr als 1.000 Mitglieder zuständig. Und wie im richtigen Leben halten die Jüngsten sie am Meisten auf Trab. „Wenn die Ferien zu Ende gehen, dann kommen wieder die Anfragen nach den Trainingszeiten für die Nachwuchsgruppen", erklärt Jungemeyer, warum ihr täglicher Begleiter dann das Mobilteil des Telefons ist. Alle Anrufe werden angenommen. „Natürlich, wir müssen doch Auskunft geben", sagt die Altenhagenerin, ohne dass auch nur ein Anflug von Stress erkennbar wäre. Jungemeyer ist eben gut organisiert. Wenn sie in ihrem idyllischen Garten werkelt – und da gibt es im Sommer viel zu tun – hat sie den Block mit den Informationen und das Telefon in der Schubkarre dabei. „Die meisten Fragen kenne ich ja auswendig", meint sie. Seit sie im Jahr 1988 das erste Ehrenamt übernahm, hat sich eine gewisse Routine eingestellt. Die umfasst gleich das komplette Familienleben, denn Ehemann Walter ist als stellvertretender Vereinsvorsitzender ebenfalls schwer in die Arbeit des Klubs (und des heimischen Gartens) eingebunden. Im Jahr 1976 begann das geballte Vereinsleben der Jungemeyers. Brigitte besuchte eine Gymnastikgruppe des Turn- und Sportvereins Einigkeit 1890 in der Diesterwegschule und schickte ihren Sohn zum Spielturnen in die Wellbachschule. Der Filius wurde später Leistungsturner und als die damalige Leiterin der Frauenabteilung, Gerda Lindler, eine Nachfolgerin suchte, war Brigitte Jungemeyer erste Ansprechpartnerin. Nur ein Jahr nachdem sie das Ehrenamt übernommen hatte, wurde die Funktionärin auch Übungsleiterin. „Das hat mir alles sehr viel Spaß gemacht", sagt sie rückblickend auf viele Stunden mit dem Turnnachwuchs, sowie zahlreichen Weihnachtsfeiern und Ausflügen, die sie in ihrer Amtszeit organisiert hat. Für Brigitte Jungemeyer ist es der Kontakt zu den vielen Menschen im Verein, der sie in ihren Aufgaben aufblühen lässt. So übernahm sie 2003 auch gerne das Amt der Oberturnwartin, das sie bis heute bekleidet. Ehrenamtler beim TSVE, das bringt auch immer den Blick über den Tellerrand mit sich. Wenn der Klub seine großen, prestigeträchtigen Veranstaltungen wie Hermannslauf und Run and Roll Day ausrichtet, sind alle Mitglieder als Helfer gefordert. Beim Hermannslauf ist das kein Problem. Jungemeyer managed den Verpflegungsstand am Ziel, während ihr Mann am Start tätig ist. Wenn im Herbst auf dem Ostwestfalendamm gelaufen wird, gestaltet sich die Planung schon schwieriger: „Unser Sohn hat immer um dieses Wochenende rum Geburtstag", beschreibt sie das Dilemma. Dann kommen schon mal so Konstellationen zustande, wie im vergangenen Jahr, als die Jungemeyers um Mitternacht von der Feier aus Hamburg zurück kamen und um 8 Uhr schon wieder für den Verein zur Stelle waren. „Nur in diesem Jahr klappt es nicht. Da geht der Sohn mal vor", sagt die Funktionärin, deren „Nachwuchs" heuer seinen 40sten feiert. Bei soviel Ehrenamt könnte man meinen, Familie Jungemeyer sei vereinsverrückt. Da überrascht es schon, wenn Ehemann Walter einbringt: „Man muss auch mal andere Bekannte treffen, sonst redet man nur noch über den Verein." Ganz bewusst haben die Jungemeyers sich einen Freundeskreis zugelegt, mit dem sie ihre Leidenschaft fürs Reisen teilen. Australien, China oder Thailand waren schon Ziele des Paares. Als nächstes steht eine Kreuzfahrt durchs Mittelmeer an. Jungemeyer bringt es alles unter einen Hut und wirkt dabei bestens organisiert. „Wir sind das Gegenteil der Menschen von der Sorte ’kommst du heute nicht, kommst du morgen’. So muss ich heute noch Übungsleiterabrechnungen fertig machen", sagt sie und deutet auf den Schreibtisch. Demnächst werden die Wartelisten für die Kindergruppen durchgegangen. Alles will vorbereitet sein, denn das Ferienende kommt schneller als gedacht – und dann klingelt sicher auch das Telefon wieder.

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