Profinähe: Constanze Schmidt posiert auf Wunsch des Fotografen wie einst der Berufsfahrer Jörg Ludewig. - © Andreas Zobe
Profinähe: Constanze Schmidt posiert auf Wunsch des Fotografen wie einst der Berufsfahrer Jörg Ludewig. | © Andreas Zobe

Bielefeld Radsportlerin Constanze Schmidt vor großer Herausforderung

Granfondo-Team Alpecin: Die Bielefelderin wechselt mit der Berufung ins Jedermann-Team aus der Rennrad-Steinzeit ins Hightech-Zeitalter

Torsten Ziegler

Bielefeld. Rennräder wie ihres hängen Liebhaber des Radsports zumeist an die Wand. Als Kult-Objekt. Jedenfalls benutzen es diese Enthusiasten nicht beinahe jeden Tag. Anders Constanze Schmidt. Die 25 Jahre alte Studentin parkt ihr fast 30 Jahre altes Hercules Ravenna auch an der Uni und erledigt fast alles damit in Bielefeld. Diesen Oldtimer zum Mittelpunkt ihres Bewerbungsvideos an das Granfondo-Team Alpecin zu machen, war offensichtlich eine gute Idee, weil unter 1.500 Bewerbern Alleinstellungsmerkmale punkten. So schaffte es die in Rinteln geborene Bielefelderin ins Team der zehn Glücklichen, das vom Journalisten Daniel Beck und Ex-Profi Jörg Ludewig geleitetet wird. Und das Hightech-Rad, das ihr für die Dauer der Teamzugehörigkeit zur Verfügung gestellt wird, wird sie künftig sicher nicht in der Öffentlichkeit unbeobachtet abstellen. Denn das knallrote Sportgerät übertrifft den Wert mancher Kleinwagen. Inklusive des Leistungsmesssystems kostet es deutlich mehr als 9.000 Euro. "Die Materialausgabe hat mich echt vom Hocker gehauen", sagt Constanze Schmidt am Samstag, dem ersten Tag der Teampräsentation in Bielefeld. Qualität und Quantität der Ausrüstung sind für die Auserwählten Jahr für Jahr (in dieser Saison feiert das Team sein Zehnjähriges) überwältigend. Den Fahrerinnen und Fahrern mangelt es definitiv an nichts, was ihre Fähigkeiten auf dem Rad verbessern könnte, professionellen Bedingungen kommen sie mit diesem Rundum-Sorglos-Paket schon recht nahe. "Bis auf die Laufräder sind das genau die Räder, die unser Profiteam fährt", schwärmt Ludewig, im Hauptberuf Sportmarketing-Manager bei Dr. Kurt Wolff in Bielefeld. Auch das Design der Kleidung ist stark an den Auftritt von Tony Martin, Alexander Kristoff und Co. von Katjuscha-Alpecin angelehnt. Die bewusst erzeugte Nähe zu den Weltstars des Radsports verstärkt zwangsläufig auch das Interesse an den Jedermännern und -frauen. Für das bald bevorstehende Trainingslager in Kaltern (Südtirol) hat sich beispielsweise der TV-Sender Sky Sport News HD angesagt. Constanze Schmidt, so scheint es, geht schon sehr souverän mit dem Eintritt ins Rampenlicht um. Auch in Bielefeld, beim ersten Teamtreffen, erfüllt sie alle Medienwünsche mit bester Laune. Oft gebraucht sie dabei das Wort "entspannt", wenn sie über ihr Wesen erzählt. Was sie als Persönlichkeit auszeichnet, resultiert sicher auch aus ihrem studentischen und "nebenberuflichen" Werdegang. Sie studiert Philosophie und Wirtschaftswissenschaften, leitet eine von ihr gegründete, auf Nachhaltigkeit orientierte Unternehmensberatung mit einem Team von deutschlandweit 24 Studenten. Schnell wird deutlich: Constanze Schmidt weiß genau, was sie will und hat bereits eine Menge davon umgesetzt. Das stärkt das Selbstvertrauen und fördert die Gelassenheit. Später dann wird sie Unternehmen hinsichtlich ihrer sozialen und ökologischen Verantwortung beraten wollen. Aber seit dem zurückliegenden Wochenende steht zunächst der Radsport stärker als zuvor in ihrem Blickfeld. Hier wird sie vermutlich mehr als fast alle anderen Teammitglieder lernen, denn mit der gleichaltrigen Schwäbin Sabrina Paulus bringt sie die geringste Erfahrung auf dem Rennrad mit. Das alte Hercules hat sie "vor sechs, sieben Jahren" von ihrem Vater bekommen und ist damit als längste Strecke bislang 100 Kilometer gefahren. Das Hermannsdenkmal hat sie dem brettharten und schweren Rad gezeigt, was mit einer wenig bergtauglichen Übersetzung, bedient vom Unterrohr aus, aller Ehren wert ist. Das wird nun komplett anders. Mit lediglich etwa 7 Kilogramm unter dem Po lassen sich die Steigungen leichter bewältigen, geschaltet wird dabei per Bluetooth-Signal, und der Carbonrahmen schluckt vieles von den Stößen weg, die das Aluminium-Bike ungebremst an die Fahrerin weitergibt. Dafür wird Constanze Schmidt allerdings bei den Entfernungen in andere Dimensionen vorstoßen müssen. Als einer der Saisonhöhepunkte gilt der Ötztaler Radmarathon Ende August. Der philosophische Gedanke, den sie mit dem Radfahren verbindet, kann sie dort antreiben, die legendären 238 Kilometer zu bewältigen. Es gefalle ihr, "aus eigener Kraft ein Ziel zu erreichen", sagt sie. Und dass sich "auf dem Rennrad Freude und Ehrgeiz paaren", schätzt Constanze Schmidt sehr. Diese Werte sind ihr wichtiger als das Streben nach einer bestimmten Zeit. "Bisher hat Jörg Ludewig noch jeden ins Ziel gebracht", sagt sie. Echt entspannt.

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