Mahnt zur Geduld: Stefan Pfaff von der Universität Bielefeld ist der Ansicht, dass es Jahre brauchen wird, um in Bielefeld ein hochleistungssportliches Projekt anzuschieben. Wenn es denn überhaupt gelingt . . . Foto: Andreas Frücht - © Andreas Fruecht
Mahnt zur Geduld: Stefan Pfaff von der Universität Bielefeld ist der Ansicht, dass es Jahre brauchen wird, um in Bielefeld ein hochleistungssportliches Projekt anzuschieben. Wenn es denn überhaupt gelingt . . . Foto: Andreas Frücht | © Andreas Fruecht

Bielefeld „Bielefeld braucht mehr Verrücktheit“

Spitzensport in Bielefeld – Versäumnisse und Chancen (2): Der Sportwissenschaftler Stefan Pfaff über „Bier- und Bratwurstveranstaltungen“ und die Probleme von Sportvereinen in einem stark fragmentierten Stadtgebiet

Herr Pfaff, was fällt Ihnen beim Blick auf die Bielefelder Sportlandschaft als Erstes auf? STEFAN PFAFF: Dass in dieser Stadt ein großartiges breitensportliches Angebot besteht, von dem sich viele andere Kommunen eine Scheibe abschneiden können. Beim Spitzensport sehe ich dagegen außer Arminia und einigen positive Ausreißern in weniger vom Zuschauer nachgefragten Sportarten wie Tennis, Tischtennis oder Motorsport nicht besonders viel. Haben Sie eine Erklärung, warum sich die Stadt so schwer tut, in den großen Publikumssportarten Basketball, Volleyball oder letztlich auch Handball über ein mittleres Leistungsniveau hinauszukommen? PFAFF: Als Zugereister, der vorher lange in Göttingen gelebt hat, vermisse ich in Bielefeld die unbedingte Identifikation der sportinteressierten Öffentlichkeit mit einem Verein – das hat hier nur Arminia geschafft. Vielleicht liegt es daran, dass Bielefeld in seiner heutigen Form erst 1973 bei der Gebietsreform als Zusammenschluss vieler Orte entstanden ist. Das Stadtgebiet wirkt immer noch sehr fragmentiert: Der Brackweder bleibt am liebsten in Brackwede und ein Heeper in Heepen. Und im Sport sieht sich dann ein Jöllenbecker Handballfan halt in erster Linie als Jöllenbecker – und ist mit dem begrenzten sportlichen Angebot, das die dörfliche Struktur ermöglicht, auch zufrieden. Tradition scheint demnach eine große Rolle bei der Etablierung einer Sportart auf höherem Niveau zu spielen . . . PFAFF: Auf jeden Fall. Da muss man sich nur die bekannten „Handballdörfer“ anschauen. Allerdings fallen auch immer wieder mal traditionelle Standorte weg, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse in einer Stadt oder in einer Region nicht mehr passen, siehe etwa den einst so ruhmreichen Eishockeyverein EV Landshut. Wirtschaftlich kann Bielefeld ja eigentlich nicht klagen, schließlich gibt es mehrere große und auch florierende Unternehmen in der Stadt . . . PFAFF: Das ist sicher richtig, aber offenbar passt eine langfristige Investition in einen Bielefelder Sportverein nicht zu den Marketingstrategien der jeweiligen Firmen.»Ein Engagement im Sport muss in die Werbestrategie des Sponsors passen« Dabei könnte man in der Basketball- oder Volleyball-Bundesliga als namentlich genannter Sponsor auftreten, wie etwa „ratiopharm Ulm“. Warum besteht seitens der heimischen Wirtschaft kein Interesse an einem Verein wie etwa „Alpecin Bielefeld“? PFAFF: Wie gesagt, ein Engagement im Sport muss erst einmal in die Werbestrategie des Sponsors passen. Und dann braucht es eigentlich auch immer einen im positiven Sinn verrückten Entscheider in so einem Unternehmen, der aus einer ganz persönlichen Affinität heraus in eine bestimmte Sportart investiert. Übrigens darf man auch nicht unterschätzen, dass Firmen auch auf ein finanzielles Engagement in anderen Bereichen angesprochen werden. Manche Unternehmen, in Bielefeld gilt das wohl vor allem für Dr. Oetker, liegt die heimische Kulturszene mehr am Herzen – die Konkurrenz für den Sport ist da sehr groß. Wären denn ansonsten die Strukturen da, um in Bielefeld einen Bundesligisten in einer der großen Ballsportarten auf die Beine zu stellen? PFAFF: Auf den ersten Blick ja. Schließlich haben wir hier eine große Universität – da müsste es, gerade was Volleyball oder Basketball angeht, Mitnahmeeffekte geben, sollten also immer wieder mal gute Spieler oder Spielerinnen zum Studium nach Bielefeld kommen. Und dann gibt es mit der Seidensticker Halle ja eigentlich auch eine bundesligataugliche Sportstätte. Das hört sich an, als würde jetzt das große Aber kommen . . . PFAFF: Richtig. Denn leider handelt es sich bei der Universität Bielefeld um eine Fahr-Uni. Das heißt, dass viele Sportler zwar zu ihren Seminaren nach Bielefeld kommen, ihren Sport aber weiter zu Hause bei ihrem Stammverein treiben. Die Uni ist also nicht richtig mit der heimischen Sportszene vernetzt. Und die Seidensticker Halle ist zwar ganz cool, aber auch ein bisschen veraltet. Ein paar Jahre nach ihrem Bau ist man zu den modernen Multifunktionsarenen übergegangen, in denen sich Sport viel besser als Event vermarkten lässt. Da zieht allein das attraktive Drumherum schon so manchen Besucher an – wie man etwa beim Gerry-Weber-Stadion in Halle oder der Lanxess-Arena in Köln sehen kann. Die Seidensticker Halle ist da noch zu dicht dran an der klassischen Sporthalle, gleichwohl dort immer wieder tolle Sport-Events gelingen. Aber für die großen Würfe ist sie auch baulich nicht gemacht.»Die Strukturen waren überall zu klein, um langfristig am Ball bleiben zu können« Wir haben noch gar nicht darüber gesprochen, ob es denn in Bielefeld überhaupt Vereine gibt, die ein „Projekt Bundesliga“ stemmen könnten . . . PFAFF: Das dürfte schwer werden. Die Historie der bisherigen Versuche liest sich schließlich wie eine Geschichte des Scheiterns, denn irgendwann waren die Strukturen überall zu klein, um langfristig am Ball bleiben zu können. Da müsste sich in den Vereinen noch eine ganze Menge tun, vor allem im Hinblick auf nachhaltig installierte Strukturen und hauptamtlich beschäftigte Mitarbeiter. Für den Breitensport funktioniert das prima, wie viele Beispiele in Bielefeld zeigen, aber nicht für den Spitzensport. Andere Baustelle: Haben Sie eigentlich den Eindruck, dass sich das Bielefelder Sportpublikum zum Beispiel für einen Volleyball-Bundesligisten begeistern ließe? PFAFF: Das ist natürlich ganz schwer vorherzusagen. Wenn ich mir anschaue, wo die Bielefelder Sportgemeinde im allgemeinen hingeht, so sind das von Arminias Zweitligaspielen bis zum Grasbahnrennen Ereignisse, die ich – ohne das abwertend zu meinen – gerne als „Bier- und Bratwurstveranstaltungen“ bezeichne, also „cleane“ Sportveranstaltungen mit begrenztem Entertainmentfaktor. Ob man Ostwestfalen auch für Sportevents begeistern kann, ob der Bielefelder Sportinteressent sich also auch „entertainen“ lassen will, käme halt auf den Versuch an. Wir sehen aber zum Beispiel im Football, dass solche Ansätze teilweise ganz gut aufgenommen werden. Zum Schluss: Müssen wir im Hinblick auf die Entwicklung eines hochleistungssportlichen Projekts in Bielefeld dauerhaft schwarz sehen? PFAFF: Einfach wird es bestimmt nicht, da halt viele Faktoren zusammenkommen müssen. Zuerst müsste bei einem Unternehmen die Idee entstehen, mit Sponsoring eine lokale Identität zu schaffen und die Marke so überregional bekannt machen zu wollen. So eine Firma müsste anschließend eine glaub- und dauerhafte Verbindung mit einem Verein eingehen, der mittelfristig leistungssporttaugliche Strukturen schaffen kann, und die passende Sportstätte finden. Das alles ist keine Sache von zwei oder drei Jahren – Bielefeld muss sich also vor allem auch in Geduld üben. Und braucht in Sachen Sport einfach einen Schuss mehr Verrücktheit auf allen Ebenen. Das Gespräch führte Hans-Joachim Kaspers

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