Eine Kufenlänge voraus: Lea Petry (l.) vom TSVE Bielefeld setzt sich hier gegen die 18-jährige französische Nationalspielerin Eleonore Huguet durch, die mit dem belgischen Klub Grizzlys Lüttich ebenfalls in der NRW-Landesliga spielt.  - © Christian Weische
Eine Kufenlänge voraus: Lea Petry (l.) vom TSVE Bielefeld setzt sich hier gegen die 18-jährige französische Nationalspielerin Eleonore Huguet durch, die mit dem belgischen Klub Grizzlys Lüttich ebenfalls in der NRW-Landesliga spielt.  | © Christian Weische

Bielefeld Eishockey: Spielerinnen des TSVE verlieren erstes Saisonspiel

Wenn andere am Sonntagabend den Krimi schauen, müssen die Spielerinnen des TSVE in der NRW-Landesliga auf die Kufen.

Johnny Dähne

Bielefeld. Abendessen, Tagesschau, Tatort. Diese Deklination eines typischen Sonntagabends gilt für die Eishockey-Damen des TSVE Bielefeld in diesen Tagen nicht: Die Aufsteigerinnen in die NRW-Landesliga, der dritthöchsten Spielklasse in Deutschland, beginnen ihre Heimpartien sonntags jeweils um 20 Uhr auf der der Oetker-Eisbahn in Brackwede – so auch beim ersten Saisonspiel gegen die Grizzlys Lüttich, das 4:6 (0:2/2:3/2:1) verloren ging. „Schön, dass ihr gekommen seid", sagt eine Spielerin beim Gang in Richtung Kabine zu zwei Bekannten, Zeit für eine kurze Umarmung ist auch. Man kennt sich halt im kleinen Bielefelder Eishockey-Kosmos. Außer Freunden und Verwandten verlieren sich wenige Beobachter an der Bande. Dort, wo Stunden zuvor noch der kommerzielle Betrieb hunderten Hobby-Eisläufern vergnügliche Stunden bescherte, sind die vom Vollmond erhellten Kassen nun geschlossen. Eintritt wird nicht verlangt für die wohl späteste Auseinandersetzung im Bielefelder Vereinssport an diesem Wochenende, die einen Hauch von Länderspiel versprüht: Da es in Belgien kaum weibliche Eishockey-Teams gibt, darf Lüttlich in der aus fünf Mannschaften bestehenden NRW-Landesliga mitspielen. „Ich bin gespannt, wie sich unsere Mannschaft nach nur einer Woche Eistraining schlägt", sagt Dirk Werner. Der Vater von Spielerin Jasmin ist gleichzeitig Betreuer der „Crocodiles", die sich nach dem Auftaktbully zunächst äußerst zahnlos zeigen. Bereits nach vier Minuten gehen die Gäste in Führung, die vor der ersten Drittelpause noch das 0:2 (15.) nachlegen. Trotz der Überlegenheit der belgischen Grizzlys bereut Gerd Borgmann seine Sonntagabend-Entscheidung pro Eishockey nicht. „Den Tatort kann ich auch in der Wiederholung schauen", sagt der 75-Jährige mit dem australischen Cowboyhut schmunzelnd. Er selbst gehört zu den Eishockey-Pionieren in Bielefeld, die ab Mitte der 1970er Jahren zunächst auf der Delius- und später auf der Oetker-Eisbahn ihrem Sport frönten. Nun ruhen seine sportlichen Ambitionen auf Tochter Nicole. Lüttich erhöht nach der Pause auf 3:0 (36.). Selbst der erste Crocodiles-Treffer nach exakt 37:43 Minuten durch Janina Brandes nährt die Hoffnungen nur kurz, denn die Gäste treffen im zweiten Drittel innerhalb kürzester Zeit zwei Mal (38:15/38:45), enteilen auf 5:1. Nicole Borgmanns Tor zum 2:5 (39:16) ist der Schlusspunkt von verrückten 93 Sekunden mit vier Treffern. „Die Mädels können das noch drehen, das haben sie schon öfters bewiesen", sagt Dirk Werner. Was sich zunächst wie das berühmte Pfeifen im Wald anhört, unterstreichen die Crocodiles im letzten Drittel eindrucksvoll: Erneut Nicole Borgmann (45.) sowie Janina Brandes (49.) sorgen für den 4:5-Anschluss und eine prompte Auszeit der Gäste. Es kommt sogar noch besser für die Mannschaft von Bielefelds Trainer Andrej Ptasinski, denn in der 54. Spielminute taucht erneut Nicole Borgmann frei vor dem Grizzly-Tor auf: Nachdem sie zwei Gegenspielerinnen elegant umkurvt hat, scheitert sie knapp an der Lütticher Torfrau. „Das war natürlich ärgerlich, aber insgesamt freue ich mich über den guten Auftritt der Mannschaft. Wir haben toll gekämpft", erklärt Borgmann nach dem Spiel, das Éléonore Huguet mit ihrem vierten Tor 47 Sekunden vor Schluss entscheidet. „Wir beide waren ja teilweise fünf Minuten auf dem Eis und haben uns gegenseitig gedeckt. Da ging es dann darum, ob das junge Mädel oder ich besser bin", sagt die 44-jährige und 1,85 Meter große Nicole Borgmann lachend. Das Duell der ehemaligen Zweitligaspielerin des SV Brackwede mit dem 18-jährigen Eisfloh Huguet – die französische Nationalspielerin misst bei 42 Kilogramm 1,57 Meter – war ohne Zweifel der Hingucker in der Partie, an deren Ende Coach Ptsasinski viel Lob parat hatte. „Ich muss meinem Team ein Kompliment aussprechen, es hat es nach dem ängstlichen Anfang toll gemacht", erklärt der gebürtige Russe, der am Saisonende gerne unter den ersten Drei und damit in den Playoffs landen würde. Und was macht man an einem späten Sonntagabend nach dem Eishockey? „Unser Trainer hatte Geburtstag und hat uns ein paar Getränke mitgebracht. Gut, dass ich Ferien habe", sagt Lehrerin Nicole Borgmann um 22.12 Uhr augenzwinkernd. Während für den regelmäßigen Tatortgucker der Abend vorbei ist, scheint er an der Duisburger Straße dann erst richtig loszugehen.

realisiert durch evolver group