Ein Küsschen für den Cup: Angelique Kerber hat bei den Australien Open für den ersten deutschen Grand-Slam-Erfolg seit 1999 gesorgt. Das hat auch an der Basis für Begeisterung gesorgt. - © Imago
Ein Küsschen für den Cup: Angelique Kerber hat bei den Australien Open für den ersten deutschen Grand-Slam-Erfolg seit 1999 gesorgt. Das hat auch an der Basis für Begeisterung gesorgt. | © Imago

Lübbecke Grand-Slam-Erfolg lässt Vereine auf den "Kerber-Kick" hoffen

Christina Henke und Markus Buchta glauben nicht an einen Hype, Bojan Molicnik möchte das Sprungbrett nutzen

Andreas Gerth

Lübbecke. Der Becker-Boom war gestern, die Generation-Graf ist ebenfalls in die Jahre gekommen, jetzt hofft Tennis-Deutschland auf den Kerber-Kick. Der Triumph der Kielerin bei den Australien Open hat auch im Lübbecker Land für Freude und Begeisterung gesorgt - Balsam für die Seele einer Sportart, die an der Basis mit Mitgliederschwund, Nachwuchssorgen und fehlenden Vorbildern zu kämpfen hat. Bleibt die Frage: Können die Vereine von diesem Erfolg nachhaltig profitieren? "Uns konnte nichts besseres passieren", ist Anke Kükelhan überzeugt. Die Vorsitzende des TV Rahden hatte die Erfolgsgeschichte um Angelique Kerber eigens in ihre Rede bei der Mitgliederversammlung am vergangenen Freitag eingebaut. "Da waren die meisten noch skeptisch gewesen, nur unser zweiter Vorsitzender Bert Honsel hat fest an ihren Endspielsieg geglaubt", erzählt Kükelhan. Nun gehe es darum, diese Vorlage für den Tennissport im Allgemeinen und die Vereinsarbeit im Speziellen zu nutzen. "Es fehlt die Jugend, diese Entwicklung gibt es nicht erst seit gestern bei uns", berichtet die Vorsitzende des TV Rahden, der über Schul- und Schnupperaktionen versuche, Kinder und Jugendliche zu gewinnen. "Es bleibt viel zu tun, Kerbers Erfolg hin oder her", meint Anke Kükelhan. "Endlich hat Deutschland wieder einen Grand-Slam-Sieger. Das freut mich als Trainer ungemein", betont Bojan Molicnik vom Lübbecker TC. Dort stehe man mit zehn Jugendteams sehr gut da, "doch ein Selbstläufer ist das Ganze längst nicht mehr. Man muss immer am Ball bleiben", relativiert er. Dem Tennis könne der Triumph von Angelique Kerber nur gut tun, meint Molicnik: "Das deutsche Spitzentennis war ja lange tot. Jetzt ist wieder eine Heldin da. Das ist sehr, sehr positiv, braucht aber eine Bestätigung." Kerbers Erfolg, so der LTC-Cheftrainer weiter, könne man in den Vereinen als Sprungbrett nutzen. "Wo wir damit landen, muss man sehen." "Ein super Erfolg, ohne Frage, aber dass daraus ein Hype entsteht, glaube ich nicht", erklärt Christina Henke. Die Vorsitzende des Eggetaler TC habe Kerbers-Sieg gegen Serena Williams "natürlich live verfolgt", ist aber skeptisch, dass ihr Verein daraus einen nachhaltigen Nutzen ziehen kann. "Die Zahlen sind leider rückläufig. Kleinere Vereine wie wir haben damit zu kämpfen", erläutert die Vorsitzende. Kinder würden heutzutage vieles gleichzeitig machen (Henke: "Freizeitstress"), deshalb werde es immer schwieriger, sie bis zum Erwachsenenbereich beim Tennis und im Verein zu halten. Markus Buchta ist ebenfalls "eher skeptisch" eingestellt, was einen möglichen "Kerber-Kick" betrifft. "Das Endspiel war ja nur bei Eurosport zu sehen. Im Vergleich dazu schätze ich den Handball-Boom nach dem deutschen EM-Sieg stärker ein", so die Einschätzung des Jugendwarts der PTSG Lübbecke. Der Verein an der "Roten Mühle" habe nach sehr guten Jahren mittlerweile zu kämpfen. Für die kommende Sommersaison sind unter der Regie von Trainer Andreas Tambour vier Jugendmannschaften gemeldet worden. "Es wäre schön, wenn der Erfolg von Angelique Kerber etwas positives bewirken würde, dann aber dürfte es keine Eintagsfliege bleiben", meint Markus Buchta. "Wie damals bei Boris Becker mitgefiebert" habe Hadi Haschemi. Der Vorsitzende des TV Espelkamp sieht seinen Verein im Jugendbereich gut aufgestellt. Talente wie Sarita Hagemann, Paula Blaschke, Mika Wiesmann und Michael Götz hätten bereits einige Erfolge verzeichnen können. "Was fehlt ist die Breite zwischen 25 und 40 Jahren", führt Haschemi aus. Zu Zeiten von Becker, Stich und Graf habe der Tennis einen regelrechten Hype erlebt, "doch der ist abgeflaut, als sie weg waren", sagt der TVE-Chef, der sich einen ähnlich positiven Effekt nun von Angelique Kerber erhofft. "Deutschland war regelrecht ausgezerrt nach einem solchen Erfolg. Jetzt geht es darum, dass sie sich oben festsetzt und im Fokus bleibt", betont Hadi Haschemi, der sich nach Kerbers Titelgewinn die Siegerzeremonie nicht entgehen ließ. "Da hatte ich Tränen in den Augen."

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