Hermann Gärtner, der im Mai dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feierte, steht am ersten Abschlag des Golf-Clubs Widukind-Land und schaut zu. Er selber spielt in diesem Jahr aus gesundheitlichen Gründen nicht mit. - © FOTO: JÜRGEN KRÜGER
Hermann Gärtner, der im Mai dieses Jahres seinen 80. Geburtstag feierte, steht am ersten Abschlag des Golf-Clubs Widukind-Land und schaut zu. Er selber spielt in diesem Jahr aus gesundheitlichen Gründen nicht mit. | © FOTO: JÜRGEN KRÜGER

"Es ist schön zu sehen, wenn die Leute fröhlich sind"

Hermann Gärtner (80) lädt zum 20. Porta-Cup ein, und seine Gäste bedanken sich großzügig

VON JÜRGEN KRÜGER

Bad Oeynhausen/Löhne. "Es ist ein großartiges Turnier, verbunden mit einem guten sozialen Zweck", schwärmt auch Peter Schütte.

Der 65-jährige Löhner macht sich im Team mit Christian Röthemeier, Heribert Escher und Klaus Rusch auf den Weg, um die 18 Aufgaben, die der Golfplatz den Sportlerinnen und Sportlern stellt, zu bewältigen. Der Golf-Club Widukind-Land verzichtet beim Porta-Cup auf die Platzgebühren, dafür spenden alle Teilnehmer reichlich Geld für die Andreas-Gärtner-Stiftung.

Information

Andreas-Gärtner-Stiftung

1993 erhält Hermann Gärtner als Anerkennung für seine Verdienste um die Spastikerhilfe Bad Oeynhausen, deren Vorsitzender er sechzehn Jahre lang ist, das Bundesverdienstkreuz. Aus Dankbarkeit für diese Ehrung ruft er die Andreas-Gärtner-Stiftung ins Leben.

Im vergangenen Jahr schüttete die Stiftung 780.000 Euro aus, verwendet für Therapien und finanzieller Unterstützung für Anschaffungen (zum Beispiel Delphintherapie, Spezialbetten oder behindertengerechte Fahrzeuge). In diesem Jahr liegt die Ausschüttung deutlich höher, da das Unternehmen Porta Möbel zum 80. Geburtstag von Hermann Gärtner 1,2 Millionen Euro spendete.

Über die Verwendung der Spendengelder entscheiden Stiftungsvorstand und Beiratsmitglieder: Hermann Gärtner (Vorsitzender), Birgit Gärtner (stellvertretende Vorsitzende), Reiner Heekeren, Pfarrer Professor Dierk Starnitzke (Diakonische Stiftung Wittekindshof), Oberin Schwester Silke Korff (Diakonie Stiftung Salem in Minden), Susanne Hein (Diakonie Michaelshoven in Köln), Simone Piske (Sektretariat der Andreas-Gärtner-Stiftung).

Pascalle Fahrenkamp vertritt in diesem Jahr ihren Schwiegervater Wilhelm Fahrenkamp. Letzterer hat gemeinsam mit Hermann Gärtner im Jahr 1965 das Unternehmen Porta Möbel aus der Taufe gehoben. Beim Porta-Cup ist er eigentlich immer mit am Start. "In diesem Jahr zwingt ihn eine Verletzung zur Pause. Er ist ganz traurig", sagt die Schwiegertochter. Wilhelm Fahrenkamp ist aber später bei der Siegerehrung und dem Abendessen, an dem rund 150 Personen teilnehmen, mit dabei. Die enorme Spendenbereitschaft "spornt mich an", wie Hermann Gärtner sagt.

Während sich das Teilnehmerfeld beim Porta-Cup relativ schnell fülle, sei das Einsammeln von weiteren Spenden für die Andreas-Gärtner-Stiftung allerdings oft eine mühsame Angelegenheit, die hohen persönlichen Einsatz erfordere. "Ich muss dann wie ein Bettler sein", sagt der Unternehmer, der dieses erste Halbjahr mit schweren Krankheiten zu kämpfen hatte. Zu allem Übel hat er sich auch noch am linken Arm verletzt, und so sieht er zu, wie sich seine Freunde und Geschäftspartner ohne ihn auf den Weg über den Golfplatz machen. Gärtner: "Es ist schön zu sehen, wenn die Leute fröhlich und glücklich sind und sich anschließend dafür bedanken."

Andreas Gärtner

Wenn Hermann Gärtner über seinen vor sechzehn Jahren im Alter von 38 Jahren verstorbenen Sohn Andreas redet, dann schwingt ein wärmendes Gefühl in seiner Stimme. "Andreas war ein ganz, ganz lieber Mensch", sagt Gärtner über seinen schwerst behinderten Sohn. Von dessen Geburt am 7. Februar 1959 an leidet der Junge an "Hydrocephalus", umgangssprachlich als Wasserkopf bezeichnet.

Wegen dieser angeborenen Fehlbildung des Gehirns wird Andreas Gärtner bereits in seinem ersten Lebensjahr dreimal in Göttingen operiert.

Doch Hoffnung gibt es keine, die Krankheit ist unheilbar. Die Gärtners wohnen seinerzeit in Minden-Dützen und müssen feststellen, "dass es für Behinderte überhaupt keine Einrichtungen gibt", wie Hermann Gärtner bedauert. So kümmern sich die Eltern selbst um ihr krankes Kind. Andreas Gärtner wächst im Kreis seiner Familie, zusammen mit seinen Geschwistern Birgit und Anja, auf.

"Die Last eines behinderten Kindes trägt immer die Mutter", sagt der heute 80-Jährige, der vor rund einem halben Jahrhundert gemeinsam mit Wilhelm Fahrenkamp das Unternehmen Porta Möbel gründet. In der Woche übernimmt Mutter Margarete die Betreuung des geistig behinderten Sohnes. An den Wochenenden ist Vater Hermann bei seinem" Andy".

Andreas Gärtner entwickelt sich seiner Krankheit gemäß zunächst ordentlich, lernt mit drei Jahren Laufen und geht gemeinsam mit seiner Schwester Birgit in den Kindergarten Dützen. Doch dort bleibt er die meiste Zeit für sich allein. Der Junge musiziert gerne am Klavier, übt im Stehen die Lieder aus dem Radio ein. Außerdem spielt er für sein Leben gerne mit LEGO-Steinen.

Die Probleme beschreibt Hermann Gärtner plastisch: "Er konnte nicht allein wieder aufstehen, wenn er hingefallen war. Sein Kopf war einfach zu groß und zu schwer." Die Schwierigkeiten werden mit zunehmendem Alter des Sohnes größer, der Zeitaufwand für die Pflege nimmt zu. Mit 14 Jahren verkrümmt sich sein Rücken, und Andreas Gärtner ist von nun an auf einen Rollstuhl angewiesen.

1976 wird für ihn ein behindertengerechtes Haus erbaut, zudem wird die Familie bei der Pflege durch ein Pflegeehepaar unterstützt. 1986 wird die Pflege Zuhause unmöglich. Auf dem Wittekindshof findet Andreas Gärtner ein neues Zuhause. Dort fühlt er sich wohl und wird sehr gut versorgt und gepflegt. Er wird wöchentlich mehrfach von der gesamten Familie besucht oder mit einem behindertengerecht umgebauten Fahrzeug vom Wittekindshof abgeholt, um im Kreise seiner Familie zu sein.

Hermann Gärtner erkennt, dass es vielleicht anderen Familien mit ähnlichen Schicksalen genauso geht wie ihnen und gründet 1968 gemeinsam mit anderen die Spastikerhilfe Bad Oeynhausen. Weitere elf Jahre lebt Andreas Gärtner in seinem neuen Zuhause in Volmerdingsen, ehe er am 4. Januar 1998 im Bad Oeynhausener Krankenhaus stirbt.

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group