Eine unheimliche Krankheit

TENNIS: Wie Profi Richard Becker mit seiner Herzmuskelentzündung umgeht

VON JÜRGEN KRÜGER
Tennis-Profi Richard Becker, wie er in der Bad Oeynhausener Innenstadt auf einer Bank sitzt. - © FOTO: JÜRGEN KRÜGER
Tennis-Profi Richard Becker, wie er in der Bad Oeynhausener Innenstadt auf einer Bank sitzt. | © FOTO: JÜRGEN KRÜGER

Bad Oeynhausen. Der Plan war, ab Mitte Juli in der 2. Bundesliga für den TV Espelkamp-Mittwald aufzulaufen und sich dann im Herbst für die Australian Open vorzubereiten. Daraus wird vorerst nichts, denn beim Bad Oeynhausener Tennis-Profi Richard Becker, der früher auch für den Bielefelder TTC aufschlug, stellten die Ärzte eine Herzmuskelentzündung fest. "Mindestens drei Monate Pause", lautet die Verordnung, was der 21-Jährige nicht so einfach wegsteckt.

"Ich war gerade gut drauf", sagt Becker. Zuletzt griff er vor fünf Wochen in Bangkok zum Schläger. Geplant waren drei Turniere, nach dem zweiten jedoch reiste Becker ab. "Ich habe jeweils das Halbfinale erreicht, aber die Belastungen waren sehr, sehr hoch. Das dritte Turnier habe ich ausgelassen und bin nach Bad Oeynhausen zurückgekehrt, um mich etwas auszuruhen", so der 1,97 Meter große Modell-Athlet. Doch aus der zweitägigen Ruhe wurde nichts, denn Richard Becker wurde krank. Ein grippaler Infekt führte den Rechtshänder zu seiner Hausärztin, die ein EKG veranlasste. Dort stellten sich Unregelmäßigkeiten heraus, und Richard Becker wurde beim Herz- und Diabeteszentrum NRW vorstellig. Das hat seinen Sitz in Bad Oeynhausen, nur einen Steinwurf entfernt von seinem Elternhaus. Die umfassenden Untersuchungen in der sportkardiologischen Abteilung von Dr. Klaus-Peter Mellwig bestätigten den Verdacht: Herzmuskelentzündung.

Seither macht Richard Becker das, was ein Leistungssportler hasst, nämlich nichts. Die fünf Wochen Pause, die der Tennis-Profi bereits hinter sich gebracht hat, wurden jetzt verlängert, und nun versucht Becker, irgendwie die Zeit tot zu schlagen. "Für meine Eltern ist das unerträglich", sagt er. Um nicht auch noch seine Verwandtschaft zu nerven, setzte sich der Sportler ins Auto und fuhr zu seiner Wohnung nach Frankfurt am Main. Richard Becker gehört der dortigen Schüttler-Waske-Tennis-University an. Die vor zwei Jahren von den beiden Davis-Cup- Spielern Alexander Waske und Rainer Schüttler gegründete University hat sich nach eigenen Angaben innerhalb kürzester Zeit zu einer der "Top-Tennis-Akademien" weltweit entwickelt. Andrea Petkovic war unter anderem auch dort.

Zuletzt half Richard Becker beim Kinder- und Jugendtraining mit - zumindest soweit er das durfte. Körperliche Aktivität ist verboten. "Oberste Priorität hat jetzt meine Gesundheit. Und daran halte ich mich auch", sagt Becker. Freunde besuchen, zu den Olympischen Spielen nach London fahren und vielleicht ein paar Schnupperstunden an der Universität Bielefeld nehmen, habe er sich vorgenommen.

Ziemlich ungewöhnlich für einen Tennis-Profi, der es gewohnt ist, um die Welt zu jetten, der nur alle sechs Wochen für ein paar Tage mal zu Hause ist und der einem knallharten Tagesplan folgt. "Ich stehe normalerweise früh auf und gehe früh ins Bett. Meine Tage waren bislang durchstrukturiert, und ich hatte einen vollen Terminkalender. Jetzt fühle ich mich leer", gibt Becker zu. Die drei Monate Pause werde er einhalten, um kein Risiko einzugehen. Eine Herzmuskelentzündung kann trügerisch sein: "Man merkt nichts", sagt Becker über die unheimliche Krankheit. Lediglich einen, für seine Verhältnisse "sehr hohen Puls" habe er festgestellt. Ob sich nach diesen drei Monaten alles erledigt hat, steht nicht fest. Die sportlichen Konsequenzen dagegen schon: Die am 22. Juli beginnende Saison mit Espelkamp-Mittwald in der 2. Bundesliga wird ohne Richard Becker durchgeführt werden. Die monatelange Auszeit wird sich auch auf seinen Platz in der Weltrangliste auswirken. Rang

520 zu Beginn der Erkrankung wird wohl nicht zu halten sein. Die Qualifikation für die Australian Open, für die ein Weltranglisten-Platz von etwa 270 benötigt wird, hat der 21-Jährige dagegen noch nicht abgeschrieben, auch wenn es "sehr, sehr schwer wird". Den konditionellen Rückstand werde er in zwei bis drei Wochen aufgeholt haben.

Schwerer wiegt da schon die fehlende Spielpraxis, die sich auf Ballgefühl und Selbstvertrauen auf dem Platz auswirkt. "Man braucht sehr viele Spiele, um die Defizite wieder auszugleichen."

Copyright © Neue Westfälische 2018
Texte und Fotos von nw.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Kommentare

Die Kommentarfunktion für diesen Artikel ist deaktiviert.

nw.de bietet Ihnen unter vielen Artikeln und Themen die Gelegenheit, Ihre Meinung abzugeben, mit anderen registrierten Nutzern zu diskutieren und sich zu streiten. nw.de ist jedoch kein Forum für Beleidigungen, Unterstellungen, Diskriminierungen und rassistische Bemerkungen. Deshalb schalten wir bei Artikeln über Prozesse, Straftaten, Demonstrationen von rechts- und linksradikalen Gruppen, Flüchtlinge usw. die Kommentarfunktion aus. Näheres dazu lesen Sie in unseren Nutzungsbedingungen für die Kommentarfunktion (Netiquette) und in dem Kommentar unseres Chefredakteurs Thomas Seim zur Meinungsfreiheit im Forum der NW.

realisiert durch evolver group