Kaiserlicher Heber zum Endstand: Franz Beckenbauer (l.) trifft per Freistoß zum 3:0 der Münchner Bayern in seiner typischen Art und Weise. Franz "Bulle" Roth, der zuvor das 2:0 erzielt hatte, schaut dabei ebenso zu wie die vielen Fußballfreunde auf den vollbesetzten Rängen des Ludwig-Jahn-Stadions. - © Klaus Berg
Kaiserlicher Heber zum Endstand: Franz Beckenbauer (l.) trifft per Freistoß zum 3:0 der Münchner Bayern in seiner typischen Art und Weise. Franz "Bulle" Roth, der zuvor das 2:0 erzielt hatte, schaut dabei ebenso zu wie die vielen Fußballfreunde auf den vollbesetzten Rängen des Ludwig-Jahn-Stadions. | © Klaus Berg

Bünde Das Bünder Jahrhundertspiel in Herford

Fußball: Am Sonntag jährt sich das DFB-Pokalspiel des Bünder SV gegen den FC Bayern München zum 40. Mal. Einige Zeitzeugen haben sich im BSV-Vereinsheim "Bünder Tor" getroffen

Tauschten Erinnerungen aus: Der damalige Jugendobmann Klaus-Erich Klein (v. l.), Stürmer Bernd Schulenkorf, Torwart Rolf Bockermann, Verteidiger Dieter Hauptmann, Trainer Friedhelm Holtgrave, Verteidiger Egon Altemeier, Mittelfeldspieler Karl-Heinz Diehl und BSV-Ehrenvorsitzender Erhard Struckmeier saßen im "Bünder Tor" zusammen. - © Foto: Thorsten Mailänder
Tauschten Erinnerungen aus: Der damalige Jugendobmann Klaus-Erich Klein (v. l.), Stürmer Bernd Schulenkorf, Torwart Rolf Bockermann, Verteidiger Dieter Hauptmann, Trainer Friedhelm Holtgrave, Verteidiger Egon Altemeier, Mittelfeldspieler Karl-Heinz Diehl und BSV-Ehrenvorsitzender Erhard Struckmeier saßen im "Bünder Tor" zusammen. | © Foto: Thorsten Mailänder

Bünde. Vor 40 Jahren herrschte in der Bünder Sportwelt eine unglaubliche Spannung. Am 14. August 1975 hatte der Bünder SV das Wiederholungsspiel der ersten Hauptrunde im DFB-Pokal beim 1. FC Pforzheim mit 2:1 gewonnen. Der Bünder Stürmer Bernd Schulenkorf hatte in 90. Minute zum 2:1 für den BSV getroffen.

Das Wiederholungsspiel im Südwesten Deutschlands fand an einem Wochentag statt. Das Bünder Team reiste unter abenteuerlichen Bedingungen mit der Deutschen Bahn nach Pforzheim. Das erste Spiel in Bünde war mit einem 2:2-Unentschieden geendet. Zu jener Zeit gab es nach der Verlängerung kein Elfmeterschießen, sondern ein Wiederholungsspiel bei einem Remis.

Wenige Tage nach dem Sieg folgte die Auslosung der zweiten Hauptrunde und bescherte dem Bünder SV den damals frischgebackenen Europapokalsieger der Landesmeister (heute Champions League-Sieger), den FC Bayern München, als Heimspielgegner. Die Mannschaft wurde seinerzeit vom kürzlich verstorbenen Trainer Dettmar Cramer betreut und war gespickt mit Nationalspielern, die ein Jahr zuvor unter Bundestrainer Helmut Schön Weltmeister geworden waren. Die internationalen Stars "Kaiser" Franz Beckerbauer, "Katsche" Georg Schwarzenbeck, "Bulle" Franz Roth, Sepp Maier und Co trafen auf die Lokalmatadoren Rolf Bockermann, Dieter Hauptmann, Bodo Horstkotte und ihre Mitspielern, die mit dem Ex-Profi des VfL Osnabrück, Friedhelm Holtgrave, einen neuen Trainer hatten.

Der Kader des Bünder SV 1975/76 auf dem Langhaarteppich: Seniorenobmann Karl-Heinz "Kelbassa" Große-Wortmann (stehend v. l.), Bernd Schulenkorf, Thomas Lautenschläger, Uwe Eberhardt, Karl-Heinz "Kalla" Diehl, Michael Krüger, Bernd Krohne, Trainer Friedhelm Holtgrave; Manfred Scholz (Mitte v. l.), Reiner Kisker, Egon Altemeier, Michael Grottendiek, Dieter Hauptmann, Bodo Horstkotte, sowie die Torhüter Rolf Bockermann (vorne v. l.) und Michael Oberbremer. - © Foto Engelbrecht
Der Kader des Bünder SV 1975/76 auf dem Langhaarteppich: Seniorenobmann Karl-Heinz "Kelbassa" Große-Wortmann (stehend v. l.), Bernd Schulenkorf, Thomas Lautenschläger, Uwe Eberhardt, Karl-Heinz "Kalla" Diehl, Michael Krüger, Bernd Krohne, Trainer Friedhelm Holtgrave; Manfred Scholz (Mitte v. l.), Reiner Kisker, Egon Altemeier, Michael Grottendiek, Dieter Hauptmann, Bodo Horstkotte, sowie die Torhüter Rolf Bockermann (vorne v. l.) und Michael Oberbremer. | © Foto Engelbrecht

»Du bist doch nur Beckenbauers Kofferträger!«

Doch wo sollte das Spiel stattfinden? Der Bünder SV trug seine Heimspiele im Herbst 1975 im Else-Stadion aus. Diese Sportstätte war zu klein, das Ennigloher Erich-Martens-Stadion war damals für 8.000 Zuschauer ausgelegt. Viele Bünder Fans hätten es gern gesehen, dass hier dieser Pokal-Hit ausgetragen worden wäre. Doch der BSV-Vorstand entschied sich für das Herforder Ludwig-Jahn-Stadion. "Unser Umzug nach Herford geschah nicht allein, damit viele Fans die Bayern sehen konnten, sondern auch aus finanziellen Eigennutz", sagte später der damalige erste Vorsitzende Walter Lichtenberg, der im letzten Jahr verstorben ist.

Vorläufer des Live-Tickers: Das damalige Werk eines jungen und hoffungsvollen Nachwuchs-Journalisten. - © NW
Vorläufer des Live-Tickers: Das damalige Werk eines jungen und hoffungsvollen Nachwuchs-Journalisten. | © NW

Im Vorfeld hatte Günter Ehrler als Abteilungsleiter des SC Herford bei der Stadt Herford vergeblich versucht, den Umzug des BSV nach Herford zu verhindern. "Die Bünder machen große Kasse bei uns im Stadion und kaufen uns später die guten Spier weg", so Ehrlers Bedenken. Die teuerste Karte kostete 20 D-Mark (rund zehn Euro) und sorgte für teilweise Empörung bei den Fans. Trotzdem fand das Spiel vor über 20.000 Zuschauern statt und brachte dem BSV den erhoffen Geldregen. Die Bayern siegten recht glanzlos mit 3:0 (1:0) durch Tore von Ludwig Schuster (15.), Franz Roth (52.) und Franz Beckenbauer (79.). Die Begegnung wurde am Abend im "Aktuellen Sportstudio" mit dem Reporter Kurt Lavall gezeigt. Der spätere Sportschau-Moderator Heribert Fassbänder war für das Radio im Stadion.

"Mit dieser Spielweise und dieser Mannschaft wird die Bayern-Ära schon bald zu Ende gehen", sagte Bündes Trainer Friedhelm Holtgrave nach dem Spiel: er sollte sich wohl irren. Beim Bünder SV hatte Holtgrave für Unruhe gesorgt, weil er das Vereinsidol Bernd Schulenkorf zunächst auf die Ersatzbank verbannte. "Heute würde ich es anderes machen, ich wusste damals nicht viel von Bernds Verdiensten um den Bünder SV", sagte Friedhelm "Holli" Holtgrave bei einem Treffen von einigen ehemaligen Spielern und Funktionären im "Bünder Tor" vor ein paar Tagen. "Rolf, wenn du die ersten drei Tore verhindert hättest, hätte wir die Sensation geschafft", flachste Bernd Schulenkorf mit Torwart Bockermann. Nach dem Spiel ging Nationalspieler Jupp Kapellmann den Bünder Manfred Scholz nach dessen Erinnerung mit den Worten "Ihr Amateure, was wollt ihr eigentlich?" verbal an. "Scholli", so wurde der BSV-Spieler genannt, konterte: "Du bist doch nur Beckenbauers Kofferträger!"

Die Protagonisten des 18. Oktober 1975 hatten sich auch vier Jahrzehnte später viel zu erzählen, denn mit dem Bayern-Spiel begann auch die Ära von Trainer Friedhelm Holtgrave, der fünf Jahre in Bünde arbeitete und die Mannschaft fast in die zweite Bundesliga geführt hätte. Eine Aktion haben die damaligen Spieler ihrem früheren Coach inzwischen verziehen, aber nicht vergessen. "Nach einer Silvesterfeier mit der gesamten Mannschaft hat er uns am Neujahrsmorgen zum Training bestellt", erinnert sich "Kalla" Diehl.

Vom einstigen Glanz des Bünder SV ist aktuell wenig geblieben, doch der 18. Oktober 1975 wird für immer der glorreichste Tag in der Vereinsgeschichte bleiben. Die Zeit mit Trainer Friedhelm Holtgrave war die erfolgreichste Epoche des Bünder SV in der fast 110-jährigen Vereinsgeschichte, an die sich viele Bünder immer noch gern erinnern.

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