Unvergessene Bilder

OLYMPIA: Wie Annette Steikert die Spiele 1972 erlebte

VON ASTRID PLASSHENRICH
Annette Steikert hält das Buch der Deutschen Olympiamannschaft von 1972, links ist sie abgebildet. Davor liegen die Ausgaben der Zeitungen aus dem Olympischen Dorf. - © FOTO: PLASSHENRICH
Annette Steikert hält das Buch der Deutschen Olympiamannschaft von 1972, links ist sie abgebildet. Davor liegen die Ausgaben der Zeitungen aus dem Olympischen Dorf. | © FOTO: PLASSHENRICH

Schloß Holte-Stukenbrock. Es ist schwierig über die Olympischen Spiele 1972 zu schreiben. Denn da sind einerseits die wundervollen Bilder mit den Sportlern aller Nationen, die Höchstleistungen boten und um die Titel kämpften. Aber da sind andrerseits auch die schrecklichen Erinnerungen an das Attentat, bei dem insgesamt 17 Menschen ums Leben kamen. Beides gehört zu der Geschichte der Spiele in München dazu. Die Schloß Holte-Stukenbrockerin Annette Steikert hat als Olympionikin all das hautnah erlebt.

Annette Steikert hieß damals noch Ellerbrake. Sie war 22 Jahre jung und spielte im deutschen Volleyball-Nationalteam. Sie hat genau das erlebt, wovon eder Athlet träumt. Die olympische Eröffnungsfeier. "Wir durften zwar nicht mit einlaufen, weil wir am nächsten Tag unser erstes Spiel hatten, aber wir saßen mit unserer Olympiakleidung und den gelben Hüten auf der Tribüne", erzählt Steikert.

Dann die Spiele in der Olympiahalle. Die Tribüne war vollbesetzt, die Atmosphäre außergewöhnlich. "In der Bundesliga haben wir vor 200 Zuschauern gespielt. Das war schon etwas ganz anderes", sagt Annette Steikert. Die deutsche Mannschaft schmetterte, baggerte, kämpfte. "Aber wir waren chancenlos. Volleyball war in Deutschland noch im Aufbau. Wir waren dabei, um Erfahrungen zu sammeln."
Und dann das Leben im Olympischen Dorf. "Dort herrschte eine besondere Atmosphäre. Das Dorf war mit vielen Brunnen und Grünflächen sehr schön angelegt", erinnert sie sich. Die Athleten fühlten sich frei, unbeschwert. Dazu trugen auch die lockeren Sicherheitsbedingungen während der Olympischen Spiele teil.

München ’72 sollten als die heiteren Spiele in die Geschichte eingehen. "So konnte mich mein Mann auch problemlos besuchen", erzählt Steikert: "Ich hatte ihm einen offiziellen Trainingsanzug besorgt, und er konnte die Kontrollen einfach durchlaufen. Wir sind dann gemeinsam im Dorf Mittagessen gegangen."

Die Spiele waren auf dem besten Weg, ein völkerverbindendes Fest zu werden, das der Welt nach dem Zweiten Weltkrieg einen neuen Blick auf Deutschland ermöglichte. Doch dann kam der 5. September – und mit ihm die Zäsur.

Acht Mitglieder der palästinensischen Terrorgruppe "Schwarzer September" kletterten morgens um 4.10 Uhr über den Zaun des Olympischen Dorfes, drangen in das Appartment der israelischen Mannschaft ein und nahmen elf Athleten als Geiseln. Annette Steikert schlief unweit davon in ihrem Einzelzimmer im Frauendorf. Als sie aufwachte, hatte sie gleich ein seltsames, ungutes Gefühl: "Es herrschte eine ungewöhnliche Stille. Das kannte ich so nicht.

Denn sonst war immer Trubel im Dorf." Steikert schaltete das Radio ein. Und erfuhr von der Geiselnahme. Sie geht zunächst duschen, dann auf den Balkon. "Von dort konnte ich einen maskierten Mann sehen", erzählt sie. Ein Bild, das sie wohl nie vergisst. Aber der Tag entwickelte sich für die Athleten zunächst wie jeder andere. "Das hört sich vielleicht schlimm an. Aber so war es. Für uns Sportler war die Geiselnahme weit weg, obwohl sie so nah war."

Doch als die Befreiung am Fliegerhorst Fürstenfeldbruck scheiterte und elf israelische Sportler, fünf Geiselnehmer und ein deutscher Polizist starben, fanden die heiteren Spiele ein abruptes Ende. Plötzlich war alles anders. Die Unbeschwertheit war weg. "Natürlich waren die Kontrollen nun äußerst streng", so Steikert. Die Spiele gingen weiter. Der Terrorismus sollte die Olympische Idee nicht niederringen.

Bei der Abschlussfeier marschierte Annette Steikert mit dem gesamten deutschen Team ins Stadion ein. Und da erlebte sie noch einmal diese ambivalenten Gefühle, die die Olympischen Spiele 1972 bei vielen hervorrufen. Freiheit, Unbeschwertheit, aber auch Angst. "Die Nationen mischten sich. Es war alles nicht mehr so streng gegliedert wie bei der Eröffnungsfeier. Das war toll." Aber dann näherte sich ein außerplanmäßiges Passagier-Flugzeug dem Stadion. "Das war für mich beklemmend. Ich habe nur immer daran gedacht, wohin ich mich flüchten kann", so Steikert. Es war der 11. September.
      

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