Initiatoren: Jörg Hoffend (l.) und Gabi Neumann (r.) hoffen auf einen Erfolg des gemeinsamen Projekts, das Holger Vetter als Experte begleitet. - © Jens Dünhölter
Initiatoren: Jörg Hoffend (l.) und Gabi Neumann (r.) hoffen auf einen Erfolg des gemeinsamen Projekts, das Holger Vetter als Experte begleitet. | © Jens Dünhölter

Gütersloh Mitarbeitermanager fürs Ehrenamt

Sportgipfel: Neues Projekt "Verein(t) in die Zukunft" soll den Gütersloher Sport stärken. Aus den Bewerbungen sollen sechs Vereine ausgewählt werden, aber die Resonanz ist verhalten

Wolfgang Temme

Gütersloh. Der Krise des Ehrenamts, die auch heimische Vereine trifft, setzt der Gütersloher Sport ein neues Projekt entgegen: "Verein(t) in die Zukunft" heißt die gemeinsame Initiative von Stadt- sportverband, Stadt und Sparkassenstiftung, mit der Sportvereine für die Bewältigung der Zukunft gestärkt werden sollen. Am Montagabend stellten die Beteiligten das professionell begleitete Beratungsprojekt im Rahmen einer Veranstaltung, die als "2. Gütersloher Sportgipfel" bezeichnet wurde, den Vereinsvertretern vor. Die Resonanz im Forum der Stadthalle blieb allerdings gering. Von den über 90 Vereinen des Stadtsportverbandes waren nur rund 15 vertreten. Moderiert wurde die Veranstaltung von zwei Experten, die das Konzept des Projekts erdachten und es über eineinhalb Jahre begleiten werden. Holger Vetter (55, Oerlinghausen), ein erfahrener Prozess- und Innovationsberater, war bis 2012 Vorsitzender des TuS Ost Bielefeld, ist seit Jahren für Sportverbände tätig und moderierte schon den 1. Gütersloher Sportgipfel im Jahr 2010. Franz Dies (66), beruflich lange als Personalentwickler tätig, hat einen ähnlichen Prozess im seinem Heimatverein FSV Bad Wünnenberg-Leiberg erfolgreich angestoßen und begleitet. Ziel des Projekts ist es, in den Führungen der beteiligten Sportvereine "Mitarbeitermanager" zu implementieren, die sich um die Gewinnung und Bindung von ehrenamtlich tätigen Funktionären, Trainern und Übungsleitern kümmern. Gleichzeitig sollen sie eine klare Organisation von Zuständigkeiten und Aufgaben bewirken. "Die Mitarbeitergewinnung ist nicht nur ein quantitatives, sondern auch ein qualitatives Problem", lautet eine Grundannahme Vetters. Damit begründet er, warum das Ressort "Personalentwicklung" einen herausragenden Stellenwert bei Vereinsberatungen einnimmt. Franz Dies stimmte ihm zu: "Wir berühren hier das Thema Professionalität, ohne es Eins-zu-Eins auf das Ehrenamt übertragen zu wollen." Gesucht werden in Gütersloh sechs Sportvereine, die in den Genuss des Projekts kommen - aber dafür auch investieren müssen. "Das gibt es nicht zum Nulltarif", wies Vetter daraufhin, dass die drei Stufen des Prozesses für die beteiligten Mitarbeiter mit einem zeitlichen Aufwand verbunden sind. Stufe eins besteht aus einem so genannten Zukunfts-Check, bei dem mit Hilfe von Interviews Ansprüche und Erwartungen von ausgewählten Führungskräften, Mitarbeitern, Mitgliedern und Personen aus dem Umfeld ermittelt werden. Stufe zwei beinhaltet die gemeinsame Erstellung eines Handlungsplans, Stufe drei dessen professionell begleitete Umsetzung. Am Ende soll ein zukunftsfähiger Sportverein mit einer funktionierenden Mitarbeiterkultur stehen. Der Zeitplan für das Projekt ist straff gefasst. Die Bewerbungsfrist endet am 1. April. Ausgewählt werden die sechs Vereine von einem Gremium, dem neben den beiden Experten Vertreter von Stadt, Stadtsportverband und Sparkassenstiftung angehören. Der Zukunfts-Check soll bis Ende Juni abgeschlossen sein, der Handlungsplan soll im September 2016 erstellt werden, und die Umsetzung soll bis September 2017 erfolgen. Die Stiftung der Sparkasse Gütersloh, deren Vorsitzender Jörg Hoffend die Veranstaltung aufmerksam verfolgte, stellt für die Finanzierung 10.000 Euro zur Verfügung. "Das ist ein innovativer Ansatz, aber anspruchsvoll. Es lohnt sich diesen Versuch zu unternehmen", sagte Hoffend und ergänzte: "Wir wollen damit die Verbundenheit zu den Vereinen demonstrieren." Weitere 5.000 Euro stellt die Stadt über den Stadtsportverband (SSV) zur Verfügung. "Das Thema Ehrenamt ist sehr wichtig. Eigentlich ist so eine Veranstaltung überfällig", gestand Gabi Neumann. Die SSV-Vorsitzende ("Ich habe ehrenamtliche Mitarbeit im Verein quasi mit der Muttermilch einsogen") macht sich Sorge um diesen Lebensinhalt: "Inzwischen bin ich an einem Punkt, an dem ich mich frage: Wo geht das hin?" Umfrage: Ist das Projekt für Ihren Verein interessant? Frank Westerhelweg (TV Isselhorst): „Wir werden uns auf jeden Fall bewerben. Natürlich erfordert es zunächst großen Einsatz, aber wir glauben, dass es sich lohnt: Wenn sich beispielsweise sechs Mitglieder beteiligen, haben wir am Ende hoffentlich 15 Mitarbeiter." Michael Horstkötter (FSV Gütersloh): „Das Projekt ist interessant, aber es erfordert von einem kleinen Verein wie wir es sind, sehr viel Men-Power. Außerdem geht es im Leistungssport, den wir hauptsächlich betreiben, vor allem darum, finanzielle Ressourcen zu erschließen." Christian Randerath (DJK Gütersloh): „Wir haben morgen eine Vorstandssitzung – mal abwarten welche Meinung sich da herausbildet. Aber eigentlich läuft es in unserem Verein derzeit recht gut." Marcel Jakobsmeier (Gütersloher TV): „Das ist ein sehr ambitioniertes Projekt, wir müssen das erst einmal sacken lassen. Zu bedenken ist auch, dass wir uns derzeit ohnehin schon in einem Beratungsprozess mit dem Landessportbund befinden." Jochen Schuster (SV Avenwedde): „Ich sehe in dem Projekt eine große Chance. Wir werden uns auf jeden Fall bewerben, entweder über einen Vorstandsbeschluss oder über die Zustimmung der Mitglieder – am Freitag haben wir Jahreshauptversammlung. Es würde auch zeitlich passen, denn ich kandidiere zum letzten Mal als Vorsitzender und scheide 2018 nach Ablauf der Projektphase aus." Delia Spexard (SV Spexard): „Wir werden das im Vorstand diskutieren, aber die Bewerbungsfrist ist mit drei Wochen wirklich sehr knapp." Detlef Lübking (KSV Gütersloh): „Wir werden uns nicht bewerben. Für einen Verein unserer Größenordnung ist das mit zu viel Aufwand verbunden. Man muss ja sehen, dass die meisten Vorstandsmitarbeiter noch andere Funktionen im Verein haben, zum Beispiel als Trainer, und auch noch Familie haben und einem Beruf nachgehen. Da ist kein zeitlicher Spielraum für noch mehr Engagement vorhanden." Rolf Theiß (Gütersloher Faltbootgilde): „Vieles von dem, was hier zur Mitarbeitergewinnung vorgestellt wurde, funktioniert bei uns schon seit Jahren, etwa die frühzeitige Einbeziehung junger Menschen. Das Grundproblem des Sports ist aus meiner Sicht ein ganz anderes: Über die Schulen werden den Sportvereinen keine Mitglieder und keine Talente mehr zugeführt."  Appell von Hubert Brummel  „Geben Sie uns die Halle zurück" Zu einem Gipfel gehören auch hochrangige Funktionäre. Wohl deshalb gab auch Gundolf Wala- schewski, Präsidiumsmitglied im Landessportbund NRW, ein Statement ab. Als Zuhörerin war Kirsten Witte-Abe vom Deutschen Olympischen Sportbund aus Frankfurt angereist. Und natürlich war auch Bürgermeister Henning Schulz ein Gesprächspartner für Moderator Holger Vetter. Er lobte das Engagement der Sportvereine: „Ich möchte nicht an den Stellenplan denken, den ich aufstellen müsste, wenn wir all das mit Hauptamtlichkeit leisten müssten, was Sie ehrenamtlich leisten", rief er den Vertretern zu. Und er gestand ein, dass der Sport aktuell „große Einschränkungen" durch die Belegung von Sporthallen mit Flüchtlingen hinnehmen müsse. Hubert Brummel, Vorsitzender des TuS Friedrichsdorf, nutzte die Gelegenheit, um genau das zu beklagen: „Unseren Ehrenamtlichen wird die Vision genommen." Der TuS sei gerne bereit, den vom Sport erwarteten Beitrag zur Integration zu leisten, sagte er: „Aber uns wird mit der Halle die Möglichkeit dazu geraubt." In der Sorge um die Zukunft seines Vereins scheute sich Brummel nicht, öffentlich Klartext zu reden: „Wir brauchen jetzt ein Signal der Kommune: Geben Sie uns die Halle zurück."

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