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Pragmatiker: Friedrich Prill will auf die Probleme des Handball-Kreisverbandes mit organisatorischen Maßnahmen und weiteren Initiativen in allen Altersklassen reagieren. - © Jens Dünhölter
Pragmatiker: Friedrich Prill will auf die Probleme des Handball-Kreisverbandes mit organisatorischen Maßnahmen und weiteren Initiativen in allen Altersklassen reagieren. | © Jens Dünhölter

"Unser Konkurrent ist das Internet"

Interview: Friedrich Prill, Vorsitzender des Handballkreises Gütersloh, sorgt sich wegen der zurückgehenden Mannschaftszahlen im Jugendbereich

Uwe Kramme
29.12.2015 | Stand 28.12.2015, 18:30 Uhr

Die Zahl der Handballmannschaften in Deutschland ist von 23.209 in 2014 auf 22.192 in 2015 zurückgegangen. Ist der Handball auf dem Weg, eine Randsportart zu werden? Friedrich Prill: Wir sind schon eine Randsportart. Bei der Verteilung von Fördermitteln des Landessportbundes sind wir in Westfalen nicht einmal mehr in den Top-10. Bei der Berichterstattung in der Zeitung stehen wir nie vorn, und der Dachverband tut nicht viel dafür, dass wir gesehen werden. Jetzt heißt es sogar, dass die nächste WM auch nicht von der ARD oder dem ZDF gezeigt wird. Und was nicht im TV ist . . . Prill: . . . das findet im Prinzip nicht statt. Handball hat in den letzten Jahren enorm an Image eingebüßt. Ist denn die Entwicklung der Mannschaftszahlen im Kreis Gütersloh auch so dramatisch? Prill: Wir hatten am 1. Januar dieses Jahres 252 Jugendmannschaften - jetzt sind es noch 226. Das heißt, wir haben elf Prozent verloren. Insgesamt sind es noch 334 Mannschaften. Im Jahr 2010 waren es aber noch 380. Woran liegt das? Prill: Wir merken den Rückgang besonders im unteren Jugendbereich. Da gibt es zwei Phänomene. Das eine ist, dass die Mannschaftsstärken zurückgehen. Wenn früher eine E-Jugend 14, 15 Leute hatte, dann sind es heute noch acht oder neun. Außerdem geht pro Altersstufenübergang ein Viertel der Spieler verloren. Wir brauchen also unten sehr viele Kinder, damit oben Spieler ankommen. Wir liegen mit diesen Zahlen im Trend, wobei der Kreis Gütersloh im Vergleich zu anderen Kreisen noch die Insel der Glückseligen ist. Liegt das an der ländlichen Struktur mit vielen Vereinen? Prill: Das ist relativ. Wir hatten hier mal 49 Handball spielende Vereine, jetzt haben wir noch 25. Darunter sind fünf Spielgemeinschaften, und es gibt vier Jugendspielgemeinschaften. Sind diese Zusammenschlüsse gut oder schlecht? Prill: Jede Spielgemeinschaft ist meist aus der Not geboren. Vermutlich hätten die Stammvereine alleine nicht die Möglichkeit, alle Mannschaften am Laufen zu halten. In anderen Sportarten gilt der Offene Ganztag als Hauptproblem der Nachwuchsarbeit. Prill: Das ist bei uns auch so. Das betrifft die Hallenzeiten, die uns nicht mehr zur Verfügung stehen, weil sie von den Schulen beansprucht werden. Aber viel schlimmer ist, dass die Kinder kaum noch zu motivieren sind, in die Halle zu gehen, wenn sie um 16 Uhr abgekämpft nach Hause kommen. Dazu kommt das große Freizeitangebot. Sie meinen andere Sportarten? Prill: Unser Hauptkonkurrent ist das Internet. Noch mehr als der Fußball? Prill: Eindeutig. Da kann sich jeder davor setzen, King sein und einfach aufhören, wenn er keinen Bock mehr hat. Natürlich konkurrieren wir mit dem Fußball. Aber ich kann jetzt nicht sagen, dass es dem Handball so schlecht geht, weil Fußball so stark. Da sind die Zahlen ja auch rückläufig. Was kann der Handball tun, um gegenzusteuern? Prill: Wir haben viele Projekte. Wir gehen in die Kindergärten, wir machen Werbetage, aber es ist extrem mühsam, einen Zulauf zu generieren. Wir hatten einen Hype, als Deutschland Weltmeister geworden ist. Aber da waren viele Vereine überfordert, weil es nicht genügend Hallen gab und nicht genug Trainer. Also muss Deutschland wieder Weltmeister werden? Prill: Ja, denn wir haben kein Aushängeschild mehr. Die Frauen sind gerade erst im WM-Achtelfinale ausgeschieden, und die Männer haben sich zuletzt auch nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Gibt es im Kreis Gütersloh genug Vorbilder? Prill: Wir sind traditionell nicht in der 1. Bundesliga vertreten, aber das müssen wir ja auch nicht. Bei den Frauen sind wir mit Halle in der 3. Bundesliga und mit Verl in der Oberliga. Die Loxtener Männer spielen Oberliga, und wir sind extrem stark in den Verbandsligen. Das ist ein wichtiger Anreiz für unsere jungen Spielerinnen und Spieler. Ihre Sorge gilt also vor allem der Tatsache, dass nicht genug Kinder in die Vereine kommen. Prill: Esist doch wie überall: Wenn ich nur sieben habe, und einer fällt aus, können alle nichts machen. Aber wenn ich 30 habe, dann kann ich das verkraften. Um Kinder für den Handball oder überhaupt für den Sport zu begeistern, braucht es geeignete Trainer und ein förderliches Umfeld. Der Zusammenhalt der Mann- schaft muss gut sein und die Trainingssituation. Wenn das passt, bleiben die Kinder. Wird in zehn Jahren überhaupt noch Handball im Kreis Gütersloh gespielt? Prill: Ja, auf jeden Fall, aber anders organisiert. Die Sportart an sich wird so bleiben, aber wir werden uns über andere Spielklassen unterhalten. Was gibt es im Basketball für Einzugsgebiete, um Staffeln zusammenzukriegen? Da wird sich auch bei uns etwas tun. Der Handballverband Westfalen hat derzeit zwölf Kreise. Nach meinem Dafürhalten werden wir auf acht oder sechs Kreise zusammenschrumpfen. Also kommt der Kreisverband Ostwestfalen-Lippe? Prill: Ja, das wäre eine Möglichkeit. Wir sind ja jetzt schon im Gespräch mit Bielefeld/ Herford und Minden wegen einer engeren Zusammenarbeit und beginnen sie mit anderen Kreisen. Da müssen wir offen sein, Hauptsache wir können den Spielbetrieb fortführen. Denn wir können die Entwicklung nur verlangsamen, aber wegen der demografischen Gegebenheiten nicht stoppen. Es wurde sogar eine Ü40-Liga eingeführt. Wie sind die Erfahrungen? Prill: Ich fange mal etwas weiter vorne an. Als ich 1987 Spielwart wurde, gab es noch die 4. Kreisklasse und eine Altherren-Liga. Das wurde immer weniger, und jetzt haben wir nur noch eine 3. Kreisklasse. Wir haben deshalb gesagt, aus welchen Vereinen ihr kommt, das ist egal, Freunde. Wenn ihr sagt, ihr seid eine Mannschaft, dann seid ihr eine. Die einzige Bedingung: Alle Spieler müssen über 40 Jahre alt sein. Wir hatten sechs Meldungen, vier Teams spielen noch und das mit viel Spaß. Und diese Handballer bleiben ihren Vereinen erhalten? Prill: Genau darauf kommt es doch an, denn 18 bis Mitte 30, das ist das Handballalter. Aber von Mitte 30 bis 70 sind die Menschen heute aktiv und mobil, und da haben wir nichts anzubieten. Just diese Altersklasse brauchen die Vereine aber für die ehrenamtliche Arbeit . . . Prill: Normalerweise sagen Spieler jedoch wenn sie aufhören: Lasst mich jetzt zufrieden. Das ist ein Grund, dafür, dass uns Schiedsrichter, Trainer und Betreuer fehlen. Am 10. Januar ist Handball-Kreistag. Werden sie selber wieder zur Wahl antreten? Haben sie ihren Vorstand zusammen? Prill: Die Mannschaft steht. Ich selber werde noch einmal kandidieren. Werde ich gewählt, mache ich das noch einmal für drei Jahre, aber dann bin ich 68 und es müssen junge Leute ran. Wir haben ja einige, die wir heranziehen wollen, aber die stehen im Berufsleben, haben ihre familiären Pflichten - und so ein Ehrenamt ist ja nicht so nebenbei gemacht. Viel Amt, wenig Ehre . . . Prill: Ja, aber was tut denn die Politik auch für ehrenamtliche Sportfunktionäre? Es gibt steuerliche Hürden, man muss aufpassen, dass man nicht mit der Berufsgenossenschaft in Konflikt kommt, und dann sind da noch die ganzen haftungsrechtlichen Dinge. Heut- zutage ist man ja für jedes umgekippte Tor verantwortlich. Woher nehmen sie ihre Motivation, weiterzumachen? Prill: Man muss schon handballverrückt sein. Aber im ernst: Es macht Spaß, denn wir haben im Kreis Gütersloh wenig Knatsch, und die Vereine ziehen mit. Sie wollen mehr Handballer in die Hallen holen, aber es stehen weniger Hallen zur Verfügung. Die Stadt Gütersloh hat jetzt die vierte für die Unterbringung von Flüchtlingen gesperrt. Prill: In Wiedenbrück ist eine Halle weg, in Lippstadt auch, und die anderen Kommunen in unserem Kreisverband stehen vor dem gleichen Problem. Natürlich müssen die Flüchtlinge irgendwo untergebracht werden, aber man kann nicht nur dem Sport sagen, ihr müsst zusammenrücken. Man kann einen Teil des Breitensports in anderen Räumlichkeiten unterbringen, aber wie soll das beim Handball gehen? Wir können jedoch nur an die Politik appellieren, andere Möglichkeiten zu suchen. Und eine Turnhalle als Unterkunft ist auch nicht wirklich prickelnd. Wie lange hält der Handball das aus, wenn ihm immer mehr Hallen verloren gehen? Prill: Ich denke, wir müssen bis Mitte nächsten Jahres mit dieser Situation leben. Dann sollte es Alternativen geben, und möglicherweise geht der Flüchtlingsstrom ja auch zurück. Der Sport hat sich solidarisch erklärt, und er wird auch nicht gegen diese Situation opponieren. Aber sie ist sicherlich suboptimal.

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