Quälst du dich noch, oder jubelst du schon: Wer sich das Rennen gut einteilt, hat auch auf der Promenade noch Sprit im Tank, kann die letzten Meter durch das Spalier der Zuschauer genießen und muss nicht wie hier Jörg Heger vom SC Borchen (401) die letzten Körner mobilisieren, um das Ziel zu erreichen. FOTO: ANNIKA FALK - © Annika Falk
Quälst du dich noch, oder jubelst du schon: Wer sich das Rennen gut einteilt, hat auch auf der Promenade noch Sprit im Tank, kann die letzten Meter durch das Spalier der Zuschauer genießen und muss nicht wie hier Jörg Heger vom SC Borchen (401) die letzten Körner mobilisieren, um das Ziel zu erreichen. FOTO: ANNIKA FALK | © Annika Falk

Das Ziel ist das Ziel

Mythos Hermannslauf (7): Wer bei dem Teutoklassiker zwischen Detmold und Bielefeld den Kopf auf Leerlauf stellt, bleibt unter seinen Möglichkeiten – oder gar auf der Strecke. Eine Renntaktik verspricht ein besseres Ankommen an der Sparrenburg

Arne Bensiek

Bielefeld. Die Warnungen verhallen jedes Jahr aufs Neue. „Viele Läuferinnen und Läufer werden beim Hermannslauf am Sonntag wieder vor Erschöpfung in die hinterletzten Ecken ihrer Körper schauen, weil sie blind drauflosgelaufen sind“, prophezeit Ingmar Lundström, Sieger von 1999. Der Gütersloher bereitet in diesem Jahr als Laufcoach mehr als 150 Frauen und Männer auf den „Hermann“ vor. Nicht, dass das Gros der Teilnehmer nicht gut genug trainiert sei, sagt er. Das Problem sei die Gedankenlosigkeit, mit der viele Hermannsläufer auf die Strecke gingen. Vielen fehle eine Taktik. „Wenn ich mir das Rennen nicht klug einteile, bringt mir die perfekteste Vorbereitung nichts“, warnt Lundström. Jeder habe nur eine begrenzte Menge Sprit im Tank – ob Spitzenläufer oder Hobbyjogger. Um es damit bestmöglich ins Ziel zu schaffen, sei der Kopf gefragt. Martin Sprenger, Sieger von 1988, beschreibt es mit einem Bild: „Der Hermannslauf ist ein schlafendes Ungeheuer.“ Sein Rat an alle Teilnehmer ist, die 31,1 Kilometer ruhig und behutsam anzugehen. „Sonst wacht das Ungeheuer auf und beißt zu.“ Wer laufe, ohne nachzudenken, bekomme beim Hermannslauf Probleme, bestätigt auch Sprenger. Die Strecke verführe zu einem schnellen Start, zeige ihre Zähne aber erst auf der zweiten Hälfte. „Ein Viertel der Läuferinnen und Läufer muss dem zu hohen Tempo am Anfang Tribut zollen“, schätzt der Bielefelder Grundschullehrer. „Was man nach einem Kilometer an Sekunden zu schnell ist, ist man später an Minuten zu langsam im Ziel.“ Ingmar Lundström und seine Laufgruppe hatten kürzlich einen Sportpsychologen zu Gast. Der Mentaltrainer empfahl allen, sich am Abend vor dem Lauf im Kopf ein Drehbuch für den Hermann zurechtzulegen: Welche Stärken und welche Schwächen habe ich, und wie komme ich damit am geschicktesten über die zahlreichen Hürden zwischen Hermannsdenkmal und Sparrenburg? „Grob zusammengefasst heißt mein eigenes Drehbuch: halb mit Kopf, halb mit Herz“, erzählt Lundström. Wer auf der ersten Hälfte das Gefühl habe, etwas zu trödeln, mache alles richtig. Die bewusste Zurückhaltung sorge dafür, dass auch nach dem Tönsberg noch genügend Energie für ein beherztes restliches Rennen verfügbar sei. „Eine gedankliche Einteilung des Hermannslaufs in drei Drittel ist aus meiner Sicht ideal“, erklärt Martin Sprenger. Der Gipfel des Großen Ehbergs (nach sieben Kilometern) sei das erste Drittel, der Tönsberg (16) das zweite Drittel und der Anstieg nach der Osningstraße (26) das dritte Drittel. „Das drittel Drittel ist mit Abstand das schwierigste, weil das Schopketal, die Lämershagener Treppen und die beiden Berge vor dem Eisernen Anton dazugehören“, sagt Sprenger. Wer sich das klar mache, spare auf den ersten beiden Dritteln auch bewusster Energie – indem man etwa an besonders steilen Stellen geht anstatt zu laufen."Punktuelles Gehen ist ein sehr schlaues Mittel" „Das mag gerade vielen der besseren Läufer zunächst popelig oder unter ihrer Würde erscheinen“, glaubt Ingmar Lundström, „punktuelles Gehen aber ein sehr schlaues Mittel“. Der Gütersloher Andreas Ewert soll bei seinem Sieg im Jahr 1995 die gesamten Lämershagener Treppen gegangen sein. Seine Siegerzeit war 1:44:11 Stunden. Niemand sollte also glauben, eine Zeit von unter 2:30 Stunden und Gehen vertrügen sich nicht. „Man wendet deutlich weniger Kraft auf, ist aber fast genauso schnell unterwegs und definitiv viel schneller wieder zurück in seinem Laufrhythmus“, beteuert Lundström. Das letzte Drittel des Tönsbergs, die Lämershagener Treppen und der kurze, knackige Anstieg mit ein paar Treppenstufen nach der Osningstraße böten sich zum Gehen an. „Bei Letzterem bin ich selbst am häufigsten gegangen“, gesteht der frühere Hermannslauf-Sieger. „Wer diese letzte große Hürde überwunden hat, kann alle Bremsen lösen“, sagt Martin Sprenger. Wer dort noch Kraftreserven habe, erlebe einen wahren Rausch auf dem Weg ins Ziel. Dann sause man wie ein heißes Messer durch die Butter und überhole reihenweise Läufer, die noch vor dem Ende am Ende seien. „Erst dort, nach 26 Kilometern, zählt es, wie man sich fühlt, nicht nach der Hälfte des Hermanns“, sagt Ingmar Lundström. Das Ziel sei schließlich das Ziel. Gänsehaut bekomme er vor lauter Euphorie, wenn bei ihm dann fünf Kilometer vor der Sparrenburg noch Sprit im Tank sei und wenn er später den Zieleinlauf durch das Spalier der jubelnden Zuschauer wirklich genießen könne. „Das gibt einem das Gefühl, dass man es draufhat und dass man die richtige Taktik gewählt hat.“ ´ Ende der Serie

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