Laufreportage mit dem Bielefelder Jan Kerkmann. Redakteur Arne Bensiek läuft gemeinsam mit Jan Kerkmann. - © Sarah Jonek
Laufreportage mit dem Bielefelder Jan Kerkmann. Redakteur Arne Bensiek läuft gemeinsam mit Jan Kerkmann. | © Sarah Jonek

Hermannslauf Auf der Hermannslauf-Strecke mit Läufer Jan Kerkmann

Mythos Hermannslauf (4): Der Zweitplatzierte aus 2016 könnte den Lorbeerkranz mal wieder in Bielefeld halten

Arne Bensiek

Bielefeld. Die Kleidung stellt die Kraftverhältnisse gleich klar. Ich bin mit Jan Kerkmann zu einer Laufeinheit auf dem Hermannsweg verabredet. Und er kommt in einer dicken Jacke. Aus Angst vor dem glühenden Tempo des Wunderläufers setze ich trotz der polaren Morgentemperaturen auf zwei lächerlich dünne Stoffschichten. „Ich erhole mich gerade noch von einem Infekt", erklärt der 25-Jährige auf den ersten Metern. Von der Habichtshöhe geht es kräftig bergauf Richtung Lämershagen. Kerkmanns Erholungsschritt und mein Renntempo sind zufällig eins. Leichten Fußes, mit vielen kleinen Schritten, schwebt der Blondschopf die Rampe hinauf. Seine Stimme, mit der er das „ganz vernünftige Tempo" lobt, ist eine Spur zu entspannt. Zu welcher Geschwindigkeit der gebürtige Braker im Stande ist, das hat er beim Hermannslauf im vergangenen Jahr gezeigt: In 1:51:02 Stunden wurde Kerkmann hinter Seriensieger Elias Sansar Zweiter. „Ich hätte das nie für möglich gehalten", beteuert er. Natürlich sei er als Kind die Traummeile um den Obersee oder den Sieben-Teiche-Lauf in Brake gerannt. Sein Sportlehrer war mit Martin Sprenger immerhin der Hermannslauf-Sieger von 1988. „Aber ich bin nie auch nur annähernd als Erster oder Zweiter angekommen", erinnert er sich. Laufen: "Ehrliche Sportart" Seine Gabe fürs Laufen erkannte der eher kleine, drahtige Kerkmann erst mit 19 Jahren. Da hatte er das Fitnessstudio satt und all die Mühen des beschwerlichen Muskelaufbaus gegen sein eigenes Naturell. „Im Vergleich dazu erschien mir Laufen plötzlich als ehrliche Sportart", sagt er. Eindrucksvoll bekommt er seitdem zurück, was er investiert. Kerkmanns Marathon-Bestzeit liegt bei 2:33:35 Stunden, aufgestellt 2015 in Berlin. Bis zu 160 Kilometer pro Woche läuft der Philosophie-Doktorand in der Vorbereitung auf den „Hermann". In Freiburg, wo er promoviert, wohnt er außerhalb der Stadt in einem kleinen Bergdörfchen. Gute Bedingungen, um auf dem Weg in die Uni und zurück ordentlich Höhenmeter zu sammeln – und sich gleichzeitig freizumachen vom Erwartungsdruck im heimischen Bielefeld. Die Anstiege sind auch für Topläufer eine Qual In Ostwestfalens Laufszene trauen viele Kerkmann zu, Elias Sansar den zehnten Sieg beim Hermann zu vermiesen. Zu rasant hat sich Kerkmann zuletzt Jahr für Jahr verbessert, als das ein erneuter Leistungssprung nicht möglich erscheint. Zwischen dem Eisernen Anton und den Lämershagener Treppen, am Roten Berg, philosophiert Kerkmann ohne Luft zu holen über das Rennen des vergangenen Jahres. Genau an diesem Anstieg habe er Henrich Kolkhorst überholt und sich an die zweite Stelle gesetzt. „Aus meiner Sicht war es das perfekte Rennen", schwärmt er. Auch weil eine Reihe sehr guter Läufer nicht mit am Start gewesen seien, ergänzt er mit einem Grinsen. Angekommen am Fuß der Lämershagener Treppen, wo Kerkmanns Widersacher Sansar gerne alljährlich seine Gegner stehenlässt, geht es wieder zurück Richtung Bielefeld. Meine Bitte: „Jetzt mal wie am 30. April auf der Flucht vor Elias Sansar." Jan Kerkmann überlegt kurz. Ist das eine gute Idee? Sind die Muskeln warm genug? Bestimmt, bei der dicken Jacke... Dann rast er los. Zack, zack, zack, zack. Die Beine schießen wie Motorkolben bei Vollgas die Treppen empor. Sprint über das Verbindungsstück. Die zweiten Treppen – nein. Kerkmann biegt rechts ab. „Weicheier" steht da auf einem Pfeil. Dann zieht er nochmal an. Ich bin kurz vor der Explosion, vor dem Tod durch Ersticken: „Halt! Stopp! Reicht!" Oben angekommen keucht immerhin auch Kerkmann mächtig. „Es ist nicht so, dass diese Anstiege für die Topläufer im Feld keine Qual wären", schnauft er. Das zum Thema Weicheier. „Aber ich bin immer wieder überrascht, wie schnell ich auf den Metern danach regeneriere." Wenn Jan Kerkmann wie an diesem Tag auch beim Hermann als Erster an der Sparrenburg ankommt, dürfte das nur noch wenige überraschen. Der Autor Arne Bensiek ist gebürtiger Bielefelder und in diesem Jahr zum 14. Mal beim Hermannslauf am Start.

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