Aufgepasst: Auf dem steilen Weg hinunter nach Oerlinghausen wechselt der Untergrund von Asphalt zu Kopfsteinpflaster. Auch erfahrene Läufer drosseln hier das Tempo. - © Jörg Dieckmann
Aufgepasst: Auf dem steilen Weg hinunter nach Oerlinghausen wechselt der Untergrund von Asphalt zu Kopfsteinpflaster. Auch erfahrene Läufer drosseln hier das Tempo. | © Jörg Dieckmann

Hermannslauf Das sind die heimlichen Hürden des Hermannslaufes

Alle reden vom Tönsberg und den Lämershagener Treppen. Völlig unterschätzt werden dagegen fünf andere Streckenabschnitte, die ganz eigene Tücken haben

Arne Bensiek

Bielefeld. Das Ranking der schwersten Hürden auf dem Weg vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg kennt eigentlich nur zwei Plätze: den Tönsberg nach 15 Kilometern und die Lämershagener Treppen nach 21 Kilometern. Der steile Anstieg nach Oerlinghausen imponiert vielen, denn er macht aus Läufern reihenweise Geher – spätestens im steilen Finale. Seinen Mythos und seine fast spirituelle Wirkung verdankt der „Hermann" aber den 120 happigen Stufen, die kein Tempelbauer der Maya besser verlegt hätte. Im Schatten dieser beiden ruhmreichen Rampen liegt eine Handvoll tückischer Abschnitte, auf die sich alle Teilnehmer umso mehr gefasst machen sollten. Insgesamt rund fünf der 31,1 Kilometer verlaufen im Sande, genauer gesagt im Sennesande. Nach gut vier Kilometern, wenn das Tempo traditionell noch hoch ist, wird das Geläuf zum ersten Mal heikel. Kennen Sie den Oerlinghauser Krokodilrücken? Die Strecke ist hier relativ schmal, und in der Mitte des Weges ist der Sandboden zuverlässig von Pferdehufen zerfurcht. Wer hier in Laufschuhen aufgaloppiert, stakst umher wie im Treibsand und verliert schnell den Rhythmus. Die bessere Wahl ist es, sich am festgetretenen Wegesrand geduldig einzureihen, auch wenn es der Läufer vorne dran vielleicht etwas gemütlich angehen lässt. Unangenehm wird die Beschaffenheit des Bodens auch nach etwa 17,5 Kilometern. Das Teilnehmerfeld kommt den steilen Weg neben der Kumsttonne hinuntergeschossen, da wechselt der Untergrund von Asphalt zu Kopfsteinpflaster. Nicht nur an regnerischen Tagen zwingt der Oerlinghauser Krokodilrücken die Läufer in die Bremsen. Der Mittelweg ist auch hier keine gute Wahl. Rechts und links verlaufen zum Glück relativ ebene Rinnsteine, die noch dazu Läuferbreite haben. Aber Vorsicht: Alle Nase lang kommt ein Gullideckel. Oder den Highway to Hell des Hermannslaufes? Wer denkt, der Weg in die Hölle verlaufe abwärts, wird schon wenige Minuten später eines Besseren belehrt. Das malerische Schopketal beginnt mit einer solchen Steilwand, dass man das Laktat in den Waden rauschen hören würde. Wären da nicht ein paar lustige Heinos, die jedes Jahr aufs Neue eine gewaltige Box heranschaffen und den alpinen Anstieg mit dem AC/DC-Klassiker Highway to Hell bedröhnen. Passend zum leiernden Beat kleben die Läufer wie Schnecken am Asphalt. Sogar die Besitzer begnadeter Läuferbeine tun sich hier – einer Umfrage zufolge – mit Komplimenten für den Straßen- und Wegebau schwer. Wenn die legendären Treppen den Heldenmut und den Zielzeitvorsatz kassiert haben und der Eiserne Anton passiert ist, sind es nur noch fünf Kilometer bis ins Ziel. Theoretisch geht es dabei erfreuliche 150 Höhenmeter bergab. Faktisch wartet hinter der Osningstraße ein Lämershagener Déjà-vu: Treppenstufen. Noch einmal Stufen kurz vor dem Ziel - und dann noch die Promenade Diesmal zwar nicht so zahlreich, doch mit dem nur langsam abflachenden Buckel dahinter ergibt sich eine späte ekelige Hürde auf dem Weg zum Ruhm. Wenn’s für den wartenden Anhang im Ziel mal wieder länger dauert als erwartet, dann kämpft Bärchen oder Mausi wahrscheinlich gerade an dieser Stelle mit dem ersten Krampf. Um muskulären Blockaden zu entgehen, sollte man auch den Schlussspurt nicht zu früh anziehen. Der Anfang der 1,5 Kilometer langen Promenade ist gefälligst nicht mit dem Beginn der Zielgeraden zu verwechseln. Wenn doch, wird sie zur unendlichen Promenade. Klar, der Jubel der Zuschauer ist schon zu vernehmen und erzeugt einen magischen Sog. Trotzdem brauchen die meisten Läuferinnen und Läufer noch gute sieben bis zehn Minuten bis ins Ziel. Und so kurz vor Schluss will doch niemand mehr auf der Strecke bleiben. Der Streckenverlauf des Hermann: Der Autor Arne Bensiek ist gebürtiger Bielefelder und in diesem Jahr zum 14. Mal beim Hermannslauf am Start.

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