Anprobe: Wie besonders der Schaft, der direkt ans Bein anschließt, passt, diskutiert Volker Hinz mit Orthopädie-Ingenieur Jan Can Bayyurt und Werkstattleiter Ulf Lhotzky (rechts). - © Foto: Andreas Frücht
Anprobe: Wie besonders der Schaft, der direkt ans Bein anschließt, passt, diskutiert Volker Hinz mit Orthopädie-Ingenieur Jan Can Bayyurt und Werkstattleiter Ulf Lhotzky (rechts). | © Foto: Andreas Frücht

Bielefeld Bielefelder läuft den Hermann mit Prothese

Volker Hinz will die Strecke von Detmold nach Bielefeld unter 
drei Stunden laufen

Silke Kröger

Bielefeld. Volker Hinz hat sich ein großes Ziel gesetzt: Er will den Hermannslauf unter drei Stunden laufen – mit einer Vorbereitungszeit von einem Monat und einer Woche. Und das mit einer frisch angepassten Prothese. Denn der 47-jährige Schildescher ist seit einem Unfall 2012 unterhalb des Kniegelenks amputiert. „Die Vorbereitungszeit ist ganz schön knapp", meint er. Aber zu schaffen? „Na klar, das will ich jedenfalls versuchen." Über Menschen mit Amputationen gibt es viele Klischees. Sie können kein normales Leben mehr führen, sind überall gehandicapt und auf allerlei medizinische Hilfsmittel angewiesen, die sie einschränken. Volker Hinz kann darüber nur den Kopf schütteln. Er arbeitet inzwischen wieder, ist medikamentenfrei und kommt im Alltag gut klar. Und möchte anderen, die ebenfalls amputiert sind, Mut machen. Nicht aufzugeben, sondern sich aufzuraffen. An sich zu arbeiten und so lange Unterstützung zu suchen, bis alles passt. Und: aktiv zu bleiben. „Bewegung macht gesund", bekräftigt er. Volker Hinz hat vor seiner Amputation einmal den Hermann gelaufen. „In 3:35 damals", erinnert er sich. Dann kam der Unfall, der sein rechtes Bein so stark schädigte, dass er sich entscheiden musste: langwierige, schmerzhafte Behandlung oder Amputation. „Ich hätte drei Jahre lang einen Fixateur tragen müssen. Aber ich wollte so schnell wie möglich mein Leben zurück." Ein weg voller Probleme Der Schildescher sah, was Menschen mit Prothese bei den Paralympics leisten können, und entschloss sich zur Amputation. Danach begann ein Weg voller Probleme, ein Hin und Her mit den Krankenkassen und Sanitätshäusern. Die Prothesen drückten, die Passteilen entsprachen nicht seinen Bedürfnissen.Er lernte aber auch viel dazu, etwa die Bedeutung des eigenen Gewichts: „Plus, minus drei Kilo geht, aber darüber hinaus passt die Prothese nicht mehr." Volker Hinz wollte weiter Sport machen: „Das erste Jahr bin ich um den Obersee gewalkt, dann habe ich langsam begonnen zu laufen." 2016, nach viereinhalb Jahren Training, war es soweit. Erneut der Hermann, über 30 Kilometer rauf und runter, mit Alltagsprothese. „Danach war ich fertig." Aber aufgeben? Nein, auf keinen Fall. Hinz machte sich daran, für eine Sportprothese Sponsoren zu suchen ( „So etwas hätte ich mir nie leisten können") und stieß über Bekannte auf das Sennestädter Sanitätshaus Medi-Pharm mit angeschlossener Orthopädie-Werkstatt. „Unser Ziel ist es, die Sportprothetik bekannter zu machen", sagt Werkstattleiter und Orthopädietechnikermeister Ulf Lhotzky. „Wir wollen zeigen, was möglich ist." Das Team nahm die Herausforderung an, für den Hermannsläufer die passende Sportprothese zu fertigen und erklärte sich bereit, diese auch zu sponsern. „Und wir sind daran gewachsen", fügt Orthopädietechniker Jan Can Bayyurt hinzu. Der Schaft ist das A und O Zwei Monate enge Zusammenarbeit folgten: Messungen, Gipsabdruck, Testschaftfertigung, statische Anprobe, Kontrolle, Ganganalyse, dynamische Anprobe, Korrekturen und schließlich Fertigstellung – alles in Handarbeit, alles in der eigenen Werkstatt an der Vennhofallee." Der Schaft ist das A und O bei der Prothese, er muss sitzen", sagt Lhotzky. „Das ist die wahre Handwerkskunst." Das dauert, und das kostet: im Bereich der Unterschenkelprothetik bis zu 15.000 Euro für eine gesamte Prothese. Die unzähligen Arbeitsstunden leistete das Werkstattteam, zu dem auch Orthopädietechnik-Mechaniker Winfried Konradi gehört, in seiner Freizeit. Hinz ist auch von dem Miteinander begeistert: „Es ist sehr familiär hier, das finde ich richtig gut. Und hier fühle ich mich sicher. „Die Orthopädietechniker seien bei Problemen über Handy stets erreichbar. „Es passiert ja immer etwas am Wochenende", meint der Schildescher, der sich von den Sennestädtern zudem eine Alltagsprothese anpassen ließ. Er hat sich über den Hermannslauf hinaus schon längst ein neues Ziel gesetzt. „Der ist ja wegen der Berge ja mit einem Marathon vergleichbar." Den möchte er als Nächstes laufen.

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