Auf in den Kampf: Mit Blick auf das Hermannsdenkmal, das an den Cheruskerfürsten Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald erinnern soll, starten die Hermannsläufer traditionell auf die 31,1 Kilometer voller Schmerzen, Leiden und Freude. - © Sarah Jonek
Auf in den Kampf: Mit Blick auf das Hermannsdenkmal, das an den Cheruskerfürsten Arminius und die Schlacht im Teutoburger Wald erinnern soll, starten die Hermannsläufer traditionell auf die 31,1 Kilometer voller Schmerzen, Leiden und Freude. | © Sarah Jonek

Hermannslauf Mythos Hermann: Warum der Hermannslauf die größte Reifeprüfung der Region ist

Verzicht, Wille und Leidensfähigkeit sind auf den 31,1 Kilometern durch den Teutoburger Wald gefragt. Wer das Ziel erreicht, ist ein Champion und nimmt mehr mit als eine Medaille

Arne Bensiek

Bielefeld. Jedes Jahr am letzten Sonntag im April, wenn ich morgens meine Schuhe für den Hermannslauf schnüre, wartet meine Mutter schon an der Tür. „Aber Du passt auf Dich auf, ja?" Sie sagt das so ernst, als zöge ich in den Krieg. Und schaut dazu so bange, als könnte ich aus der Schlacht nicht zurückkehren. Ich frage mich dann immer, warum sie nicht meinen großen Bruder mitschickt – mir könnte nichts mehr zustoßen. Bestimmt hat sie Angst, zwei Söhne auf einmal zu verlieren. Ich breche traditionell mit einem Schmunzeln auf. Es mag sein, dass die Varusschlacht mehr als 2.000 Jahre zurückliegt. In den Köpfen der Ostwestfalen und Lipper lebt sie fort. Jedenfalls wenn „Hermann" ist. Auf der Busfahrt von Bielefeld nach Detmold prahlen Läufer wie Krieger am Lagerfeuer lauthals von geschlagenen Schlachten, von Kämpfen mit dem Tönsberg und Krämpfen an den Lämmershagener Treppen. Weil diese eisernen Antons ihr Hermannsgarn auch außerhalb der Busse unters Volk bringen, umgibt den Lauf längst ein Mythos. Im Bus ist von Vorbereitungswettkämpfen die Rede, von Laufgruppen und aberhunderten Trainingskilometern. Meine eigene Vorbereitung schrumpft in dieser halben Stunde auf das Maß einer Trockenpflaume. Ich steige stets eingeschüchtert aus dem Bus. Nicht anders muss es den mehr als 2.000 Erstlingen gehen, die jedes Jahr am Start sind. Wer das Ziel erreicht und noch lächeln kann, ist ein Champion Die folgenden 31,1 Kilometer durch den Teutoburger Wald sind zugegebenermaßen weder eine Schlacht noch ein Kampf. Und auch nicht die Weltmeisterschaft der Ostwestfalen und der Lipper. Der Hermannslauf ist viel mehr: die größte Reifeprüfung der Region. Egal ob in unter zwei Stunden oder in mehr als drei – das Auf und Ab durch den Teutoburger Wald verlangt von allen Läuferinnen und Läufern Leidensfähigkeit und Willen. Die Sieger müssen obendrein Genügsamkeit mitbringen: Zu gewinnen gibt es nur ein Jahresabo Prestige und einen Lorbeerkranz. Wer das Ziel an der Sparrenburg erreicht und noch lächeln kann (gequält gilt auch), ist ein Champion. Die Vorbereitung in der kalten Jahreszeit erfordert Disziplin und Bestimmtheit. Gerade das sind Tugenden, die mein Lateinlehrer immer gerne dem Abitur aus Heepen zuschreiben wollte. Pah! Der gute Mann ist nie den Hermann gelaufen, dabei war das sein Vorname. Zumal viele der mehr als 7.000 Hermannsläufer Bildung nachweislich sehr zu schätzen wissen. An keinem Tag im Jahr ist das kleine Informationszentrum am Hermannsdenkmal so brechend gefüllt wie am Morgen des großen Volkslaufes. Arminius und Varus – ganz schnell noch vorm Startschuss. Eindrücke bleiben für immer Ich bin immer wieder beeindruckt vom Wissensdurst der anderen Teilnehmer, wenn ich mich gegen die Aprilkälte pseudointeressiert in den beheizten Pavillon mogele. Mit dem auf 30 Grad temperierten Pfirsichtee, den die emsigen Helferinnen und Helfer im Ziel aus Wäschewannen schöpfen, schließt sich für mich bei jedem Hermannslauf der Kreis. Meine Mutter wartet gerne auf dem felsigen Feldherrenhügel in Laufrichtung links der Zielgeraden. Der bietet einen freien Blick auf das, was von ihrem Sohn noch übrig ist. Wer die größte Reifeprüfung Ostwestfalen-Lippes besteht, bekommt eine Medaille um den Hals. Mit nach Hause nimmt man aber weit mehr: Die Frage, warum habe ich mir das angetan (verschwindet nach drei Wochen). Und höllischen Muskelkater (hält maximal drei Tage). Die unbezahlbaren Eindrücke bleiben für immer. 800 Teilnehmer bei der Premiere – heute sind es 7.200 Beim ersten Hermannslauf im Jahr 1925 war das Hermannsdenkmal nicht der Startpunkt, sondern das Ziel. Mehr als 160.000 Mitglieder von Turnvereinen liefen aus dem gesamten Reichsgebiet in einem Sternlauf nach Detmold. Initiator war der rechtskonservative Deutsche Turnerbund, für den beim Hermannslauf mehr die politische Symbolik als der Sport zählte. Das Hermannsdenkmal sei ein „Wahrzeichen deutschen Heldensinns und echter Vaterlandsliebe" hieß es. Der erste Hermannslauf in seiner heutigen Form fand 1972 statt – vom Hermannsdenkmal zur Sparrenburg in Bielefeld. Seine Erfinder Wolfgang Schlüter und Peter Gehrmann hatten keine Kenntnis vom „Ur-Hermannslauf". 800 Läufer nahmen an der Premiere teil, inzwischen sind es etwa 7.200. Die Strecke wurde 2005 von 30,6 auf 31,1 Kilometer verlängert. Der Autor Arne Bensiek ist gebürtiger Bielefelder und in diesem Jahr zum 14. Mal beim Hermannslauf am Start.

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